+
Im Jugendtreff Kuss41 aktiv (v.l.n.r.): Philippe Hofmann, Alisa Weidinger und Oliver König.

Christopher Street Day

Frankfurt feiert CSD

  • schließen

Am Wochenende feiert Frankfurt den Christopher Street Day. Anerkannt sind Homosexuelle aber noch längst nicht. Daher suchen sie sich Schutzräume, wie etwa das „Kuss41“.

Phil hat einen Freund. Doch wenn er dessen Hand nimmt, um mit ihm über die Zeil zu schlendern, werden die beiden öfters mal skeptisch beäugt. Und manchmal sogar angepöbelt. Deshalb besucht der 24-Jährige gerne das „Kuss41“ – Hessens erstes Café für junge queere Menschen. Queer heißt hier: ein Ort, an dem jede sexuelle Orientierung als normal angesehen wird. Ein Ort, an dem niemand glotzt und niemand pöbelt.

Die Besucher im Alter zwischen 14 und 27 Jahren nehmen teils lange Wege in Kauf, um in die entspannte Atmosphäre des Kuss41 einzutauchen. Sie kommen, um zu plaudern, Billard zu spielen, sich kennenzulernen. Phil kommt mehrfach die Woche aus Kelsterbach in die Kurt-Schumacher-Straße in Frankfurt, die Namensgeberin für das Café ist. Aber es kommen auch Darmstädter, Aschaffenburger, Koblenzer. „Hier kann ich einfach mal ich selbst sein“, sagt Phil. An anderen öffentlichen Orten könne er das nicht. Während er das erzählt, nicken die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die neben ihm auf bunten Stühlen sitzen. „Das Kuss ist einfach ein Schutzraum für uns“, sagt eine 24-Jährige.

Dass es überhaupt eine Nachfrage für einen solchen Schutzraum gibt, ist ein Indiz dafür, wie relevant ein politischer Christopher Street Day (CSD) auch im Jahr 2015 noch ist. Und so drehen sich die Feierlichkeiten in Frankfurt, die heute beginnen, während der Demo am Samstag ihren Höhepunkt erreichen und bis Sonntag andauern, im Kern weiterhin um die Diskriminierung nicht heterosexueller Menschen. Der CSD geht auf das berühmte Aufbegehren Homosexueller in der New Yorker Christopher Street am 28. Juni 1969 zurück und wird seit Jahrzehnten auf der ganzen Welt an verschiedenen Sommertagen oder -wochenenden gefeiert.

CSD in Kontrast zu täglichen Erfahrungen

Der Frankfurter CSD zählt mit mehr als 100 000 Besuchern zu den größeren Veranstaltungen dieser Art in Deutschland. Weit über 1000 Menschen haben sich allein für die aktive Teilnahme am samstäglichen Umzug angemeldet. Unterstützung kommt mittlerweile aus fast allen Teilen der Gesellschaft – sogar Mitglieder der CDU sind in der Regel mit einem eigenen Umzugswagen dabei.

Das schrille Mega-Event steht dabei in Kontrast zu den Erfahrungen, die tagaus, tagein im Kuss41 gemacht werden. „Manche brauchen Jahre, bis sie sich trauen, in unser Café zu kommen“, erzählt Oliver König. Der freundliche Mann mit den kurzgeschorenen Haaren ist einer von zwei festangestellten Mitarbeitern in dem Jugendtreff, der vom Verein „Our Generation“ betrieben wird. Manchmal stünden die jungen Leute zögerlich auf der anderen Straßenseite und gingen nach langem Warten wieder nach Hause. Deshalb gibt es beim Kuss41 auch einen „Abholservice“. Den können Jugendliche vor ihrem ersten Besuch online buchen – dann werden sie an einem neutralen Ort abgeholt und mit ins Café genommen. Schon dass so etwas nötig sei, so König, sei „ein offensichtliches Zeichen“ dafür, dass die Akzeptanz ungewohnter Lebensentwürfe eben noch nicht Normalität in der Gesellschaft sei.

