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Harth aber herzlich: Hubert Harth kriegt zum Abschied Blumen. Harth hasst nämlich lange Reden und dämliche Wortspiele mit seinem Nachnamen.

Staatsanwaltschaft

Der Losta geht von Bord

Hubert Harth, Chef der Frankfurter Staatsanwaltschaft, geht nach 20 bewegten Jahren voller spektakulärer Fälle in den Ruhestand.

Meistens hat Hubert Harth Glück gehabt. Glück gehört dazu, ohne Glück wird man kein Losta. Ein Losta ist ein Leitender Oberstaatsanwalt, und das ist ziemlich viel, mehr noch als ein Osta, was auch schon nicht schlecht ist. Losta schreibt sich bei Juristen LOStA, aber hören kann man das nicht. Wenn Harth „Losta“ sagt, dann klingt das ein bisschen wie „Hussa“. Er sagt es aber nicht sehr oft.

Seit 20 Jahren ist Harth Losta der Frankfurter Staatsanwaltschaft. Am Montag ist sein letzter Arbeitstag, er ist noch mal ins Wiesbadener Ministerium einbestellt, da gibt es eine Entlassungsurkunde und ein paar warme Worte. Harth mag keine warmen Worte, vermutlich auch keine Entlassungsurkunden. Aber da kann man nichts machen. Es fällt schwer, sich eine Frankfurter Staatsanwaltschaft ohne ihn vorzustellen. Es wird eine andere sein, wahrscheinlich eine leisere, mit Sicherheit eine langweiligere.

Hubert Harths Behörde ermittelte in vielen Fällen, die mittlerweile zur Stadtgeschichte gehören. Beim Mord im Edelbordell im Kettenhofweg, bei dem die Besitzer und vier Prostituierte vom Ehemann einer Kollegin erschossen worden waren. Im Falle des betrügerischen Baulöwen Utz Jürgen Schneider, der sich mit Milliardenschulden und ohne Toupet nach Miami absetzte. Es waren Hubert Harth und seine Behörde, denen es zu verdanken ist, dass Rainer Körppen, der Entführer und Mörder des Unternehmers Jakub Fiszman, 1998 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurde, die er immer noch absitzt.

Das Gericht stellte die besondere Schwere der Schuld fest und verhängte anschließende Sicherungsverwahrung. Körppen war ein Mann von solch abgrundtiefer Bosheit, hemmungsloser Brutalität und berechnendem Verstand, dass er noch heute immer wieder Thema auf den Fluren der Frankfurter Justiz ist. Und er ist einer der wenigen Verurteilten, bei denen man bei Hubert Harth ein tiefes Wohlbehagen verspürt, wenn er darüber redet, wo die jetzt sitzen und warum.

Strafverfolgung - keine persönliche Angelegenheit

Nicht, dass die Strafverfolgung bei ihm ansonsten ins Persönliche abdriften würde. Er war der Chef der Staatsanwaltschaft während der Ermittlungen in einem der furchtbarsten Fälle der vergangenen Jahrzehnte: der Ermordung des Frankfurter Bankierssohns Jakob von Metzler.

Der Täter, Magnus Gäfgen, löste durch den Mord und seine anschließende Chuzpe, mit der er sich jahrelang durch die Instanzen wehklagte, nicht nur bei vielen Frankfurtern Wünsche aus, die mit dem Rechtsstaat nicht mehr vereinbar sind. Auch Harth denkt mit Schrecken an diesen Fall zurück, es sei der „psychisch belastendste“. Aber es ist nicht Gäfgen, der ihm durch den Kopf spukt. Es ist der damalige Polizeivizepräsident Wolfgang Daschner, der Gäfgen Folter androhen ließ und deswegen selbst zum Subjekt der Ermittlungen wurde.

