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Die "Parkstadt Rebstock" für 30 000 Menschen im Entwurf des Frankfurter Architekten Karl Richter.

Neuer Stadtteil für Frankfurt

„Konzept aus politischen Gründen abgelehnt“

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Der Architekt Karl Richter spricht im FR-Interview über seine Idee eines neuen Stadtteils am Rebstock und den Widerstand von Kleingärtnern.

Am 14. Dezember gab es im Römer den ersten Beschluss für die größte Stadterweiterung Frankfurts seit Jahrzehnten. Doch die Diskussion, wo die Stadt wachsen soll, entbrennt jetzt erst richtig. Der Frankfurter Architekt Karl Richter macht einen Gegenvorschlag zum neuen Quartier im Norden: den Rebstock im Westen. Die FR sprach mit dem Architekten.

Herr Richter, das Stadtparlament hat vorbereitende Untersuchungen für einen großen neuen Stadtteil im Frankfurter Norden beidseits der Autobahn A5 auf den Weg gebracht. Kommen Sie mit Ihrem Gegenvorschlag, die Wohnungen für 30 000 Menschen auf dem Rebstock-Gelände zu bauen, nicht viel zu spät?
Mein Vorschlag hat dazu beigetragen, die Diskussion über den Ort für den neuen Stadtteil wieder zu entfachen. Ich sehe mich nicht als Oppositionsführer, sondern als Fachmann. Ich habe von der Fachwelt eine hundertprozentige Zustimmung bekommen.

Wie ist das Projekt entstanden?
Die Vorgeschichte des Projekts beginnt im Jahre 2013. Im Februar 2013 habe ich die Pläne für eine Bebauung des Römerhof-Geländes am Rebstock einschließlich der Verlagerung des Busdepots nach Rödelheim den damaligen Regierungsfraktionen im Römer, CDU und Grünen, vorgestellt. Es ging also um einen Teil des heute von mir vorgeschlagenen Stadtteils. Dieser Vorschlag ist damals nicht aufgegriffen worden. 2015 luden mich dann zwei Spitzenpolitiker einer der beiden Fraktionen zum Gespräch ein, weil ich mit diesem Vorschlag Wahlwerbung für sie machen sollte. Ich habe das abgelehnt, weil ich mich nicht vor den Karren einer Partei spannen lassen wollte.

Was geschah dann?
Der damalige OB-Kandidat der CDU, Uwe Becker, ging dann trotzdem mit der Bebauung des Römerhofs an die Öffentlichkeit. Ich bin froh, dass jetzt das Gelände am Römerhof tatsächlich entwickelt wird.

Das heißt, der dort jetzt geplante Bau von 2000 Wohnungen geht auf Ihre Idee zurück?
Nach fünf Jahren trägt meine Initiative nun Früchte. Ich spekuliere weder mit einem Auftrag noch mit der Ehrenbürgerwürde.

Wie kam es dann zu ihrem Konzept für einen ganzen Stadtteil am Rebstock?
Ich habe meinen Entwurf für den Römerhof ausgeweitet. Im Februar 2017 habe ich diese Pläne für den Stadtteil, die „Parkstadt Rebstock“, dem Frankfurter Planungsdezernenten Mike Josef vorgestellt.

Wie war seine Reaktion?
Seine Reaktion war keine fachliche.

Was heißt das?
Ohne es einzugestehen, wurde das Konzept aus politischen Gründen abgelehnt. Ich denke, dass der zu erwartende Widerstand unter anderem von den Kleingärtnern als zu hoch eingeschätzt wurde.

Josef sagt, für den neuen Stadtteil habe man insgesamt 200 Flächen im Stadtgebiet geprüft, darunter auch den Rebstock. Gegen den Rebstock spreche unter anderem die Belegung durch Kleingärten, außerdem liege die Fläche zwischen zwei Autobahnen. Zudem gebe es dort auch Hochspannungsleitungen. Was sagen Sie zu dieser Kritik?
Das Konzept für die „Parkstadt Rebstock“ unterscheidet sich diametral von den Plänen der Stadt im Frankfurter Norden. Die Autobahnen liegen am Rebstock nicht mitten im Gebiet, sondern am Rand. Ich schlage ein großes zusätzliches Parkhaus für die Messe im Bereich der Hochspannungsleitungen östlich der A5 vor, das vor dem Autobahnlärm schützt und als Park-and-Ride-Parkhaus außerhalb der Messezeiten die Stadt täglich von 20 000 Autofahrten entlastet.

Straßenbahn und Stadtbahn müssen bis dort verlängert werden. Der Lärmschutz nach Norden zur A648 wird hergestellt durch Quartiersparkhäuser. Das hat den Vorteil, dass durch den Verzicht auf Tiefgaragen das Bauen günstiger ist und in den Blockinnenbereichen großkronige Bäume wachsen können. In der Mitte des Stadtteils liegt der bereits vorhandene Rebstockpark, ein perfektes urbanes Setting. Teile des Geländes müssen aus dem Grüngürtel entlassen werden, dafür werden 4500 neue Bäume gepflanzt. Paradox, oder?