Dieser Meinung ist auch Joachim Letschert, der Sprecher des Vereins CSD Frankfurt. Zwar sei es seit ein paar Jahren gesetzt, dass der Oberbürgermeister die Festtage eröffnet und am Römer hochoffiziell die Regenbogenflagge hisst – doch liege weiterhin einiges im Argen. Die Ehe für alle ist da ein Stichwort. Aber auch die Reform der Bildungspläne in Schulen, die teilweise für den Sexualkundeunterricht nichts anderes vorsehen als die Verbindung zwischen Mann und Frau.

„Besorgte Homos“ lautet deshalb in diesem Jahr das Oberthema des Frankfurter CSD. „Es soll normal werden, dass im Unterricht die verschiedenen Lebens- und Liebesformen thematisiert und diskutiert werden“, heißt es dazu in einer Pressenotiz des Veranstalters. Eine so erreichte Normalität und Diskussion soll das Coming-out junger Menschen erleichtern.

Im Kuss41 stößt der Spruch „Besorgte Homos“ auf heftige Kritik – auch wenn man sich ebenfalls neue Lehrpläne wünscht. „Als ich das gehört habe, bin ich an die Decke gesprungen“, sagt ein Besucher des Jugendtreffs. Der Begriff Homo wirke „wie ein Stempel“ und schließe all diejenigen aus, die sich im intergeschlechtlichen oder asexuellen Bereich verorten. Auch lesbische Menschen identifizierten sich zu großen Teilen nicht mit dem Begriff, ist im Kuss41 zu erfahren.

Mehr Engagement von der Stadt gewünscht

Die Community sei „bunter und vielfältiger, als der Begriff Homo zu verstehen gibt“, so ein anderer Besucher. Und es sei immer noch schwierig, aus den „von der Gesellschaft vorgegebenen Rollen von Männlichkeit und Weiblichkeit“ auszubrechen, erklärt Oliver König.

Kritik wird es in diesem Jahr – wie in den Vorjahren – natürlich auch wieder an dem teils sehr kommerziellen Charakter des CSD geben. Doch vom veranstaltenden Verein CSD Frankfurt ist zu erfahren, dass das Geld 2015 so wichtig sei wie nie. So sei das von Sponsoren zur Verfügung gestellte Geld seit Jahren rückläufig. Im vergangenen Jahr machte der Verein deshalb auch 5000 Euro Verlust. Auf der Internetseite rechnen die Organisatoren vor, was alleine der Versand von Briefen und Backstageausweisen an Porto koste – 1500 Euro. Und zur Verpflegung der Künstler und Helfer brauche man unter anderem 700 Brötchen, 137 Kilo Obst und 400 Liter Kaffee: Die Liste ist lang.

Im vergangenen Monat scheiterte nun der Versuch, per Crowdfunding an Geld zu kommen: Statt der erhofften 7500 Euro kamen nur 1200 Euro zusammen. Eine weitere Idee, um an Geld zu kommen, ist die Versteigerung eines Bembels mit Karikaturen von Ralf König. Doch unabhängig davon, was der Krug für Einnahmen bringt: Das Bühnenprogramm fällt laut CSD-Sprecher Letschert schon in diesem Jahr etwas schmaler aus als sonst – und 2016 werde der CSD vermutlich spürbar „kleiner ausfallen“.

Letschert wünscht sich deshalb mehr Engagement von der Stadt. Schließlich stehe die Veranstaltung wie keine andere für ebenjene weltoffene Stadt, als die sich Frankfurt doch so gerne präsentiere. Auch sei der CSD mit seinen vielen Besuchern ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor. „Auch die Stadt muss sich die Frage stellen, was sie für eine solche Veranstaltung bereit ist zu investieren“, heißt es deshalb beim Verein CSD Frankfurt.

Im Kuss41 kann man sich derweil nicht über fehlende Unterstützung der Kommune beklagen. Erst im April wurde der Jugendtreff, der in diesem Frühjahr sein fünfjähriges Bestehen feierte, mit finanzieller Unterstützung der Stadt um ein paar neue Räume ergänzt. Denn die Besucherzahlen steigen und steigen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare