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Wünscht sich mehr Wohnflächen und kreative Räume für Studierende: Birgitta Wolff.

Uni Frankfurt

"Bei der Campusmeile den großen Wurf wagen"

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    Kathrin Rosendorff
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Birgitta Wolff, Präsidentin der Frankfurter Goethe-Universität, spricht über visionäre Stadtplanung, die Zukunft der Regelstudienzeit und eine Kampagne gegen sexualisierte Diskriminierung.

Frau Wolff, was waren Sie für ein Studententyp? Traf man Sie nur in der Bibliothek oder auch auf Studipartys?
Meinen ersten Abschluss habe ich an der damals neuen Uni Witten/Herdecke absolviert. Wir waren zunächst weniger als 100 Studierende in meinem Fach. Gefeiert haben wir knackig. Die besten Partys hatten die Zahnmediziner (lacht). Gelernt haben wir meist in unseren WGs, in kleinen Gruppen. Die Einführungveranstaltung war keine Vorlesung, sondern hatte Projektcharakter. Und wenn wir fachliches Know-how gebraucht haben, hieß es: Das kannst du nachlesen. Für mich hat das gut funktioniert. Aber nicht alle haben dieses Nicht-an-die-Hand-genommen-Werden als Chance gesehen, sondern auch als „Die lassen mich hängen und keiner erklärt mir, wie die Welt funktioniert“.

Gerade gab es eine Studierendenbefragung. Zwei Drittel der Eingeschriebenen sind neben dem Studium erwerbstätig. So schätzt fast die Hälfte, dass sie gegenüber der Regelstudienzeit in Verzug ist. Ist die Regelstudienzeit ein Auslaufmodell?
Wir sollten zusammen mit der Politik überlegen, ob die Regelstudienzeit noch ein sinnvoller Parameter für die Hochschulfinanzierung ist. Macht es wirklich noch Sinn, Hochschulen Anreize zu setzen, die Studierenden zu einem schnellen Studium zu drängen, wenn das weder zu deren Lebenssituation passt noch der Schlüssel zu einem guten Studienerfolg ist? Die Befragung hat auch ergeben, dass 90 Prozent unserer Studierenden ihren Freunden die Goethe-Uni weiterempfehlen würden.

Der Lehramtsbereich ist ein sehr großer Bereich mit einem nicht so guten Betreuungsverhältnis zwischen Professoren und Studierenden. Haben Sie vor, da aufzustocken?
Das werden wir müssen. In den Lehramts-Studiengängen fürs Grundschul- und Förderschul-Lehramt haben wir im letzten Sommer auf Wunsch der Politik die Erstsemesterzahlen verdoppelt. Das war heftig. Da kann man gar nicht so schnell Professuren schaffen, wie es nötig wäre. Didaktiker sind bundesweit heiß begehrt, weil inzwischen alle merken, dass wir mehr Lehrer ausbilden müssen. Gleichwohl sollte man nicht erst Lehrer ausbilden, wenn man merkt, dass sie akut fehlen. Schülerinnen und Schüler fallen ja nicht plötzlich vom Himmel; sie kündigen sich in der Regel sechs Jahre vorher an. Auch ohne Migration hätten etliche Bundesländer einen Lehrkräftemangel. Das ist seit Jahren bekannt.

Ihr Vorgänger wollte aus der Goethe-Uni ein „Harvard am Main“ machen, aber Hessens Universitäten gehören nicht zu den Gewinnern der Exzellenzstrategie …
Ich habe immer gesagt, dass mir „Goethe am Main“ besser gefällt. Der Exzellenzwettbewerb ist wie eine wichtige Fußballmeisterschaft, die nur alle sieben Jahre stattfindet. Daran hängt viel Reputation. Deshalb ist unser Abschneiden im Exzellenzwettbewerb Anlass zur Selbstreflexion und für eine Entwicklungsdiskussion innerhalb der Uni. Vielleicht sollten wir wieder stärker daran erinnern, dass es auch andere hochrangige Wettkämpfe gibt. Zudem bringt der neue gemeinsame Exzellenzcluster der Universitäten Gießen und Frankfurt insgesamt rund 40 Millionen Euro zusätzlich, verteilt auf sieben Jahre und mehrere Standorte. Unser Uni-Gesamtbudget betrug im Jahr 2017 rund 630 Millionen Euro; davon waren fast 200 Millionen eingeworbene Drittmittel. Der monetäre Wert eines Clusters erscheint also kompensierbar. In anderen Spitzenforschungsbereichen, die sich in anderen Wettbewerben um Bundes- und Landesmittel bewähren, steht die Goethe-Universität aktuell gut da.

