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Sylvia Asmus vor dem Schaukasten an der Deutschen Nationalbibliothek, der an das Schicksal von Frauen und Männern in der Emigration erinnert.

Exilarchiv in Frankfurt

Die Vertreibung endet nie

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Die Direktorin des Deutschen Exilarchivs in Frankfurt arbeitet an einer Dauerausstellung in der Nationalbibliothek.

Es sind stumme Zeugen, die doch sehr viel erzählen. Die erschüttern und bewegen. Der kleine Beutel aus grauer Seide zum Beispiel. Als die spätere Schriftstellerin Stefanie Zweig 1938 als Sechsjährige vor der Verfolgung durch die Nazis aus Leobschütz in Oberschlesien fliehen musste, nahm sie das Säckchen mit. Gefüllt mit „Erde vom Grab der lieben Mutter“. Sie trug den Beutel immer bei sich in ihrer neuen Heimat Kenia. Und später bei ihrer Rückkehr nach Frankfurt am Main.

Oder das unscheinbare Zugbillett aus den 30er Jahren, gelöst von Köln nach Aachen. Dreht man die kleine Pappe um, steht da in winziger, aber gestochen scharfer Schrift: „Die Fahrkarte in die Freiheit.“ Der Fotograf Walter Zadek hatte sie gekauft, als er aus Nazi-Deutschland fliehen musste. Zur Tarnung bei eventuellen Kontrollen erwarb er    ein Ticket für die Hin- und Rückfahrt. In Wahrheit floh er von Aachen nachts über die grüne Grenze in die Niederlande und von da aus nach Palästina. Er überlebte, hob die Fahrkarte auf und beschriftete sie.

Nur zwei der besonderen Erinnerungsstücke, die Sylvia Asmus mir an diesem Morgen präsentiert. Die Direktorin des deutschen Exilarchivs spricht geradezu liebevoll, aber doch ohne falsche Sentimentalität von    den besonderen Originalen, die sie in ihren Depots in der Deutschen Nationalbibliothek hütet. „Sie haben eine besondere Ausstrahlung“, sagt die 51-Jährige. Abends, am Ende eines Arbeitstages, geht die Kunsthistorikerin manchmal noch in ein Magazin, holt ein solches Stück hervor und betrachtet es in Ruhe.

„Es sind kleine, fragile, unscheinbare Dinge, in die Spuren des Lebens eingeschrieben wurden.“ Wenn sie dann so ein Stück in der Hand hält und dessen besondere Ausstrahlung in sich aufnimmt, dann ist das für sie „sinnstiftend“, wie sie ganz schlicht sagt. Dann weiß sie mehr denn je, warum sie diese Arbeit macht, seit 2011 an der Spitze des Exilarchivs, seit 1994 schon in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt.

In einer Zeit, in der weltweit Millionen Menschen von Krieg und Hunger in die Flucht getrieben werden, erhält die Erinnerung an das deutschsprachige Exil nach 1933 ein neues, besonderes Gewicht. Das Exilarchiv mit seinen 19 000 Büchern und Broschüren, mit seinen 300 Nachlässen und einer Million Blatt Papier tritt aus seinem Schattendasein heraus. Im März 2018 werden in der Nationalbibliothek an der Eckenheimer Landstraße Ausstellungsräume von fast 800 Quadratmetern eröffnet. Das Exilarchiv wird sichtbar: eine Premiere.

Gerade sind Handwerker dabei, die Säle vorzubereiten, sie stehen auf Leitern, ziehen Leitungen und weißen Wände. „Exil – Erfahrung und Zeugnis“ lautet das Motto der künftigen Dauerausstellung. Die Biografien von acht Kindern, Frauen und Männern werden stellvertretend für viele erzählt.

Ganz bewusst werden nicht nur Prominente zu sehen sein wie Thomas Mann und Bertolt Brecht, sondern auch Unbekannte. In drei Kapitel gliedert sich ihr Weg zeitlich: Flucht, im Exil, nach dem Exil.

Asmus ist nach all den Gesprächen, die sie mit Exilanten führte, nach all den Dokumenten, die sie las, überzeugt: Das Exil endet nie. Immer, bis zum Lebensende, ist diese Erfahrung in den Menschen präsent. Die Wissenschaftlerin hält Kontakt zu den letzten lebenden Zeitzeugen des deutschsprachigen Exils. Nach unserem Treffen wird sie zu Dora Schindel fahren, die ihren 102. Geburtstag feiert. Die gebürtige Münchnerin, gelernte chemisch-technische Assistentin, aber auch Absolventin der Tanzschule von Mary Wigman, half nach ihrem Umzug in die Schweiz 1937 vielen Emigrierten. Sie ebnete Fluchtwege, etwa nach Südamerika, und floh am Ende selbst nach Brasilien.

Doch die letzten lebenden Zeitzeugen werden bald nicht mehr sein. Die Erinnerungsarbeit ändert sich. Die Dokumente, die Bücher, die Objekte werden noch wichtiger. Und das Deutsche Exilarchiv wird sie öffentlich zeigen ab März 2018.

Zum Beispiel die alten Reisekoffer. Wir fahren hinunter in die Katakomben. Ein Labyrinth von Betongängen, Seitentüren, Zwischenräumen, aus denen ein Unwissender nur schwerlich herausfände.

Und da stehen sie, ramponiert, verbeult, zerkratzt: Die einfachen Pappkoffer, in denen die Menschen ihre letzte Habe mitschleppten auf der Flucht. Mit nicht mehr als diesen Habseligkeiten kamen sie im Exil an.

Dass die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, Monika Grütters (CDU), in eine Dauerausstellung des Exilarchivs investiert, ist für Sylvia Asmus „ein absolutes Glück“. Dass ihre berufliche Arbeit einmal dem Kampf gegen das Vergessen gelten würde, war nicht vorgezeichnet.

Zwar hatte sie sich früh für Literatur interessiert, hatte insbesondere intensiv die Texte von Franz Kafka gelesen. Doch als junge Frau zog sie eine ganz andere Welt magisch an: das Puppentheater. Asmus wollte Puppenspielerin werden, also Marionetten an Fäden lenken. An der traditionsreichen Marionettenbühne im fränkischen Schwabach arbeitete sie ein halbes Jahr lang.

Bibliothekswissenschaften studiert

Sie spielte Märchen, klassische Stoffe, aber auch ein modernes, kritisches Stück, in dem es um Umweltverschmutzung ging. „Marionetten bieten unheimliche Möglichkeiten, es hat sehr viel Spaß gemacht.“ Doch „über Puppen Inhalte zu transportieren“ – das war es am Ende doch nicht. Sie stürzte sich ins Studium der Bibliothekswissenschaften.

Wir verlassen das warme Halbdunkel der Bibliothek und treten hinaus in den nasskalten Herbst, Sylvia Asmus zieht ihren Mantel enger. Hier draußen vor der Tür macht das Deutsche Exilarchiv bisher auf seine Existenz aufmerksam – mit einem großen gläsernen Schaukasten. Hier wird mit Fotografien und Zitaten an das Schicksal von Schriftstellern und Künstlern erinnert, die vor der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft fliehen mussten: Otto Klemperer, Thomas Mann, Joseph Roth, Stefan Zweig, Marte Brill, Soma Morgenstern, Ellen Auerbach und viele mehr.

Es waren Emigranten wie die Schriftstellerin Jo Mihaly, die 1949 die Idee entwickelt hatten, systematisch die Geschichte des Exils aufzuarbeiten. Walter Fabian, den Präsidenten des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller in der Schweiz, beschlich damals schon eine Ahnung. Er nannte das Exilarchiv 1949 „ein Kampfmittel gegen das von neuem erfrechende Nazitum“.

Heute, bald 70 Jahre danach, versuchen Rechtspopulisten und Rechtsextremisten wieder, die Geschichte der nationalsozialistischen Terrorherrschaft umzuschreiben, singen ein Loblied etwa der Taten der Deutschen Wehrmacht.

Die neuen Räume des Exilarchivs in Frankfurt werden deshalb vom Frühjahr 2018 an einen Saal umfassen, der ausdrücklich der „Vermittlung“ gewidmet ist. Schüler und Studenten, aber auch andere Besucherinnen und Besucher sollen hier mit der Geschichte des Exils und seinen Ursachen vertraut gemacht werden.

380 Quadratmeter bleiben in Zukunft Sonderausstellungen vorbehalten; Asmus hofft, zwei bis drei im Jahr verwirklichen zu können. Sie will das große Netz der Kontakte nutzen, die sie im Lauf der Jahre zu anderen Häusern in Deutschland geknüpft hat – zum Literaturarchiv Monacensia etwa in München oder zur Akademie der Künste in Berlin.

Da könnte dann auch die Gegenwart von millionenfacher Flucht und Vertreibung eine Rolle spielen. Der Schaukasten draußen vor der Tür der Deutschen Nationalbibliothek dokumentiert auch eine aktuelle Fluchtbiografie: die des chinesischen Schriftstellers Liao Yiwu. Der heute 59-jährige war nach jahrelanger Haft und Folter in chinesischen Gefängnissen im Jahre 2011 über Vietnam nach Deutschland geflohen.

„In meinem eigentlichen Vaterland war ich stets auf dem Weg des Exils“, schreibt er heute, nachzulesen im gläsernen Schaukasten.

Wir ziehen uns wieder zurück ins warme Innere des Hauses. Für Sylvia Asmus ist es auch ein Glück, dass das Exilarchiv längst ein Treffpunkt geworden ist von Interessierten aus aller Welt.

„Die lernen sich hier kennen, tauschen sich aus“, sagt sie. Für die Direktorin ist dies ein wunderbarer Beweis für die Relevanz und Aktualität ihrer Arbeit: „Es lebt, das Archiv.“

Etwas Schöneres kann über eine historische Sammlung kaum gesagt werden.

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