Ist nicht der Stadtteil, den Sie vorschlagen, von der Fläche her wesentlich kleiner als der jetzt geplante Stadtteil im Frankfurter Norden?
Die Parkstadt Rebstock würde etwa 80 Hektar umfassen …

… der neue Stadtteil im Norden dagegen 190 Hektar reines Baugebiet. Das heißt, ihr Stadtteil wäre noch nicht einmal halb so groß …
… er wäre nicht halb so groß, aber er kann aufgrund der doppelten Dichte der Bebauung die gleiche Zahl von Menschen aufnehmen, nämlich bis zu 30 000.

Das heißt, Ihre Bebauung würde wesentlich dichter ausfallen. Sie schlagen durchgehend fünfgeschossige Wohnblocks vor.
Die Dichte liegt etwas unterhalb der Dichte der Gründerzeit-Quartiere Frankfurts. Früher war die Stadt wie ein gekochtes Ei mit der Stadtmauer als Schale. Heute fließt die Stadt wie ein Rührei auseinander, das sich in der gesamten Küche verteilt. Davon müssen wir wegkommen. Es bedarf eines riesigen Aufwands an Energie, um die Teile des Rühreis zusammenzuhalten. Metaphernfrei gesprochen heißt das, dass Erschließungsaufwand und Folgekosten für den Betrieb der Verkehrsinfrastruktur bei der Parkstadt Rebstock deutlich geringer sind als bei dem A5-Stadtteil. Die verdichtete Bebauung spart dauerhaft eine hohe Menge an externer Energie.

Aber es gibt in Frankfurt eine Angst vor Dichte. Die bürgerliche Mittelschicht will Einfamilienhäuser.
Zum Vergleich: München hat eine 25 Prozent größere Stadtfläche als Frankfurt, aber doppelt so viele Einwohner. Ist die Lebensqualität in München geringer als in Frankfurt? Eher im Gegenteil. Das heißt: Die kompakten Stadtteile nahe der Innenstadt befördern nicht nur den Austausch der Menschen untereinander, sondern auch die Durchmischung mit Einzelhandel und sozialen sowie kulturellen Nutzungen.

Wäre es nicht richtig, angesichts des Wachstums von Frankfurt, sowohl den neuen Stadtteil im Norden zu bauen als auch die Parkstadt Rebstock?
Sie haben vollkommen recht. Ich verstehe die Parkstadt als eine von mehreren Alternativen. Angesichts des Primats der Innenentwicklung vor der Außenentwicklung sollte die Reihenfolge aber umgekehrt sein. Entscheidend ist nicht die Flächenverfügbarkeit, sondern der politische Wille, Flächen verfügbar zu machen. Man hätte auf der alten Galopprennbahn die Sportanlagen von Niederrad und Sachsenhausen wohnortnah zusammenziehen können und auf den Herkunftsflächen der Sportplätze Wohnungen bauen sollen. Prestigedenken und Gewerbesteuer hatten Priorität, abgesehen davon, dass die Alternative gar nicht diskutiert wurde.

Sie werfen der Politik vor, aus Opportunitätsgründen ihre Pläne abgelehnt zu haben …
… Die Gemeinwohlorientierung muss wohl neu austariert werden. Bei der Politik geht es eben immer auch um Machterhalt und Wählerstimmen.

Ist die Furcht vor den Kleingärtnern so groß?
Es gibt am Rebstock etwa 500 Kleingärtner, auf deren Flächen sich 13 000 der 30 000 Bewohner und das Messeparkhaus unterbringen ließen. Das Problem ist, dass die Wohnungssuchenden in Frankfurt sich nicht zu einer sichtbaren Lobby zusammenschließen. Zu einer ausgleichenden Planung gehört ebenso dazu, den Kleingärtnern Ersatzflächen anzubieten und sich an den Umzugskosten für die Pflanzen zu beteiligen. Einen möglichen Ort habe ich im Blick. Es gibt östlich der A5 im Bereich von Niederursel einen rechtskräftigen Bebauungsplan für Kleingärten, die aber nur auf einem Viertel der vorgesehenen Fläche vorhanden sind. Die zweijährigen kostenintensiven Prüfungen für den neuen Stadtteil werden das sicher ans Licht bringen.

Überall dort, wo Wohnungsbau geplant ist, gründet sich eine Bürgerinitiative. Wie gewinnt man das Vertrauen der Menschen und wie überzeugt man sie?
Indem man ihnen reinen Wein einschenkt. Man muss den Menschen sagen, dass die Stadtbevölkerung auch dann wächst, wenn man keine einzige Wohnung baut. Nur steigen dann die Mieten noch weiter und die soziale Spaltung wächst noch mehr.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert und Christoph Manus

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