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Überblick sogar aus Mittelhessen: Der Marburger Horst Lehnert mit den Kandidatenfotos. Er kennt sich erstaunlich gut aus, obwohl er gar nicht mitwählen darf.

Die große FR-OB-Umfrage

Oberbürgermeister wird nur die SGE

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Niko Kovac gewinnt erdrutschartig die total seriöse FR-Umfrage zur OB-Wahl. Und die meisten echten Kandidaten kennt kein Mensch.

Wen sollen Sie denn bloß wählen am Sonntag, liebe Frankfurterinnen und Frankfurter? Wer soll künftig oberbürgermeistern? Besser gefragt: Wissen Sie überhaupt, wer zur Auswahl steht? Die Frankfurter Rundschau hat dem Volk auf den Zahn geschaut und aufs Maul gefühlt mit ihrer traditionellen Straßenumfrage. Hören wir doch gleich mal rein in eines der Interviews.

„Guten Tag.“

„Hatscha!“

„Gesundheit. Wir sind von der FR und wollen gern wissen, ob Sie auf diesen 14 Fotos jene zwölf Menschen erkennen, die auf den OB-Sessel wollen.“

„Warum ich?“

„Sind Sie nicht der kleine Mann auf der Straße.“

„Schon, aber …“

„Och bitte. Nur die Fotos durchblättern und sagen, ob Sie jemanden erkennen.“

„Also gut, geben Sie her. Nein. Ja. Nein. Ja. Ja. Ja. Ja. Nein …“

„Hallo? Was machen Sie?“

„Sagten Sie nicht, ich soll blättern und sagen, ob …“

„Durchaus, aber wir möchten natürlich auch wissen, wie die Leute heißen.“

„Ach so. Das weiß ich doch nicht! Nur bei Nummer 4, das ist Frau Weyland, die 7 ist Feldmann und die 9 – sagen Sie mal, das ist doch der Eintracht-Trainer!“

„Mm-hm.“

„Der will doch nicht OB werden!“

„Woher wissen Sie denn das?“

„Aber der kandidiert gar nicht!“

„Richtig! Erkennen Sie noch jemanden?“

„Die 11 ist dieser Chinese, und die 13 … huch, Petra Roth tritt wieder an?“

„Nein. Damit haben Sie immerhin beide Fake-Kandidaten entlarvt. Sagen Sie uns noch Ihren Namen?“

„Peter Mxxxxx aus Nieder-Exxxxxxx, aber ich möchte nicht, dass das in der Zeitung steht.“

„Dürfen wir dann wenigstens Peter M. aus Nieder-E. schreiben?“

„Na gut.“

„Vielen Dank und eine schöne Wahl.“

„Danke ebenfalls.“

„Ach, eins noch: Wer gewinnt?“

„Verrate ich nicht.“

Es handelt sich um einen durchaus typischen Interview-Verlauf an diesem Tag. Anders ausgedrückt: Die unabhängigen Kandidaten kennt so gut wie niemand von den mehr als 17 zufällig ausgewählten Passanten. Zur FR-Straßenumfrage ist auch Frau Holle erschienen und schüttelt kräftig ihre Bettwäsche aus. Wir flüchten ins Café des Frankfurter Kunstvereins und überfallen einen Gast. Er weiß es noch nicht, aber er wird in den nächsten Minuten zum Helden des Tages avancieren.

„Oje“, sagt Felix Silomon-Pflug erst mal, als er von unserem Anliegen hört – um dann ganz entspannt loszulegen. „Das ist Frau Eskandari. Der hier ist von der Partei ,Die Partei‘. Ja, Weyland, Stein, Janine Wissler, Feldmann“, er blättert weiter, während FR-Fotograf und FR-Reporter mit heruntergeklappten Kinnpartien danebenstehen, „ist das Robert Kovac?“ – „Niko.“ – „Ach, richtig. Frau Roth, ob die CDU wohl froh wäre, wenn sie noch einmal anträte … Ist das hier Felicia Herrschaft?“ Unglaublich. Der Mann erkennt tatsächlich mehr als zwei Drittel der Leute, kann die Unabhängigen zumindest nach der groben Richtung einordnen („Ist das der Freie-Wähler-Typ?“, „das ist der Friseur“) und holt damit den Tagessieg unter den Leuten, die an der Umfrage teilnehmen und nicht zufällig im Römer arbeiten. Ob er denn die FR regelmäßig lese, die Frage liegt ja auf der Hand. „Ja“, sagt der Geisteswissenschaftler Silomon-Pflug, „auch.“

