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Ein kühles Dessert wird gern angenommen.

Pflegekräfte in Frankfurt

Der Eiswagen kommt ans Bett

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Frankfurter Pflegekräfte schwitzen und müssen darüber hinaus wegen der großen Hitze auch noch Überstunden machen.

Die Sonnenschirme im Speisesaal der 4. Etage sind mehr als sommerliche Dekoration. Sie rufen auch ein Gefühl der Erfrischung hervor. Und das ist wichtig an einem Tag wie dem Freitag, an dem draußen das Quecksilber des Thermometers munter weiter in Richtung 40 Grad klettert. Sich kühle Gedanken machen, über Wintererlebnisse reden oder über Eisbären ist eine der vielen Strategien der Belegschaft im August-Strunz-Zentrum gegen die Hitzewelle, deren Ende noch nicht in Sicht ist. Feuchte Bettlaken vor den Fenstern, nasse Handtücher vor den Ventilatoren kühlen die Temperaturen ein, zwei Grad herunter. Bringt aber viel, auch wenn sie recht schnell wieder trocken sind, sagt Daniela Kavgic, Leiterin der beiden Wohnbereiche im 4. und 5. Stock des AWO-Hauses im Frankfurter Ostend. Eine Sisyphosarbeit: „Wenn man hinten fertig ist, kann man vorne wieder anfangen.“

Am Donnerstag hat Hessens Gesundheitsminister Stefan Grüttner (CDU) die Hitzewarnstufe 2 ausgerufen. Dies geschieht, wenn die gefühlte Temperatur 38 Grad übersteigt oder den vierten Tag in Folge gefühlte Temperaturen von mehr als 32 Grad zu erwarten sind. Eingeführt wurde das Warnsystem, nachdem im Jahrhundertsommer 2003 ungewöhnlich viele alte Menschen starben. Kinder und gesundheitlich geschwächte Personen sollten sich jetzt in kühlen Räumen aufhalten. Pflegeeinrichtungen und Pflegedienste sowie Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen müssen sich verstärkt um den Schutz der ihnen anvertrauten Menschen sorgen.

Die Regeln sind streng. Doch die meisten gehören ohnehin zur Routine im August-Strunz-Zentrum: Die Temperaturen sind in wechselnden Räumen sind zu messen und dürfen die 34 Grad nicht überschreiten. „Sonst greift der Arbeitschutz“, sagt Pflegeeinrichtungsleiterin Sabine Kunz. Selbst in der Nacht muss die Temperatur bei den Bewohnern stichprobenartig erhoben werden. Das Ganze wird dokumentiert und auch vom Gesundheitsamt ohne Voranmeldung kontrolliert.

Viel mehr Zeit als diese technischen Vorsichtsmaßnahmen kosten die Gespräche mit den Bewohnern. Nicht jeder ist begeistert, dass das Fenster morgens nach dem Lüften geschlossen werden muss und dass die Rollläden auch tagsüber unten bleiben sollen. „Wir müssen den alten Menschen erklären, dass es heute 37 Grad wird“, sagt Kavgic. Seit ihrer Zeit als Schülerin arbeitet sie im August-Strunz-Zentrum. Doch: „Solche Tage hat es hier noch nicht gegeben.“

Hitze bedeutet für sie und ihre Kollegen schwitzen, Überstunden und bei der Arbeit noch eine Schippe drauf: Der Soziale Dienst hat zwar zusätzliche Kräfte geschickt, die sich um die immobilen Bewohner kümmern - samt Trinkprotokoll. „Aber es gibt ja auch noch die mobilen, um die wir uns auch kümmern müssen.“ Dann schaut die 33-Jährige mal eben im Zimmer von Gisella Thoma (78) herein, Heimbeirätin im August-Strunz-Zentrum. Die Seniorin schaltet den Ton des Fernsehers aus und nimmt das ihr dargebotene Glas in die Hand. Die Pflegeleiterin hält ihr ein weiteres Glas entgegen: „Prost“.

Miteinander anstoßen ist einer der Tricks, mit denen das Team dafür sorgt, dass die Senioren genug Flüssigkeit bekommen, sagt Kunz, die das Haus mit mehr als 200 Bewohnern seit drei Jahren leitet. Ihre beiden Eltern sind selbst pflegebedürftig, leben aber noch zu Hause. Alle 45 Minuten werden sie vom Wecker an das Trinken erinnert. „Kleine Gläser“, sagt Kunz, seien weniger abschreckend. Und auch Ernährung kann den Flüssigkeitshaushalt ausgleichen. Gurken, Melonen, Tomaten, gefrorene Götterspeise. Wer keine kalten Suppe mag, bevorzugt vielleicht Brühe. Salzstangen oder isotonische Getränke liefern Mineralien. Am Freitag geht das erste Mal die mobile Softeismaschine in Betrieb, die aus Spenden finanziert wurde. Sie kommt bis an die Betten.

In den Heimen, versichert Kunz, ist die Kontrolle engmaschig. Größere Sorge machen ihr die alten Menschen, die in Frankfurt in schlecht isolierten Wohnungen leben und auf die keiner so richtig ein Auge hat. Einige kommen als Gast zum Mittagessen ins August-Strunz-Zentrum. Bleiben manchmal länger im Café sitzen, um die angenehme Temperatur dort zu genießen.

Die Temperatur ist zwar nicht frisch, aber erträglich. Das Gebäude im Röderbergweg stammt aus einer Zeit, als zentrale Kühlung noch kein Thema war. Nicht wenige Bewohner lehnen ohnehin so modernes Zeug wie Ventilatoren oder Klimaanlagen ab. Oder leichte Kleidung. „Alte Menschen schwitzen auch nicht so wie wir“, sagt Kunz. In kalten Räume steige zudem das Erkältungsrisiko. Deshalb gibt es sie nur, wo es unbedingt sein muss: Im Dienstzimmer der Pflege wegen der Medikamente und in den Schockräumen, die für den Fall vorgehalten werden, dass ein Bewohner sich etwa bei einem Spaziergang bei der Hitze übernommen hat.

Das Mittagessen ist vorbei. Noch fehlen einige Stunden, um den Tag im Freien ausklingen zu lassen. Gegen 17 Uhr kommen die meisten Bewohner raus in den Hof mit der großen Platane. Dann stellen sich dort kühlende Winde ein.

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