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Ab 25. Mai soll die neue Altstadt für alle begehbar sein.

Frankfurt

Bald fällt der Zaun um die Altstadt

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Das nachgebaute Frankfurter Altstadt-Quartier ist ab Ende Mai für alle zugänglich. Die meisten Käufer wollen offenbar selbst einziehen.

Noch immer stehen einzelne Gerüste, wuseln Handwerker über Bohlenkonstruktionen, dröhnen von fern Hammerschläge. Die neue Frankfurter Altstadt zwischen Dom und Römer ist nach wie vor eine Baustelle. Doch die Arbeiten gehen ihrem Ende entgegen. Am Freitag, 25. Mai, kommt der Moment, auf den die städtische Dom-Römer-GmbH in den neun Jahren seit ihrer Gründung hingearbeitet hat: Dann sollen die Bauzäune rund um das Quartier fallen, und das 7700 Quadratmeter umfassende kleine Viertel mit seinen 35 Gebäuden kann von jedem betreten werden.

Frankfurt am Main wäre nicht die selbsternannte „kleinste Metropole der Welt“, würde es nicht aus diesem Anlass „einen kleinen Event“ inszenieren, wie es Michael Guntersdorf nennt, der Geschäftsführer der Dom-Römer-GmbH. Also werden ausgewählte Politiker, allen voran Oberbürgermeister Peter Feldmann, ein Band durchschneiden. Der Sozialpolitiker, der dem 200 Millionen Euro teuren Projekt einst skeptisch gegenüberstand, hat sich zum Befürworter gewandelt. „Wir geben unseren Menschen ein Stück Seele zurück“, sagt der Sozialdemokrat heute pathetisch.

Der erfahrene Projektentwickler Guntersdorf, der das Bauvorhaben seit 2009 steuert, geht die Sache nüchterner an. Er folgt bis zuletzt einem ausgeklügelten Logistikplan, die Grundlage dafür, dass 15 Rekonstruktionen historischer Altstadthäuser und weitere 20 „Nachempfindungen“ entstehen konnten.

Keine Kinder

Dieser Zeitablauf sieht vor, dass von Anfang Mai an auf dem wiedererstandenen „Krönungsweg“ zwischen Dom und Römer die Umzugswagen vorfahren. Etwa 170 Menschen werden in die rund 80 teuren Eigentumswohnungen einziehen. Nein, die Altstadt ist kein Viertel für Familien mit Kindern, die dringend eine erschwingliche Unterkunft suchen. „Es wird in den Wohnungen keine Kinder geben“, sagt Guntersdorf nüchtern.

Der Manager versichert aber, dass die Altstadthäuser in Zukunft mehr sein werden als nur repräsentative Bauten, in denen die Besitzer ab und an einmal ein rauschendes Fest für geladene Gäste feiern. „Dort wird definitiv gewohnt werden“, sagt Guntersdorf. Die überwiegende Zahl der Käufer wolle selbst einziehen, nur einige dächten „ernsthaft“ an Vermietung. Die offizielle Lesart der Dom-Römer-GmbH heißt denn auch: Die Altstadt ist ein Wohnviertel im Herzen der Stadt, kein Quartier, das sich vor allem an Touristen wendet.

Die Wahrheit sieht anders aus. Wenn die Bauzäune fallen, beginnt die touristische Vermarktung. Thomas Feda, der Geschäftsführer der städtischen Tourismus- und Congress-GmbH, hat die Altstadt zuletzt bei der Internationalen Tourismus Börse (ITB) in Berlin groß beworben. „Der asiatische Markt fährt auf das Thema voll ab“, sagt der erfahrene Manager. In der Volksrepublik China, aber auch in Japan und Südkorea „kommt das Thema Geschichte supergut an, das steht für Emotionalität und Wärme“.

90 Millionen Euro Verlust

Vom 25. Mai an bietet allein die Tourismus- und Congress-GmbH 80 Gästeführer auf, die auch die Altstadt im Programm haben. „Ws wird aber außerdem einen speziellen Altstadt-Rundgang geben“, kündigt Feda an. In nicht weniger als 24 Sprachen wird den Besuchern aus Nah und Fern das neue Viertel nahegebracht, selbst Malaiisch für Gäste aus Indonesien und Malaysia ist dabei. „Die wichtigsten Besucher sind für uns aber die nationalen Touristen aus dem Inland.“ Insgesamt möchte Feda jährlich zwei Millionen Besucher durch die Gässchen der Altstadt schleusen.

Ende Mai beginnt deshalb auch der Bezug der etwa 30 Läden und gastronomischen Flächen im Viertel. Die Hauptattraktion soll das Café im Erdgeschoss der „Goldenen Waage“ werden. Dieses rekonstruierte Haus unmittelbar am Dom gilt mit Kosten von rund neun Millionen Euro als der ehrgeizigste und schönste Bau der neuen Altstadt.

Viel Zuspruch verspricht sich die Dom-Römer-GmbH aber auch für das große Restaurant, das am Hühnermarkt im Zentrum des Quartiers eröffnet wird. Weitere Attraktionen sind ein Laden für Keramik, einer für Kaschmirpullover, eine Weinbar und ein Hutsalon für Frauen und Männer mit besonderem modischen Geschmack. Auf keinen Fall, so lautet die Vorgabe der Stadtverordnetenversammlung, dürfe es „Ketten-Filialen“ in der Altstadt geben. Etwa 2000 Quadratmeter Fläche für Läden und Gastronomie hat die Stadt vermietet; die Spitzenmiete liegt bei 55 Euro pro Quadratmeter.

Nein, insgesamt wird die neue Altstadt kein wirtschaftlicher Erfolg sein. Nach dem Verkauf der Eigentumswohnungen und der Vermietung der gewerblichen Flächen bleibt für die Stadt Frankfurt ein geschätzter Verlust von etwa 90 Millionen Euro. Die Politiker, die sich seit Jahren für das Projekt einsetzen, betonen eher die ideellen Werte des sanierten Quartiers. „Die Altstadt, das ist ein Stück Heimat“, sagt die frühere Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) schlicht.

Der Nachbau des Quartiers, das 1944 in den Bombenangriffen des Zweiten Weltkriegs unterging, sei die Antwort auf „die Haltlosigkeit der Gesellschaft in unserer globalisierten Welt“, sagt der Frankfurter Architekt Christoph Mäckler. Er ist der Vorsitzende des Gestaltungsbeirates, der auf die architektonische und städtebauliche Qualität des neuen Viertels achten soll.

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