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In diesem privaten Wohnheim im Frankfurter Osten sind 60 Personen untergebracht.

Wohnungslosigkeit

Kein Zuhause

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In Frankfurt müssen 2500 Wohnungslose in privaten Hotels und Pensionen leben. An den Zuständen dort ist vor allem der umkämpfte Wohnungsmarkt schuld.

Gar nichts ist hier okay.“ Das sechsjährige Mädchen steht im Treppenhaus eines in die Jahre gekommenen Hauses irgendwo im Gallusviertel, und es ist ihm ernst. Seine Mutter, nennen wir sie Frau Petkova, hat auf die Frage, wie es sich hier denn wohne, gerade abwägend die Hände gehoben und zu einer diplomatischen Antwort angesetzt. Aber ihre Tochter drängelt sich vor. In ihrem Zimmer und im Bad gebe es Kakerlaken, ruft sie und ihre Augen funkeln. „Ich habe Angst!“

Ein paar Treppen hoch, in den zweiten Stock. Frau Petkova kramt einen Schlüssel hervor, und schon steht man in dem Zimmer, in dem sie und ihre Tochter jetzt schon seit zwei Jahren leben. Zwei Betten, ein niedriger Couchtisch, ein Kühlschrank. Der Raum ist so klein, dass zwischen Tür und Tisch gerade noch genug Platz bleibt, um sich umzudrehen. Wer das Fenster kippen will, muss auf eins der Betten steigen. Daneben liegt ein winziges Badezimmer mit Dusche.

Es sei leider sehr eng, sagt Frau Petkova leise, fast entschuldigend. „Eine Mutter mit Schulkind braucht zwei Zimmer, normalerweise.“ Ihre Tochter könne hier weder spielen noch vernünftig ihre Hausaufgaben machen. Schulfreundinnen einzuladen sei völlig undenkbar. Kochen müsse sie im Erdgeschoss, in einer Gemeinschaftsküche, sagt Frau Petkova – und obwohl der Kammerjäger bereits mehrfach dagewesen sei, krieche nachts immer mal wieder Ungeziefer über die Betten. Aber als Hartz-IV-Empfängerin finde sie in Frankfurt einfach keine andere Wohnung, sagt sie. „Das Sozialamt sucht auch. Aber es tut sich nichts.“

Frau Petkova und ihre Tochter sind mit ihrem Problem nicht alleine. Rund 2900 Menschen, die keine eigene Wohnung haben und damit als wohnungslos gelten, sind derzeit von der Stadt Frankfurt in Wohnheimen und Notunterkünften untergebracht – dazu kommen rund 4900 Flüchtlinge, für die die Stadt ebenfalls verantwortlich ist. Allein 2500 Betroffene, auch Familien mit Kindern, leben in privat betriebenen Pensionen, Hotels und Wohnheimen.

Eigentlich sollen wohnungslose Menschen nach Möglichkeit in den Unterkünften der großen Wohlfahrtsverbände unterkommen. Private Pensionen und Hotels seien stets „das letzte Mittel“, heißt es beim städtischen Sozialdezernat. Aber aufgrund des engen Wohnungsmarkts bleibt der Stadt gar nichts anderes übrig, als auf private Wohnheimbetreiber zu setzen. Nach FR-Informationen leben aktuell in mehr als 60 privaten Objekten von Fechenheim über das Bahnhofsviertel bis nach Nied Wohnungslose.

Ein Beitrag des Hessischen Rundfunks hat vor gut zwei Wochen eine Diskussion über die Zustände in diesen Heimen ausgelöst. Das Magazin „Defacto“ berichtete von engen Zimmern, verschimmelten Duschen, dreckigen Gemeinschaftsküchen – und den hohen Kosten, die die Unterbringung in privaten Wohnheimen verursacht. Pro Kopf zahlt die Stadt durchschnittlich 29,70 Euro pro Tag an die Betreiber privater Wohnheime, für eine vierköpfige Familie sind das immerhin rund 3500 Euro im Monat. Im vergangenen Jahr zahlte die Stadt für die Unterbringung aller Wohnungslosen – also nicht nur der 2500, die in privaten Unterkünften leben – stolze 21,2 Millionen Euro.

