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Diese Mieter sind vor den Zuständen im Westend geflüchtet: Maria Hehmeier und René Chambosse vor der Schumannstraße 13.

Mieter-Verdrängung

Das Westend bebt

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Die Dokumentation „Frau Lenke wohnt hier nicht mehr“ schildert die Verdrängung von Bewohnern im einstigen Frankfurter Großbürger-Stadtviertel. Bei der Uraufführung dampft die Luft.

Das Westend bebt. Ein Film hat den Bann der Sprachlosigkeit gebrochen. Der Film heißt „Frau Lenke wohnt hier nicht mehr“. Er behandelt „Mietervertreibung im Frankfurter Westend“. Als die Uraufführung der Dokumentation am Dienstagabend im gestopft vollen Saal der Evangelisch-reformierten Gemeinde durch war, da dampfte die Luft. „Milieuschutz-Satzung!“, „Vorkaufsrecht der Stadt!“, Genehmigungsvorbehalt der Behörden!“ riefen sich die Gäste im Publikum zur geschilderten Problematik nach und nach die Schlüsselbegriffe zu. Einfach „handeln!“ rief einer. Und „diese Regierung hier in Frankfurt, die Grünen und die CDU, abwählen!“ donnerte eine Frau in Pünktchenbluse in den Raum. Da stand in seiner ganzen stattlichen Größe der Ortsvorsteher auf, knöpfte die Jacke zu und donnerte zurück: „Kaufmann, CDU!“. „Gemeinsam etwas auf die Beine kriegen“, müssten die Anwesenden seiner Meinung nach – „gegen diese Methoden, die Leute rauszuekeln“. Und er sei dabei. „Zusammenhalten!“, empfahl Axel Kaufmann.

Der Film, gedreht von einem Team aus Studierenden und einer Bewohnerin, schildert Verdrängungsgeschichten. Ganz nebenbei räumt er mit dem Vorurteil auf, Westendbewohner seien ja reich genug, sich zum Wohnen etwas anderes zu suchen. Solche Leute sieht man im Film überhaupt nicht. Auch nicht im Saal.

Mieter schildern Erfahrungen

Andrea Pollmeier und Michel Roumer sprechen vor der Kamera über das Geschehen im alten Haus Böhmerstraße 4, René Chambosse und Maria Hehmeier berichten über die Erfahrungen in der mit lärmenden Untermietern vollgestopften Schumannstraße 13, Gerlinde Becker schildert den Streit um die von oben bis unten leerstehende Leerbachstraße 92. Nicole Sicherl, eine junge Mutter aus der Unterlindau 22–30, gibt Bericht, wie sie gegen die horrende Mieterhöhung dort geklagt und gewonnen hat. Letztlich kommt Dieter Wolf aus der Martin-Luther-Straße 61 (Nordend) zu Wort, ein unerschrockener Mann, der lernen musste, dass es in diesen Vierteln „üblich ist, die Leute rauszuschmeißen“. Weil ja, so erklärt er, „unser’ Politik alles getan hat, dass die Aufkäufer sich hier sicher fühlen“.

Der Film wird an dem Abend im Publikum weitergedreht. Einem Haus nach dem anderen geben Mieter ein Gesicht. Fichardstraße 45, Unterlindau 71, Westendstraße 92, Neuhofstraße 27. „Man muss die Namen der Spekulanten preisgeben!“, verlangt Sigrid Oerder aus der Fichardstraße 45. Sie hält einen Brief ihres Vermieters „City 1 Property“ in die Höhe, demzufolge dieser jetzt ein harmonisches Wohnumfeld schaffen und Sie als langjährige Mieterin halten“ will. Weil vorher das Gegenteil galt, ist Sigrid Oerder „auch in der Gruppe gelandet“, nämlich in der Aktionsgemeinschaft Böhmerstraße, die auch den Film initiiert hat.

„Das ist nur gelungen, weil die Menschen aktiv geworden sind!“, meldet sich nun Stephan Schenk aus der Böhmerstraße 4, der hat das gleiche Schreiben desselben Eigentümers bekommen, in dem dieser außerdem mitteilt: „Wir haben in Ihrer Liegenschaft alle Mietverträge mit Option zur Untervermietung gekündigt.“ Häuser von „City 1“ waren oder sind mit Arbeitern aus Osteuropa belegt, 20 Leute in einer Wohnung teilen sich ein einziges Bad, die Stromversorgung bricht zusammen, die Abflüsse verstopfen, Ungeziefer macht sich breit.

Rassismus ist es nicht, das anzuprangern, Rassismus wäre es, „wenn wir das hinnehmen“, wird man sich im Saal einig. Denn „die Menschen werden missbraucht“, zur Mietervertreibung. Das nächste Kapitel dieser Geschichte wird ja schon geschrieben, in der Unterlindau 71. Zwei Wohnungen von fünf seien schon derartig belegt, „der Investor setzt uns unter Druck“. Freitag nächster Woche wird demonstriert, teilt eine Mieterin mit. Und Ortsvorsteher Kaufmann, der komme auch.

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