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Bares Geld? „Geparkte“ Einkaufswagen in der Toni-Sender-Straße.

Frankfurt Sossenheim

Arbeiten am Image

Sozialer Brennpunkt oder gemütliches Dorf - Sossenheim zählt nicht zu den Nobelvierteln der Stadt. Und doch lebt es sich im Westen der Stadt besser als manche Schlagzeile vermuten lässt.

Von Timur Tinç

Es sei wie ein Fluch, sagt Klaus Deigert. Egal, wie viel Positives in Sossenheim geschehe und sich Bürger für ein gutes Image des Stadtteils einsetzten, in den Köpfen der Menschen blieben meist nur die schlechten Ereignisse haften. „Dabei ist es hier überhaupt nicht so schlecht“, sagt Deigert. In Sossenheim ist er aufgewachsen, zur Schule gegangen. Heute führt Deigert die Jugend der Tischtennisabteilung der SG Sossenheim. Dass zwei seiner Schützlinge erst kürzlich einen Titel auf Bundesebene gewonnen haben, finde jedoch kaum Beachtung, klagt Deigert.

Schlagzeilen hatte Sossenheim bundesweit mal wieder im März dieses Jahres gemacht, als der gebürtige Kosovare Arid U. aus islamistischen Beweggründen zwei amerikanische Soldaten am Frankfurter Flughafen erschoss und zwei weitere verletzte. Er lebte in einer der vielen Hochhaussiedlungen, die nicht nur vielen alteingesessenen Sossenheimern ein Dorn im Auge sind.

Polizei ist oft vor Ort

1961 war in der Carl-Sonnenschein Straße die erste neue Siedlung entstanden. Neben der Carl-Sonnenschein-Siedlung gibt es heute die Otto-Brenner-, Robert-Dißmann-, Toni-Sender-, Henri-Dunant-Siedlung und den Westpark. Die grau-braunen Betonklötze bewohnen überwiegend Menschen aus sozial schwachen Verhältnissen, die meisten mit Migrationshintergrund. Viele Jugendliche bleiben oft sich selbst überlassen und fallen dann durch Gewalt und Ruhestörungen auf. Wenn man vom Bahnhofsviertel absieht, muss die Polizei in keinem anderen Stadtteil so oft ausrücken wie in Sossenheim.

„Blaulicht und Sirenen gibt es bei uns jeden Tag“, weiß Nabil. Der 13-Jährige wohnt an der Otto-Brenner-Straße und ist im Jugendbeirat des Mieterbeirats. Einmal die Woche sitzt Nabil mit seinen Mitstreitern in einem Raum in der Otto-Brenner-Straße 7 und überlegt sich, wie man die Siedlung verschönern könnte. Vor zwölf Jahren ist der Jugendbeirat von Sybille Genzmehr, der Vorsitzenden des Mieterbeirats, eingerichtet worden, um nicht über die Köpfe der Jugendlichen hinweg zu bestimmen, sondern ihnen eine Möglichkeit zu bieten, sich in das Leben in ihrer Gegend einzubringen.

Oft muss sich der zwölfjährige Tadjinder anhören wie schlecht Sossenheim doch sei. „Freunde von mir sagen, dass Sossenheim eine schlimme Gegend ist“, erzählt auch der zwölfjährige Batuhan. „Eigentlich ist das aber gar nicht so“, sagt die 13-jährige Eden und schlägt vor, den Stadtteil bei einem Fest den Leuten vorzustellen wie er wirklich ist. „Sossenheim – ja, bitte-Buttons müsste es geben“, sagt Tadjinder lachend.

Den Stadtteil in das rechte Licht rücken will auch der Regionalrat Sossenheim, der im Mai eine Umfrage im Stadtteil gestartet hat. Im August wird Dagmar Buchwald, Mitarbeiterin der Geschäftsstelle des Regionalrates, die gesammelten Fragebögen auswerten und mit dem Regionalrat entsprechende Maßnahmen zur Verbesserung des Zusammenlebens im Stadtteil besprechen.