Ortsbesuch. Früher Morgen, ein grauer Häuserblock in einem Industriegebiet im Frankfurter Osten. Ein Bewohner, der sich schwarze Einmalhandschuhe angezogen hat, wirft vor dem Haus Müllsäcke in eine Tonne. Die Lage sei nicht besonders gut, sagt er. Seit drei Jahren lebe er jetzt hier, mit seiner Frau und seinen ein und drei Jahre alten Kindern bewohne er zwei kleine Zimmer. „Die Räume sind viel zu klein“, sagt er. Für je zehn Zimmer gebe es Dusche und Küche. Der Mann zuckt mit den Schultern. „Ich finde in Frankfurt nichts anderes. Ich habe keine Wahl.“

Der Mann ist nicht der Einzige, der hier mit kleinen Kindern lebt. Schon im Eingangsbereich des Hauses stehen zehn Kinderwagen, im Treppenhaus hört man ein Baby weinen. Es riecht nach Essen. Die ausgehängte Hausordnung ist eher eine Verbotsliste: Haustiere, Besuch empfangen, eigene Möbel aufstellen – alles untersagt. Und ein Blick in eine der Gemeinschaftsküchen ist deprimierend: Ein Herd mit vier Kochplatten, eine Spüle, eine stählerne Arbeitsfläche. Kein Kühlschrank, kein Platz für Lebensmittel. Dafür eine röhrende Belüftungsanlage.

Die Probleme sind offenkundig in vielen privaten Unterkünften dieselben. Hinter wohlklingenden Namen, meist mit dem stolzen Zusatz „Hotel“, verbergen sich graue Bauten, teils in schlechtem Zustand, teils in umgewidmeten Firmengebäuden. Ob im Gallus oder in Fechenheim, überall klagen Bewohner über zu kleine Zimmer, Probleme mit den Küchen, mangelnde Intimsphäre. Aber zwei Sätze hört man fast immer: Die Hausgemeinschaft funktioniere trotz allem ganz gut. Und: Es sei nicht schön, vom Sozialamt monate- oder jahrelang in einer Pension untergebracht zu werden. Aber besser als nichts.

Besser als nichts, so ungefähr sieht das auch Vitali Viderspan. Der 33-Jährige betreibt mit seiner Firma NM Hotels seit zweieinhalb Jahren ein privates Wohnheim in Fechenheim, das im HR-Film von „Defacto“ als krasses Negativbeispiel vorkommt. Das Haus ist ein wenig ansehnlicher Klotz neben einer Autofirma. Vor dem Gebäude stehen Schrottwagen. Natürlich lebe man hier nicht so gut wie in einer eigenen Wohnung, sagt Viderspan. Er kenne das noch aus seiner Jugend, als er vor 20 Jahren aus Russland nach Frankfurt gekommen sei. „Ich habe in genau so einer Unterkunft gewohnt mit meinen Eltern. Wir hatten genau so ein Zimmer.“

Vom Hessischen Rundfunk fühlt Viderspan sich zu Unrecht öffentlich an den Pranger gestellt: Alle 52 Einzel- und Doppelzimmer hätten eine eigene Toilette, es gebe zwei große Küchen, das Gebäude werde permanent gewartet und entspreche allen Vorschriften. Jedes Mal, wenn jemand ausziehe, würden die Zimmer frisch gestrichen. „Und wir achten darauf, dass alles funktioniert“, sagt Viderspan. Es stimme zwar, dass die Bewohner oft lange hier im Haus bleiben müssten, aber mittlerweile werde ja auch wieder mehr für den sozialen Wohnungsbau getan. Irgendwann würden private Heimbetreiber wie er vielleicht nicht mehr so dringend gebraucht. „Aber man kann das eben nicht von heute auf morgen bauen.“

Dass das Hauptproblem in Frankfurt der heißgelaufene Wohnungsmarkt sei, betont auch Anke Hens. Die Frankfurter Rechtsanwältin vertritt häufig ärmere Menschen, die etwa wegen Mietschulden ihre Wohnung verlieren und vom Sozialamt eine Notunterkunft zugewiesen bekommen. Die Probleme seien immer dieselben, sagt Hens, es gehe um die Gemeinschaftsküchen, die Enge, die hygienischen Zustände. Gerade Hartz-IV-Empfänger fänden einfach keine Bleibe. Eine Klientin habe mit ihrer Tochter sechs Jahre in einem Heim in Bahnhofsnähe wohnen müssen, sagt Hens. „Es müsste einfach mehr in den sozialen Wohnungsbau investiert werden.“

Dass günstiger Wohnraum fehle, sei unstrittig, sagt Manuela Skotnik, Sprecherin von Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU). Derzeit komme man ohne private Wohnheime nicht aus. Diese würden vor einer Belegung angesehen und mindestens einmal im Jahr kontrolliert. Die Stadt tue alles, um neue Unterkünfte zu schaffen und die Lage zu entspannen. „Wir sind in keiner Weise damit zufrieden, dass Leute in Hotels untergebracht sind.“

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