+
Viele Frankfurterinnen und Frankfurter folgten dem Aufruf zum "Kippa-Tag".

Antisemitismus

Bouffier stärkt Juden den Rücken

  • schließen

Zeichen gegen Judenfeindlichkeit: Die Landesregierung tagt im jüdischen Gemeindezentrum. Juden "sollen leben können ohne Angst", sagt Ministerpräsident Volker Bouffier.

Manchmal wäre es so einfach, etwas gegen Judenfeindlichkeit zu tun. Lehrer könnten zum Beispiel Täter zur Rede stellen, die einen Mitschüler antisemitisch beschimpfen. Das hat am Montag bei der Sitzung des hessischen Kabinetts im jüdischen Gemeindezentrum in Frankfurt niemand so klar auf den Punkt gebracht wie der 14-jährige Elias Baum. Früher, als er noch nicht auf die jüdische Lichtigfeldschule gegangen sei, hätten ihn Mitschüler als Juden beschimpft und sogar geschlagen, berichtet der Sachsenhäuser Junge. Lehrer, denen er von den Attacken erzählt habe, hätten aber nur geantwortet: „Klärt das unter Euch“. Elias berichtet das ganz nüchtern und folgert: „Ich hätte erwartet, dass die Lehrer etwas tun. Ich denke, das wäre gut gewesen gegen Antisemitismus.“ Das sieht Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) nicht anders, der neben Elias sitzt und aufmerksam zuhört. Bouffier will mit der auswärtigen Kabinettssitzung ein Zeichen gegen Judenhass setzen. „Sie sollen leben können ohne Angst“, sagt der Regierungschef den Gastgebern zu.

Der Frankfurter Gemeindevorsitzende Salomon Korn und Jacob Gutmark, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinden in Hessen, loben das Zeichen der Solidarität. Zugleich dringen sie auf politisches Handeln, insbesondere in der Lehrerausbildung. Ziel müsse sein, „dass Kinder jüdischer Glaubensrichtung sich wieder wohl und sicher fühlen können“, formuliert Korn. 

Das sei heute nicht überall der Fall, berichten mehrere Teilnehmer. Noel Loebner etwa, ein 18-jähriger Fußballer des Vereins Makkabi Frankfurt, erlebt zunehmenden Antisemitismus auf dem Sportplatz. „Es wurde schlimmer in den letzten Jahren“, berichtet der junge Mann, der kein Jude ist, sich aber als „Teil der Makkabi-Familie“ den gleichen Angriffen ausgesetzt sieht. „Wir versuchen, als Mannschaft darüber zu stehen“, fügt Loebner hinzu.

Auch Elias Baum fühlt sich nicht überall in Frankfurt wohl, wenn er sich als Jude zu erkennen gibt. Etwa an der Konstablerwache. Zur Kabinettssitzung im Gemeindehaus hat der Achtklässler die jüdische Kopfbedeckung aufgesetzt, die Kippa. Im Alltag aber trage er lieber keine Kippa, erzählt der Schüler. „Die Leute gucken einen komisch an.“ 

Auch Bouffier und seine schwarz-grünen Kabinettskollegen tragen bei diesem Anlass keine Kippa, obwohl der Frankfurter Stadtkämmerer Uwe Becker (CDU) zum „Kippa-Tag“ aufgerufen hat. Auf Nachfrage holt der Ministerpräsident eine weiße Kippa aus seiner Jackentasche. Er sei vorbereitet gewesen, habe sich aber gegen das Tragen erschienen, als ihn Salomon Korn ohne Kippa empfangen habe, erklärt Bouffier. Korn zeigt sich damit vollkommen einverstanden. Die Anwesenheit in der jüdischen Gemeinde sei ein so deutliches Bekenntnis, dass die Regierungsmitglieder nicht noch ihre Solidarität durch das Tragen von Kippot zeigen müssten, erläutert der Gemeindevorsitzende. 

Bouffier lobt im Verlaufe des Gesprächs  Beckers Aufruf und die Reaktion darauf. Er freue sich, dass die Aktion „so eine tolle Resonanz gefunden“ habe, sagt der Regierungschef. „Es sind viel mehr Menschen, die sich engagieren, als man gemeinhin denkt.“

Ein anderes starkes Signal, das manche von der Sitzung erwartet hatten, blieb aus. Das Kabinett berief noch keinen Antisemitismus-Beauftragten. Die Personalentscheidung werde binnen kurzer Zeit fallen, kündigte Bouffier an. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare