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Das Podium.

Frankfurt liest ein Buch

„Die Spaßgesellschaft ist vorbei“

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Mit einem Festakt in der Deutschen Nationalbibliothek beginnt „Frankfurt liest ein Buch“. Und zum Auftakt des Literaturfestes gibt es erst einmal einen politischen Appell gegen rechts.

Es ist ein Auftritt, der aufhorchen lässt. Rainer Weiss, der Verleger des Weissbooks-Verlages, nutzt die Eröffnung des Literaturfestes „Frankfurt liest ein Buch“ für einen politischen Appell. Und erntet großen Beifall von den 400 prominenten Ehrengästen in der Deutschen Nationalbibliothek. „Die Spaßgesellschaft ist vorbei – es ist ernst“, sagt der 67-jährige frühere Programmleiter des Suhrkamp-Verlages. Er ruft die versammelten Vertreter von Verlagen und Kulturinstitutionen auf, „wieder politischer zu werden“ und sich gegen rechte Umtriebe zu engagieren.

Im Weissbooks-Verlag ist das Buch erschienen, das im Mittelpunkt des Lesefestes steht: „Frankfurt verboten“ von Dieter David Seuthe. Es ist die Geschichte der jungen jüdischen Pianistin Elise Hermann, die in den 30er Jahren in Frankfurt ein Opfer der Machtergreifung der Nationalsozialisten wird.

Der Verleger blendet von diesem Buch zu einer Mahntafel, die am früheren IG-Farben-Haus im Westend hängt, dem Hauptbau des Universitätscampus. Sie zitiert Worte des österreichischen Schriftstellers und Widerstandskämpfers Jean Améry: „Niemand kann aus der Geschichte seines Volkes austreten. Man soll und darf die Geschichte nicht auf sich beruhen lassen, weil sie sonst auferstehen und zu neuer Gegenwart werden könnte.“ Die Tafel gemahnt an die Opfer der IG Farben, die als Zwangsarbeiter für den Konzern starben.

Und Weiss kommt auf ein jüngstes Ereignis zu sprechen, das ihn sehr aufgerüttelt hat: Der Platz des von ihm geführten Fußballvereines FC Gudesding im Ostpark ist von Unbekannten mit Naziparolen und Hakenkreuzen beschmiert worden.

Es ist jetzt ganz still im überfüllten Saal. Er sei, sagt der Verleger, im Vorfeld der Eröffnung immer wieder gefragt worden, ob es denn schon wieder ein Buch sein müsse, das von der nationalsozialistischen Terrorherrschaft erzähle. Weiss beantwortet diese Frage mit einem eindeutigen Ja: „Es gibt wichtige und existenziell notwendige Bücher, aus denen wir lernen können.“ Mit Worten ließen sich sehr wohl politische Umstände verändern.

Auch Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU) spricht unangenehme Wahrheiten aus. „Der Nationalsozialismus war tief verwurzelt in der Frankfurter Bevölkerung.“ Der Politiker erinnert an den in Hanau geborenen, berühmten Komponisten Paul Hindemith, der lange in Frankfurt lebte, aber unter dem Druck der nationalsozialistischen Verfolgung immer häufiger ins Ausland auswich und 1938 endgültig ins Exil in die Schweiz gehen musste.

Semmelroth spricht über die jungen Jazzmusiker im Nazi-Deutschland, deren Musik „als entartet ausgegrenzt“ worden sei – die aber Widerstand geleistet hätten wie etwa Emil Mangelsdorff. „Auch in Frankfurt hat die nationalsozialistische Diktatur ihre fürchterlichen Spuren hinterlassen.“

Acht prominente Frankfurterinnen und Frankfurter lesen an diesem Abend Passagen aus „Frankfurt verboten“. Der 74-jährige Theaterprinzipal und Regisseur Willy Praml sticht dabei besonders hervor, aber auch Maja Klostermann, Schülerin der Europäischen Schule und bei diversen Rechtschreibwettbewerben ausgezeichnet.

Die Lesung endet mit den Seiten, auf denen die junge Pianistin erfährt, dass die Nazis ihr Auftrittsverbot in der Stadt und in Deutschland erteilt haben: „Frankfurt verboten.“

Der bewegende Schlussauftritt gehört dem Autor Dieter David Seuthe. „Wir sind durch Zufall von Geburt an Christen, Juden oder Muslime“, sagt er: „Zuerst und vor allem aber sind wir Menschen.“ Das Bild, das ihn am meisten aufgerüttelt habe in jüngster Zeit, sei das eines afghanischen Flüchtlings gewesen, der ein selbst gemaltes Plakat hochgehalten habe mit dem Fragesatz: „Are we not human?“

Der Psychiater Seuthe, der selbst traumatisierten Flüchtlingen hilft, ruft dazu auf, „unsere Hände auszustrecken“ zur Hilfe für all die Menschen in Not, die nach Deutschland kommen. Der Psychologe hat seinen dreijährigen Enkel mitgebracht, der geboren wurde, als Seuthe begann, „Frankfurt verboten“ zu schreiben. „Mit jeder neuen Generation wächst die Gewissheit: Liebe ist stärker als der Tod.“

Bis zum 24. April dauert der Reigen von 80 Veranstaltungen von „Frankfurt liest ein Buch“. Das Lesefest ist eine der zehn Veranstaltungen und Institutionen, die für den Preis für kulturelle Bildung 2016 nominiert worden sind.

Am 7. Juni wird Monika Grütters (CDU), die Staatsministerin für Kultur und Medien, den Preisträger im Schloss Genshagen bei Berlin auszeichnen. Schon die Nominierung aber, das ist die gute Nachricht an diesem Abend, ist mit einem Preisgeld verbunden. 5000 Euro gehen an die Organisatoren von „Frankfurt liest ein Buch“.

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