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Das Reihenhaus in Frankfurt, in dem Bernd Heidenreich mit seiner Frau wohnt, gleicht in Teilen einer Bibliothek. Er sei noch immer Student, sagt der Germanist und Historiker von sich selbst.

Kirchentag in Frankfurt

"Demokratie kann man lernen"

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Bernd Heidenreich muss es wissen. Der Historiker leitete fünfzehn Jahre lang die Landeszentrale für politische Bildung. Jetzt organisiert er den ökumenischen Kirchentag in Frankfurt. Den will er groß feiern.

Herr Heidenreich, studiert haben Sie Geschichte und Germanistik. Haben Sie Ihren Söhnen empfohlen, auch solche brotlosen Künste zu studieren?
Ich war immer der Meinung, dass jeder Mensch seinem Stern folgen muss. Meine Söhne waren in ihrer Entscheidung daher völlig frei. Der eine ist Theologe, der andere Altphilologe geworden. Meine Fächer waren damals in der Tat brotlose Künste. Ich hatte mich zunächst auch entschieden, Rechtswissenschaften zu studieren, weil ich schon damals an Fragen wie der Gerechtigkeit interessiert war.

Warum ist daraus nichts geworden?
Mein Schlüsselerlebnis hatte ich, als ich die Kaugummikugel-Entscheidung des Bundesgerichtshofs zu lesen hatte. Da hatte sich ein oberstes Gericht auf 60 Seiten darüber ausgelassen, ob der Verkauf von Kaugummikugeln unter das Lebensmittelrecht fällt oder nicht. Ich habe das Buch zugeklappt und mir gesagt, damit möchtest du dich in deinem Leben nicht beschäftigen. Und bin zu den Historikern und Germanisten gewechselt. Ich habe das keine Sekunde bereut.

Den größten Teil Ihres Berufslebens haben Sie in der Politik verbracht. Gibt es dort heute zu wenig Geisteswissenschaftler?
Der Juristenanteil dort ist schon ziemlich groß. Wobei ich ein Geschichtsstudium für eine sehr gute Vorbereitung auf die politische Arbeit halte. Historiker sind ja nichts anderes als die Pathologen der Politik, sie analysieren politisches Handeln, das vergangen ist. Man kann daraus lernen, die Fehler von damals nicht ein zweites Mal zu begehen.

Beobachtet man die populistischen Auftriebe allenthalben, könnte man fürchten, Geschichte könne sich wiederholen und in Deutschland etwa der Nationalsozialismus wieder erstarken?
Nein. Denn Geschichte wiederholt sich eben nicht. Außerdem leben wir inzwischen seit fast 70 Jahren in einer gefestigten Demokratie. Allerdings gab es schon immer Menschen, die aus der Geschichte nichts gelernt haben.

Gibt es davon immer mehr?
Das Anwachsen des Rechtspopulismus und der AfD ist in der Tat besorgniserregend und eine Herausforderung für uns alle. Umso mehr müssen wir uns um historische Orientierung und politische Bildung bemühen.

Hat die politische Bildung versagt, wenn die Demokratie gering geschätzt wird, Antisemitismus zunimmt, populistische Parteien zweistellige Wahlergebnisse erzielen?
Das glaube ich nicht. Demokratie braucht in erster Linie engagierte Demokraten, die für sie einstehen. Sie ist nichts, was man einfach weiter vererben kann wie ein Haus oder ein Bankkonto. Jede Generation muss sich neu um die Demokratie bemühen. Politische Bildung kann den Bürgern diese Verpflichtung nicht abnehmen, aber sie dabei unterstützen. Das tut sie durchaus erfolgreich. Ich war fünfzehn Jahre Direktor der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, deren Aufgabe es ist, eine Art Werbeagentur für die Demokratie und das Grundgesetz zu sein und über Diktaturen und politischen Extremismus aufzuklären. Dabei gilt es vor allem, junge Menschen anzusprechen und sie gegen das Gift des Rechtsextremismus zu immunisieren. Denn Demokratie ist lernbar.

Wie soll das passieren?
Eine enge Zusammenarbeit mit den Schulen, also Lehrerfortbildung, geeignete Unterrichtsmaterialien, Schülerprojekte, auch unter Einsatz des Internets sind unverzichtbar. Ein Schlüssel ist auch hier die Erziehung zu historischer Verantwortung mit Hilfe von Zeitzeugen. Deshalb sind der Besuch von Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus und die Berichte von Menschen, die Diktaturen am eigenen Leibe erlebt haben, für Schüler so wichtig. Nichts wirkt auf Jugendliche so stark wie die Begegnung mit einem ehemaligen KZ-Häftling oder das Gespräch mit einem Opfer der SED-Diktatur. Das muss an den Schulen noch ausgebaut und für künftige Generationen mit der Anlage von Film- und Tondokumenten gesichert werden.

Lassen Sie uns über den ökumenischen Kirchentag reden, der 2021 in Frankfurt stattfinden soll.
Sie sind von katholischer Seite aus für die Vorbereitung zuständig. Ihr Partner auf evangelischer Seite ist Rudolf Kriszeleit, mit dem wir vor einigen Tagen ebenfalls gesprochen haben. Es gibt zwischen Ihnen und ihm übrigens einige frappierende Ähnlichkeiten im Lebenslauf. . .