Ein „hervorragender Polizeibeamter“ sei das gewesen. Aber er habe „bis heute nicht begriffen“, dass das, was er getan hat, gegen das Gesetz verstieß. Und Harth zum Handeln zwang. „Das, was wir gemacht haben, war juristisch absolut korrekt“, sagt er, und es klingt beinahe, als wolle er sich bei ihm entschuldigen, obwohl er doch nur seine Pflicht getan habe. Daschners Polizeikarriere war danach beendet und er zog sich, von der Richtigkeit seines Handelns durchdrungen, in die Schmollecke zurück. Den Hass eines Rainer Körppen würde der gläubige Katholik Harth wie eine Monstranz vor sich hertragen, wenn er könnte. Dass einer wie Daschner ihn hassen könnte, ist ihm schwer erträglich. Hubert Harth möchte gemocht werden. Zumindest von den meisten.

Bis auf die, die ihn „mal am Arsch lecken können“ – eine Formulierung, zu der sich der Leitende Oberstaatsanwalt nur in seltenen Momenten höchster emotionaler Erregung hat hinreißen lassen. Die gab es immer wieder. Harth erwähnte Namen stets nur in kleineren Zirkeln und immer mit strengstem Zitierverbot, aber jetzt kann man’s ja verraten: Ein paar dieser Namen kennt man aus der Landespolitik. Es waren allerdings nie die von jenen, die am Montag ein paar warme Worte sprechen werden.

Auf die Sympathien der wenigen von ihm Geschmähten war Hubert Harth freilich nie angewiesen. In der Frankfurter Stadtgesellschaft bewegte er sich stets mit einer Geschmeidigkeit, die nicht allen Juristen zu eigen ist. Harth gehörte mindestens immer zur erweiterten Hautevolee der Mainstadt, die man daran erkennt, dass sie sich auf sämtlichen Tigerpalast-Premieren die Klinke in die Hand gibt. Der gebürtige Waldmichelstädter ist längst zu einem Großstadtbürger geworden, einem, der regelmäßig in die Oper geht, und zwar nicht um anzugeben, sondern aus echtem Interesse. Harth, das attestiert ihm sein Stellvertreter Stefan Rojczyk, habe die Gabe, alle Menschen, die er trifft, sofort in ein Gespräch zu vertiefen“.

Ein großer Erzähler

Und in seinen Bann zu schlagen. Harth ist ein großer Erzähler, wie sämtliche Journalisten bestätigen können, die den freitäglichen Kaffeerunden beiwohnten, in denen Harth erzählte, was ihm in jüngster Zeit widerfahren ist. Wenn er sich setzte, stöhnte, den Kopf schüttelte und anhub: „Kinder, was mir wieder passiert ist …“ – dann konnte man sicher sein, dass jetzt eine der seltenen Begebenheiten kam, in denen Harth auch mal Pech hatte.

Das hat er nämlich manchmal auch: Hubert Harth wurde schon mal im Zug beraubt. Er hat sein Auto fast mal in einer pneumatischen Tiefgarage geschrottpresst. Unzählige Male entrann der passionierte Segler auf seinen zahlreichen Törns nur knapp dem Seemannstod. Ebenso knapp entging Harth einem eigentlich aus Freunden bestehenden Lynchmob, den Harth als Organisator einer nach seinen Angaben „auch für Anfänger geeigneten Fahrradtour“ auf den legendären Lucien-van-Impe-Stieg im Westrich lockte. Ein Versehen, sagt Harth heute, der seine körperliche Unversehrtheit lediglich dem Erschöpfungsgrad seiner Mitradler verdankte. Auch da hat er wieder mal Glück gehabt.

Einmal hat Hubert Harth aber wirklich mal Pech gehabt. 2008 war das, Harth bereits als Hessischer Generalstaatsanwalt in Wiesbaden, zumindest so gut wie. Er war der Mann, den Wahlsiegerin Andrea Ypsilanti holen wollte, aber sie vergeigte es, und nachdem die CDU wieder an der Macht in Wiesbaden war, erwischte es auch den SPD-Mann Harth. Statt seiner wurde Hans-Josef Blumensatt zum Generalstaatsanwalt und Justizminister Jürgen Banzer musste Harth erklären, warum nun alles anders komme als geplant. Es muss wohl ein ganz gutes Gespräch gewesen sein, jedenfalls lässt Harth bis heute nichts auf Banzer kommen, der ein guter Mann, aber leider in der falschen Partei sei.