Inwiefern?
Ich denke konkret an die Krebsforschung, die Arzneimittelforschung und die Finanzforschung. Hier geht es um deutlich höhere Beträge und vor allem um wirklich dauerhafte Institute. Das Frankfurt Cancer Institute hat über die Landesförderung hinaus allein für ein Bauprojekt 26 Millionen Euro an Bundesförderung zugesagt bekommen und 20 Millionen von der Deutschen Krebshilfe. Das Zentrum Translationale Medizin und Pharmakologie – da geht es um Arzneimittelforschung – wird in ein Fraunhofer-Institut überführt. Und unser Loewe-Zentrum Sustainable Architecture for Finance in Europe steht in den Startlöchern für ein neues Leibniz-Institut. Da geht es um Finanzmarktregulierung. Das ist doch – um in der Fußballmetapher zu bleiben – auch Bundesliga, in der Frankfurt da spielt.

Stichwort ein Jahr #MeToo: Ein Dozent der Goethe-Universität hatte eine Studentin bei einem Ausflug sexuell bedrängt und wurde Anfang des Jahres entlassen. Was ist seitdem passiert?
Die AG Antidiskriminierung hat seitdem viele Themen aufgegriffen. An erster Stelle steht die bessere Information aller Betroffenen über Beratungsangebote. Ebenso wichtig ist die Sensibilisierung von Kollegen, sexualisierte Diskriminierung überhaupt als solche zu erkennen. Machosprüche gehen gar nicht, da müssen wir an der Uni pädagogische Aufklärungsarbeit leisten und Grenzen aufzeigen. In den Fachbereichen finden Veranstaltungen für Studierende und Lehrende dazu statt. Wir bereiten eine weitere Kampagne „laut*stark“ vor mit dem Aufruf an alle, die sexualisierte Diskriminierung wahrnehmen oder davon betroffen sind, sich einzumischen, diese zu melden und Beratungsstellen zu nutzen. Gegen die Angst, Grenzüberschreitungen zu thematisieren, müssen wir weiter arbeiten.

Das Studierendenhaus sollte 2019 fertig werden. Anwohner waren nicht so glücklich, denn es liegt am Rand der Uni. Kein idealer Ort für Partys  ...
Es gab Verfahrensverlängerungen. unter anderem durch ein Verwaltungsgerichtsverfahren gegen die von der Stadt erteilte Baugenehmigung. Wir gehen dennoch bislang davon aus, dass der Bau noch 2018 beginnt.

Gibt es Fortschritte bei der Campusmeile, die entlang des nördlichen Alleenrings entstehen soll?
Es ist ein Meilenstein, dass die Campusmeile Eingang in die städtische Entwicklungsplanung gefunden hat. Das Projekt bietet die Riesenchance, Frankfurt weiter zu einer Studenten- und Hochschulstadt zu entwickeln. Dafür sollte man den großen Wurf wagen. Die Idee, die Miquelallee zu untertunneln, wurde wohl schon wiederholt verworfen, aber zum Beispiel beim Petuelring in München hat man genau dies gewagt und den Norden von Schwabing völlig verändert. Um visionäre Stadtplanung zu verwirklichen, sollten wir uns nicht nur darüber unterhalten, wo wir noch einen Baum pflanzen oder eine zusätzliche Straßenbahn einsetzen. Es muss viel mehr studentische Wohnflächen geben, aber auch kreative Räume, Makerspaces und Platz für Start-ups, damit neue Initiativen und neue städtische Dynamiken entstehen. Das wäre eine tolle Ergänzung zum Kulturcampus, der aus meiner Sicht zur Campusmeile dazu gehört, die nicht bei der A66 enden sollte. An das Museumsufer hat am Anfang auch niemand geglaubt, und jetzt ist es aus Frankfurt nicht mehr wegzudenken.

Letztes Jahr trafen Sie Macron. Wer wäre Ihr Wunschkandidat?
Der Macron-Besuch hatte große symbolische Bedeutung, der Besuch von Bundespräsident Steinmeier gab kürzlich spannende Impulse für den wissenschaftlichen Fachdiskurs. Persönlich wünsche ich mir den Besuch der iranischen Literaturwissenschaftlerin Azar Nafisi an der Goethe-Uni, die „Lolita lesen in Teheran“ geschrieben hat. Mit ihr stehe ich bereits in Kontakt. Sie beschreibt in dem Buch, wie sie unter Chomeini von der Uni verdrängt wurde und in ihrer privaten Küche mit Studierenden „subversive“ Literatur gelesen hat.

Interview: Kathrin Rosendorff und Franziska Schubert

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