Insgesamt muss man allerdings sagen: Das Wissen der Frankfurter über ihre Kandidaten bewegt sich so knapp vor der Wahl offenbar immer noch auf einem ähnlichen Niveau wie das Wissen einer jungen Gelbtupfen-Höckerschildkröte über die beste Flugroute aus Nordwestafrika zur Mecklenburgischen Seenplatte. Das verdeutlichen die statistischen Werte unserer Befragung: Von den Amtskettenbewerbern erreicht Peter Feldmann mit 78,48 Prozent den höchsten Bekanntheitsgrad vor Janine Wissler (55,71 Prozent), Bernadette Weyland (51,29%), Nargess Eskandari-Grünberg (42,43%), Volker Stein (35,22%) und Nico Wehnemann (33,33%). Aus dem Verfolgerfeld sichert sich Ming Yang den Platz im Wind, auch wenn er bis auf zwei Ausnahmen nur „der Chinese“ genannt wird.

Erschütternd: Hinter dem Gesamtsieger, Eintracht-Coach Niko Kovac (99,81 Prozent Wiedererkennung), und knapp vor Petra Roth (69,17%), die ja lediglich als Kontrollgruppe gedacht waren, kann sich nur einer der echten Kandidaten behaupten. Aber das ist auch nichts Neues; unsere Umfrage vor der OB-Wahl 2012 gewann mit großem Vorsprung Heinz Schenk.

Den Sonderpreis „Sympathischste Teilnehmerin“ holt Nani Lee im Schirn-Foyer, die viele OB-Kandidaten schon mal irgendwo gesehen hat und beim Anblick von Niko Kovac fragt: „Ist das ein Fußballspieler? Der sieht hübsch aus.“

Leider stammen, anders als Nani Lee, die meisten Menschen, die man tagsüber in Frankfurt trifft, nicht aus Frankfurt und dürfen also keine Frankfurter Rathauschefs wählen. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie keine Ahnung hätten. Hier kommen Bernd Lang aus Gießen und Horst Lehnert aus Marburg, alte Schulfreunde, die einen Kulturausflug in die Stadt machen. Dann wüssten sie ja vermutlich nichts über Frankfurter Rathaus-Ränke, senkt das FR-Team schon bedröppelt die Köpfe – aber weit gefehlt. „Ein paar Leute kenn’ ich“, sagt Lehnert. „Der ist SPD-Mitglied“, erklärt Lang.

Ach so, na dann! „Man liest viel ja sehr in der Zeitung, aber die Namen und die Gesichter zusammenbringen …“, gibt sich Lehnert erst bescheiden, bevor er anfängt: „Das ist der Feldmann, der hier … der Kovac …“ – „Kandidiert der auch?“, fragt Lang dazwischen. „Die hier war’s schon mal, aber der Name … Steinbach?“ – „Neiiiin!“, vielstimmiger Protest. „Der hier hat einen Bäpper, aha, die Partei!“, erkennt Lang bei Kandidat Wehnemann, und gleich darauf macht er auch noch den Anstecker am Kragen von Reserveoffizier Stein aus. „Sauber recherchiert!“, lobt die FR-Crew. „Wenn man Jahrzehnte als Fotograf gearbeitet hat …“, sagt Lang, während Lehnert einen intensiven Blick auf Janine Wissler riskiert. „Sie hat Ähnlichkeit mit der früheren Frankfurter Tatort-Kommissarin“, Andrea Sawatzki ist gemeint. Vielleicht auch eine Perspektive, falls es mit dem Rathaus nicht klappen sollte.

Die Freunde aus Mittelhessen sind mit ihrem Auftritt zufrieden. „Ab sofort bei Günther Jauch!“, kündigen sie ihre nächsten Karriereziele an und gehen lachend ihrer Wege. Die große gesellschaftspolitische FR-Umfrage jedenfalls hat wieder einmal viele Erkenntnisse gebracht, nur zwei Rätsel bleiben einstweilen noch ungelöst: wer die OB-Wahl gewinnt – und wie man mehr Bürger dazu motiviert, sich für Politiker zu interessieren.

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