Fragt man ihn, ob er es noch für zeitgemäß erachte, dass solche Ämter nach Parteibuch vergeben werden, dann guckt er fast ein bisschen traurig. „Man kann ja nicht sagen, dass diese Ämter politisch besetzt werden“, sagt er, aber irgendwie halt doch, jedenfalls sei das „wahrscheinlich nicht anders lösbar“ und in anderen Ländern vielleicht anders, aber letztlich ähnlich: „Die Katze fällt jedenfalls auf die gleichen Füße.“ Besonders überzeugt ist das nicht.

Generalstaatsanwalt Blumensatt ist auch zur Verabschiedung gekommen. Er lobt Harth als „den größten Kommunikator“, er betont, dass sie beide eine lange Freundschaft verbinde und er lobt Harths Eigenschaft, „manchmal an die Decke“ zu gehen. Stellvertreter Rojczyk versichert, dass Harths Wutanfälle selbst im schlimmsten Falle „nur bis zum übernächsten Tag dauerten“. Harth selbst bedankt sich bei seinem Stellvertreter, der oft „als Puffer für meine Depri- und Wutanfälle hat dienen“ müssen. Rojczyk habe stets „versucht, mich mit Johanniskraut zu heilen“ – vergeblich. Gegen den wütenden Hubert Harth ist kein Kraut gewachsen.

Ein Nachfolger steht noch nicht fest

Harth ein Wüterich? Nein, sicher nicht. Zwar lobt am Rande der Abschiedsveranstaltung eine Staatsanwältin auch seine cholerischen Qualitäten. Aber in der Belegschaft herrscht echte Trauer über seinen Abschied. Denn in der Regel „war Hubert Harth immer zu allen freundlich – und zwar vom General bis zum Wachtmeister. Das findet man nicht oft.“ Zum Abschied schenkt seine Belegschaft ihm ein gerahmtes Poster, das ein goldenes Herz zeigt. Und der Abschiedsapplaus, sonst eher ein Höflichkeitsklatschen, nimmt kein Ende und knackt die Minutengrenze. Es ist einer der seltenen Momente, in denen Hubert Harth die Worte fehlen – ein Zustand, der erfahrungsgemäß nie lange anhält.

Am Ende der Verabschiedung hat Harth sich wieder im Griff. Der ehemalige Oberstaatsanwalt Wolfgang Schaupensteiner, einst der Star unter den Korruptionsermittlern, ist auch gekommen und schimpft, dass die Dinge seit seiner Pensionierung ins Schludrige driften, fragt, warum denn dieser und jener noch nicht angeklagt sei. Harth kann das auch nicht beantworten, er hat ganz andere Sorgen. Er muss noch sein Büro ausräumen. Wer reinkommt, weiß er noch nicht, ein Nachfolger steht noch nicht fest, vermutlich sind die Parteien noch am Auskaspern, erstmal übernimmt Rojczyk.

Sicher wird Harth immer mal wieder freitags zum Kaffee auftauchen. Mehr Zeit will er mit seiner Frau, einer gebürtigen Sizilianerin, auch da hat Harth wieder mal Glück gehabt, in der Wohnung in Kalabrien verbringen. Und segeln. Und Rad fahren. Vielleicht nicht gerade den Lucien-van-Impe-Steig. Mit Sicherheit werden auf seinem Weg auch Fährnisse lauern, die er dann nach einem entspannten „Kinder, was mir wieder passiert ist …“ und einem Seufzer zum Besten geben wird. Aber es wird die Ausnahme sein. Nicht nur das wird fehlen.

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