Welche meinen Sie da?
Sie beide waren Ziehenschüler, beide waren Sie Referent einer Landtagsfraktion, Herr Kriszeleit ist Jurist, was ja auch für Sie eine Option zu sein schien, und Sie sind trotz aller beruflichen Stationen Frankfurt treu geblieben. Ja sie wohnen sogar beide in Reihenhäusern in nördlichen Frankfurter Stadtteilen, wenn man die Parallelen soweit treiben will. Das mit den Häusern ist sicher ein lustiger Zufall. Alles andere auch?

Wir haben uns damals in der Ziehenschule alle sehr für Politik interessiert, und auch wenn wir sehr verschiedene Ansichten hatten, konnten wir doch immer gut und fair miteinander streiten.
Was übrigens ein gutes Mittel gegen Politikverdrossenheit ist. Die meisten liefen damals mit Willy-Brandt-Buttons herum, meine politischen Sympathien waren bei der CDU. Persönlich haben wir uns alle gut verstanden und zusammengehalten, wenn es um Schülerinteressen ging. Ich war dort Schulsprecher, der heutige Oberbürgermeister Peter Feldmann Stufensprecher, der halbe Frankfurter Magistrat ist in der Ziehenschule sozialisiert worden. Insofern ist es kein Zufall, dass sowohl Herr Kriszeleit als auch ich später in der Politik unterwegs waren. Und jetzt haben wir über den ökumenischen Kirchentag wieder zusammen gefunden.

Beide Veranstalter des Kirchentags, die evangelische und die katholische Kirche, verlieren Mitglieder, werden kleiner. Verlieren sie damit an Bedeutung?
Das Problem ist ja nicht nur der Rückgang der Mitgliederzahl, sondern wir haben auch eine Glaubenskrise. Das macht mir große Sorgen. Einer Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach aus dem Dezember vergangenen Jahres zufolge glauben nur noch 33 Prozent der Deutschen, dass Gott die Welt geschaffen hat, nicht einmal die Hälfte glaubt, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist. Und nur jeder Vierte glaubt noch an die Auferstehung nach dem Tode. Das heißt, die Substanz des christlichen Glaubens steht auf dem Spiel.

Ist das nicht vor allem ein Problem für die Kirche?
Das ist auch für die Gesellschaft ein Problem. Denn die Kirche leistet wesentliche Beiträge zu dieser Gesellschaft. Sie liefert ein Wertefundament, wie es sich in säkularisierter Form im Grundgesetz wiederfindet. Sie ist ein Anwalt für die Freiheit und Würde des Menschen, steht für eine Kultur des Lebens, für das ungeborene Leben, für das Leben mit Behinderungen, den kranken Menschen, das sterbende Leben.

Ihr evangelischer Partner Kriszeleit sagte, seine Kirche habe trotz Mitgliederschwunds an Bedeutung gewonnen, weil sie sich stärker in gesellschaftliche Belange eingemischt hat, etwa mit der Ablehnung des Flughafenausbaus. Sollte das die katholische Kirche auch tun?
Kirche hat drei Aufgaben: Anwalt zu sein für die Würde und Freiheit des Menschen. Sie hat dort eine Wächterfunktion. Kirche muss für ein menschliches Gesicht der Gesellschaft eintreten, sie tut das, indem sie sich in der Krankenpflege und Altenhilfe engagiert, der Jugendhilfe, der Drogenprävention. Die wichtigste Aufgabe ist aber, den Glauben in den Mittelpunkt zu stellen und ihn zu verkünden. Jesus Christus war mehr als die antike Form des Sozialarbeiters.

Welche Funktion hat dabei der ökumenische Kirchentag?
Wir müssen die Flamme des Glaubens neu entzünden. So ein Kirchentag hat eine ganz große integrative Kraft, er bringt Menschen verschiedenen Alters, mit verschiedenen Berufen, aus unterschiedlichen sozialen Milieus und verschiedene Konfessionen zusammen. Das ist ein Zeichen gegen die Individualisierung und Polarisierung der Gesellschaft und gegen jene, die diese Gesellschaft spalten wollen. Es ist kein Zufall, dass Linke und AfD gegen eine finanzielle Unterstützung durch die Stadt Frankfurt gestimmt haben.

Warum brauchen zwei so reiche Kirchen denn Geld vom Staat?
Der Kirchentag spricht alle Frankfurterinnen und Frankfurter an, nicht nur die Angehörigen der beiden Kirchen. Der Zuschuss der Stadt ist aber auch ökonomisch gut investiert. Wenn bis zu 200 000 Menschen zu uns kommen, ist das gut für die Gastronomie und den Tourismus, das Medieninteresse richtet sich auf die Stadt, sie wird wahrgenommen als Ort der gesellschaftlichen Auseinandersetzung, der kulturellen und geistigen Debatte. Das ist mit der Frankfurter Buchmesse vergleichbar.

Bis zu 30 Millionen Euro soll der Kirchentag kosten. Gerade für das Bistum Limburg, wo unter Bischof Tebartz-van Elst sehr viel Geld für ein schickes Bischofshaus ausgegeben wurde, ist das ein heikles Thema. Muss es so teuer sein?
Natürlich muss man mit öffentlichen Geldern sehr sparsam umgehen, vor allem im Bistum Limburg. Mit einem kleineren Kirchentag würde man allerdings viel weniger Menschen erreichen und die Wirkung begrenzen. Es geht aber gerade darum, ein großes Fest des Glaubens zu feiern.

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