Der Regionalrat kooperiert bereits mit vielen sozialen Einrichtungen im Stadtteil. Etwa mit dem Jugendhaus Sossenheim an der Siegener Straße, einer Einrichtung des evangelischen Vereins für Jugendsozialarbeit. Seit fünf Jahren leitet Thomas Reiter-Chatzinikolaou das Jugendhaus und kennt die Probleme der Jugendlichen, sei es im Elternhaus, in der Schule oder in der Gesellschaft. „Die Frustrationsschwelle ist oft sehr gering“, sagt der 38-Jährige. Deshalb versucht er, gemeinsam mit seinen Mitarbeitern den Jugendlichen eine Perspektive aufzuzeigen. „Die meisten von ihnen haben das Herz am rechten Fleck“, sagt der Sozialarbeiter.

Ein gemütliches Dorf

Das Jugendhaus hat ein Stammpublikum von knapp 200 Jugendlichen im Alter von 10 bis 21 Jahren, die aus 25 Nationen kommen und mindestens einmal wöchentlich vorbeischauen. Die meisten von ihnen sind Real-, eher aber Hauptschüler oder Jugendliche, die keinen Abschluss haben. „Wir helfen meistens bei Bewerbungen und arbeiten viel mit Medien“, sagt Reiter-Chatzinikolaou. Zweimal in der Woche können die Jugendlichen im eingerichteten Tonstudio ihre selbst geschriebenen Lieder, meistens Rap, aufnehmen. Dass man dadurch zwar nicht alle Probleme auffangen kann, ist dem 38-Jährigen bewusst. „Hier bei uns verhalten sich die Jugendlichen alle gut, was dann draußen passiert, kriegen wir aber natürlich auch mit.“

Wer abseits der Hochhaussiedlungen durch den Frankfurter Stadtteil Sossenheim läuft, würde eher glauben, sich in einem kleinen und gemütlichen Dorf zu befinden. Entlang der Hauptstraße „Alt Sossenheim“, die sich durch den Stadtteil schlängelt, stehen viele alte Wohnhäuser. Die Kleingartenlage „Am Brünnchen“ und das Sossenheimer Unterfeld führen direkt ins Grüne.

Uwe Serke fühlt sich in Sossenheim pudelwohl. Der Stadtverordnete der Christdemokraten war jahrelang im Ortsbeirat tätig, bevor er dieses Jahr in das Stadtparlament gewechselt ist. „Aus unserem Budget haben wir damals Spielplätze und Bolzplätze bauen lassen“, sagt Serke. Er möchte gerne das schlechte Image des Stadtteils umkehren. „Sossenheim ist ein sehr kinderfreundlicher Stadtteil“, sagt der CDU-Politiker.

Trotzdem will auch Serke nicht die Probleme mit den Jugendgruppen unter den Tisch kehren, sie aber auch gleichzeitig nicht überwerten. „Die Probleme gibt es auch in anderen Stadtteilen“, sagt er. Seit 2001 wird der Stadtteil von dem kommunalen Projekt „Soziale Stadt“ gefördert. Vier Jahre lang war es die Carl-Sonnenschein-Siedlung, von 2005 bis 2010 die Henri-Dunant-Siedlung und seit vergangenem Herbst die Otto-Brenner-Siedlung. „Das Quartiersmanagement hat viel für die Nachhaltigkeit getan und hat geholfen, die Situation in den jeweiligen Gebieten zu beruhigen“, hat Serke festgestellt.

Das kann Alexander Quirin, der Quartiersmanager der Otto-Brenner Siedlung, nur bestätigen. Er verweist auf den interkulturellen Frauentreff, der sich im Jahr 2002 gegründet hat und seit einigen Jahren eigenständig besteht. Um die Nachbarschaft zu fördern, wird es in Zukunft auch öfter Feste im Stadtteil geben. Am Samstag, 18. Juni, veranstaltet die SG Sossenheim das SGS-Sportfest.

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