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Eine Begleitung ist bei manchen behinderten Kindern sehr sinnvoll, um eine gelungene Inklusion zu gewährleisten.

Schulen in Frankfurt

Kein Schulbesuch für seelisch behinderte Kinder

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Dorothea Terpitz kämpft in Frankfurt für Eltern, die eine Schulbegleitung für ihre seelisch beeinträchtigten Kinder beantragen. Statt schnelle Hilfe zu bieten, würde das Jugend- und Sozialamt die Suche erschweren.

Verzögerungstaktik und eigenwilliges Vorgehen sind zwei Vorwürfe, die Dorothea Terpitz offen an das Jugend- und Sozialamt in Frankfurt formuliert. Denkt sie an die Situation einiger behinderter Kinder in Frankfurt, bekommt die 51-Jährige das Grausen. Geschätzt 50 seelisch beeinträchtigte Kinder könnten momentan in der Stadt nicht zur Schule gehen oder würden nur kurz beschult. Viele seien von einer Nichtversetzung bedroht, weil die Assistenz fehle. Das Jugendamt Frankfurt bestätigt, dass es solche Fälle gebe. Konkrete Zahlen teilt es auf Anfrage der FR allerdings nicht mit.

„Es geht um Fälle, in denen Eltern Teilhabeassistenz für ihre Kinder fordern“, sagt Terpitz. Diese Teilhabeassistenz, auch Schulbegleitung genannt, gehört zur Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche nach dem Sozialgesetzbuch (SGB) VIII. Zu den seelischen Behinderungen zählen etwa affektive oder schizophrene Störungen, Belastungsstörungen aber auch Verhaltensstörungen, Beispiele sind Autismus oder ADHS. Wird bei einem Kind solch eine Störung diagnostiziert, können die Eltern beim Jugend- und Sozialamt eine Schulbegleitung beantragen.

Die Gewährung eines Bewilligungsbescheids würde beim zuständigen Amt jedoch zu lange dauern, beklagt Terpitz, die Vorsitzende im Verein „Gemeinsam leben Hessen“ ist und sich dort unter anderem für Eltern mit seelisch behinderten Kindern engagiert. Laut Gesetz muss die Entscheidung unverzüglich getroffen werden. Fünf Wochen hält Terpitz für eine normale Zeit, allerdings bräuchten viele Bewilligungen viel länger. Das Jugend- und Sozialamt teilt mit, dass im Zuge der Leistung eine Hilfeplan erstellt werden müsse. Dessen Erstellung mache neben einer umfassenden Beteiligung der Adressaten auch die sorgfältige Klärung der Lebenssituation zur Bedingung. Die Verfahrensdauer hänge daher wesentlich von der Mitwirkung aller Beteiligten, insbesondere vom Zeitpunkt des Vorliegens der Diagnose und der Schulauskunft, ab. Der Bewilligungsentscheid könne erst am Ende ausgestellt werden, jedoch gebe es die Möglichkeit auf Wunsch der Leistungsberechtigten vorab einen formaler „Zusicherungsbescheid“ zu erteilen. Dies habe jedoch keine Effekte in Bezug auf einen schnelleren Hilfebeginn.

Die sorgfältige Klärung der Lebenssituation geht Terpitz zu weit. „Was hat denn die Situation zu Hause mit der fehlenden Teilhabeassistenz in der Schule zu tun“, fragt die 51-Jährige. Viele Eltern hätten ihr berichtet, dass das Amt plötzlich Hausbesuche machen wollte. „Plötzlich bekommt man Tipps für den Alltag zu Hause.“ Dass eine Dringlichkeit in der Schule bestehe, könne doch nicht mit Hausbesuchen herausgefunden werden, sondern müsse bei der Kommunikation mit Schule und Schulbehörde thematisiert werden.

Auch die Suche einer geeigneten Begleitung kritisiert Terpitz. Das Amt wolle stets pädagogische Fachkräfte, die aber in dem benötigten Umfang nicht zur Verfügung stehen. „Schulbegleitungen durch anders qualifizierte beziehungsweise geeignete Personen werden nicht zugelassen“, sagt die 51-Jährige. Damit sei ein individueller Hilfebedarf, der sich an jedem einzelnen Kind orientieren solle, ad absurdum geführt. Mit einem einfachen Beispiel untermauert Terpitz dies. Ein Kind mit Autismus bekam nach langer Suche eine pädagogische Fachkraft an die Seite gestellt. Die engagierte Horterzieherin hatte jedoch keinerlei Erfahrung und Ahnung von Autismus, weshalb die Teilhabeassistenz scheiterte. „Eine pädagogische Fachkraft ist also nicht per se aufgrund ihrer Ausbildung für den Einsatz als Teilhabeassistenz geeignet“, urteilt Terpitz. Zumal man damit auch in den Kompetenzbereich der Schulbehörde eingreife, die für den pädagogischen Teil zuständig sei.

Das Amt erklärt, dass fachlich qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Schulbegleiter eingesetzt werden, die auch auf herausforderndes Verhalten frühzeitig und adäquat eingehen können, um die Situation für das Kind zu beruhigen. Als geeignet gelten etwa Sozialassistenzen, Erzieher, Heilerziehungspfleger und Studierende pädagogischer Fachrichtungen. Gerade im Bereich der Eingliederungshilfen werde aber auch die Möglichkeiten genutzt, in Absprache mit den Anspruchsberechtigten, im Einzelfall auf „pädagogisch geeignete Assistenzkräfte“ zurückzugreifen. Diese werden von Trägern angeleitet und spezifisch geschult.

Ohne eine Begleitperson für die beeinträchtigten Kinder wissen sich die Schulen oftmals nicht anders zu helfen, als mit Unterrichtsausschluss und Ruhen der Schulpflicht zu reagieren. Die Pädagogen müssten jederzeit mit unkontrollierbaren Störungen des Unterrichtsbetriebs rechnen. Kultusminister Alexander Lorz (CDU) teilte 2017 dem Landtag mit, dass in 30 Fällen in Frankfurt die Schulpflicht vorläufig oder auch länger als vier Wochen ruhte.

Aus Angst, dass ihr Kind langfristig keine Schule mehr besuchen könne und die Politik dies tatenlos dulde, würden viele Eltern die Teilhabeassistenz schließlich aus der eigenen Tasche bezahlen, so Terpitz.

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