Der frühere Außenminister Joschka Fischer beim Jahresempfang der Grünen im Kunstverein Familie Montez.
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Der frühere Außenminister Joschka Fischer beim Jahresempfang der Grünen im Kunstverein Familie Montez.

Joschka Fischer in Frankfurt

"Beinhart dagegen halten"

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Der frühere Außenminister Joschka Fischer ist Stargast bei den Frankfurter Grünen und spricht über den Umgang mit Rechtspopulisten.

Der Zuspruch ist groß an diesem Abend beim Jahresempfang der Frankfurter Grünen. Gründer sind gekommen wie der 72-jährige Milan Horacek, der eigentlich in Prag lebt, aber noch immer Mitglied des Frankfurter Kreisverbandes ist, wie er stolz erzählt. Oder Rupert von Plottnitz, einst erster Justizminister der Grünen in Hessen.

Sie wollen einen alten Straßenkämpfer treffen, der heute in Berlin wohnt, aber Frankfurt noch immer liebt. Der nur noch inkognito hier ist, offiziell so gut wie gar nicht. Doch an diesem Abend ist Joschka Fischer, „der überzeugte und leidenschaftliche Europäer“, wie ihn Grünen-Fraktionschef Manuel Stock begrüßt, so etwas wie der Star-Redner.

Und der 70-jährige, der 2005 zuletzt den überfüllten Römerberg gerockt hatte – noch als Bundesaußenminister – er enttäuscht nicht. Er gibt erst mal zu, dass er das Ostend, in dem er einst Taxi fuhr, nicht mehr wiedererkennt.

Und sagt dann unter Beifall: „Richtige Heimatgefühle habe ich erst in dieser Stadt entwickelt.“ 1968 kam er an Ostern mit seiner jungen Ehefrau und einem Koffer am Hauptbahnhof an, stürzte sich gleich ins Getümmel der Proteste gegen den Springer-Verlag. „Es ging heftig zu auf den Straßen“, erinnert er sich.

Und dann folgt die Liebeserklärung zur Stadt: „Wenn ich mal nach Frankfurt komme, habe ich das Gefühl, ich komme nach Hause.“ Das Frankfurt, in dem sich einst der Realo Fischer Anfang der 80er Jahre mit den Radikalökologen heftig befehdete. Heute stünden CDU und CSU für solche Selbstzerfleischung: „Wir sind Gott sei Dank ein Stück langweiliger geworden.“

Nachdenklich und fast ein wenig traurig gestimmt wirkt Fischer, bevor er dann doch zur gewohnten Angriffslust findet. „Wer redet wie ein Nazi, wer denkt wie ein Nazi – wie wollen wir ihn nennen?“ ruft der 70-jährige am Rednerpult, das inmitten der Sofas und Sessel vom Kunstverein Familie Montez fast deplatziert wirkt. Und fährt fort: „Diese Leute haben Deutschland schon einmal zerstört!“

Gerade von den Frankfurter Grünen erwarte er, dass sie für den Schutz von Minderheiten einträten. Hier dürfe man „nicht taktieren“, sondern müsse „beinhart dagegen halten“. Großer Applaus.

Offene Worte dann zur Einwanderungsgesellschaft: Wenn sie funktionieren solle, müsse der Staat auch „Recht durchsetzen“. Denn die Einwanderung bringe auch „Individuen mit sich, die nicht jeder haben will.“ Da gibt es keinen Beifall.

Der Europäer Fischer beschreibt an diesem Abend den Zerfall der alten Weltordnung. Es sei der US-Präsident, der diese Ordnung in Frage stelle. Um dieses Gefühl nachempfinden zu können, empfiehlt der frühere Bundesaußenminister die Lektüre eines Klassikers von Stefan Zweig: „Die Welt von gestern“.

Dieser wehmütige Abgesang auf die Kultur des alten Europas und die Welt der österreichisch-ungarischen Doppel-Monarchie erschien 1942 – da hatte der Schriftsteller schon Selbstmord begangen im brasilianischen Exil.

Und heute? Heute ist „die Verwirrung und die Angst vieler Menschen offenbar sehr groß“. So groß, dass sie den Rechtspopulisten und den Rechtsradikalen ihre Stimme geben. „Es könnte mich narrisch machen“, sagt Fischer. Denn man habe nichts gelernt: „Wie sah Frankfurt 1945 aus?“ Ein nachdenklicher Sommerabend im Kunstverein Familie Montez.

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