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Der Kulturmanager nimmt die Ovationen des Publikums entgegen, das aufgesprungen ist; rechts Kulturdezernent Semmelroth und Ehefrau.

Max Hollein

Verabschiedung mit Wiener Schmäh

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Die Stadt verabschiedet Max Hollein. Den Direktor von Städel, Schirn und Liebieghaus zieht es nach 15 Jahren in Frankfurt nach Kalifornien. Zum Abschied gibt es viel Lob.

Es ist gerade erst Mai, und doch zeigt sich der Kaisersaal schon von seiner hochsommerlichen Seite. Schweißtreibend schwül und stickig ist die Luft im Allerheiligsten des Rathauses. Und doch wankt und weicht niemand. Gilt es doch, Max Hollein nach 15 Jahren aus Frankfurt zu verabschieden, den Direktor von Städel-Museum, Liebieghaus und Kunsthalle Schirn. So lange schon eine prägende Gestalt der Kulturstadt Frankfurt und doch erst 46 Jahre alt, noch immer mit einem lausbübischen Charme ausgestattet.

Es wird ein Nachmittag voll Wehmut, aber auch mit Heiterkeit und Gelächter. Bevor Hollein am 1. Juni sein neues Amt in San Francisco antritt, macht ihm die Kulturszene das Scheiden noch schwer. Viele Kollegen von anderen Museen sind gekommen, aus der Schweiz der mittlerweile 75-jährige Christoph Vitali, seinerzeit der erste Chef der Schirn.

Hollein zeigt sich gerührt, einmal auch zu Tränen. Als er erzählt, wie ihn „der Apotheker und die Gemüsehändlerin auf der Schweizer Straße“ mit den Worten begrüßt hätten: „Großartig, die Ausstellung!“, da bricht seine Stimme. Aber er verdrängt die Rührung mit dem typischen Wiener Schmäh: „Eigentlich wär’s jetzt reif für die Frühpension!“ Großes Lachen. „Doch wir ziehen weiter, frohen Mutes.“ Was haben ihn Freunde nicht gewarnt vor San Francisco: „Donald Trump statt Angela Merkel und Nebel im Sommer.“ So gut und so gut aufgehoben wie in Frankfurt werde er sich nie mehr fühlen, sagt der Kulturmanager.

Doch in den Abschied mischen sich am Sonntag auch einige bange Töne. Christian Strenger, der Vorstandsvorsitzende der Freunde der Schirn, erinnert daran, wie die CDU in Frankfurt nur „allzu bereitwillig“ den Bereich Kultur preisgegeben habe. Und Strenger wehrt sich schon jetzt gegen Geringschätzung durch das künftig sozialdemokratisch verantwortete Kulturdezernat: „Die Schirn ist nicht das Ergebnis einer elitären Kulturpolitik, sondern mit 300 000 Besuchern im Jahr ein Magnet für Kulturliebhaber von nah und fern!“ Diese Bedeutung der Schirn müsse „auch vom neuen Verantwortlichen“ im Kulturdezernat gesehen werden.

Der noch bis 30. Juni amtierende Kulturstadtrat Felix Semmelroth bekommt langen und demonstrativen Beifall. Hollein würdigt ihn als „Segen für die Stadt und die Kulturpolitik“. Semmelroth erinnert sich daran, wie er Ende der 90er Jahre in New York mit der damaligen OB Petra Roth den jungen Kurator Hollein getroffen habe. Am 11. August 2000 präsentierte ihn die Stadt dann als neuen Direktor der Kunsthalle Schirn, mit gerade einmal 31 Jahren. „Es gab zunächst gewisse Skepsis, ob das wirklich zukunftsträchtig sei“, so der Kulturdezernent. Sechs Jahre später, als Hollein zusätzlich das Städel-Museum und das Liebieghaus übernahm, wiederholte sich das Ganze. Nikolaus Schweickart, der Vorsitzende der Städel-Administration, zitiert lange aus einem „FAZ“-Artikel von 2006, der Zweifel an Holleins Eignung äußert. „Wie haben sich die Skeptiker geirrt, Hollein hat sie alle widerlegt“, sagt Schweickart.

Der „Kommunikator und Menschenfischer“ habe das Profil und die Originalität aller drei Häuser gestärkt. Und zugleich die abschätzige Parole „Ab ins Museum“ ins Gegenteil verkehrt: „Auf ins Museum!“ Der Chef der Städel-Administration berichtet freimütig von seinen Gesprächen mit möglichen Hollein-Nachfolgern: „Bei einigen Kandidaten schimmern doch Zweifel durch, ob sie der Aufgabe gewachsen sind.“

Geschenk bleibt in Frankfurt

Und dann enthüllt Städel-Kurator Felix Kremer vor dem staunenden Publikum das Abschiedsgeschenk der Administration für Hollein: das Gemälde „Das rote Flugzeug“, 1932 von Franz Radziwill geschaffen, einem der wichtigsten Vertreter des Magischen Realismus. Das darf der scheidende Direktor nun keineswegs unter den Arm klemmen und nach San Francisco entführen – nein, es wird neu der Städel-Sammlung zugeführt, in Holleins Namen sozusagen.

Sylvia von Metzler, die Vorstandsvorsitzende des Städelschen Museumsvereines, würdigt Hollein als Mittler. Er habe Stars der internationalen Kunstszene wie Jeff Koons, Julian Schnabel, Yoko Ono „mit Frankfurter Kunstfreunden und Unterstützern zusammengebracht“.

Es bedarf schon wieder des Wiener Humors, um so viel Lob zu überstehen. Hollein erinnert daran, mit welchem Enthusiasmus seine Ehefrau Nina und er in Frankfurt aufgenommen worden seien. Und dann warnt der gebürtige Wiener gleich alle, die vorhätten, jetzt nach Wien umzuziehen: „Das wird ihnen dort nicht passieren!“ Großes Hallo im Saal. Und der Manager gibt all die Dankesworte weiter an die Teams aller drei Häuser: „Das alles war nicht ich allein.“

Es ist dann auch der Chor der Mitarbeiter, der für den heiteren musikalischen Schlusspunkt im Kaisersaal sorgt. Frei nach dem Hit von Udo Jürgens singen sie: „Ich war schon einmal in New York, aber noch niemals auf Hawaii, ging nie durch San Francisco mit zerrissenen Jeans“...

Dazu ist ja nun reichlich Gelegenheit.

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