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Unbegleitete junge Flüchtlinge sollen in Einrichtungen der Jugendhilfe ein selbstständiges Leben in Deutschland erlernen.

Junge Flüchtlinge

Alltag unter Beobachtung

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Seit Monaten wird über die angebliche Gefahr durch junge Flüchtlinge diskutiert. Zu Besuch in einer Einrichtung, die jungen Migranten beim Start in ein neues Leben hilft.

Oben, in der Wohnung unter dem Dach, sind die Betten noch unbezogen. Aber ein Stockwerk tiefer haben die Jungs schon Zimmerpalmen im Flur aufgestellt und Bilder an die Wände gehängt. Im Treppenhaus riecht es nach frisch gekochtem Mittagessen. Zu Jahresbeginn sind ein gutes Dutzend junge Menschen in das Mehrfamilienhaus im Frankfurter Süden eingezogen. Junge Menschen, die als Minderjährige ohne ihre Eltern aus Kriegsgebieten und Militärdiktaturen nach Frankfurt geflohen sind; die mittlerweile teilweise schon volljährig geworden sind und versuchen, sich in ihrer neuen Heimat einen selbstständigen Alltag aufzubauen. Einen Alltag mit Schulbesuch und Berufsvorbereitung, mit Putzplan und Einkaufslisten.

Einen Alltag in einem Land, das seit Wochen über junge Geflüchtete diskutiert, als seien sie eine homogene Gruppe, vor der es die einheimische Bevölkerung vor allem zu schützen gelte. Eine Gruppe, von der man nach Gewalttaten Einzelner, nach einem Mord im rheinland-pfälzischen Kandel oder nach Auseinandersetzungen zwischen jungen Geflüchteten im brandenburgischen Cottbus, die rassistische Proteste nach sich zogen, vor allem als Problemfaktor spricht.

„Diese Art der kollektiven Schuldzuweisung ist nicht fair. Es ist kaum auszuhalten, dass es bei der Debatte über solche Taten immer nur um den Fluchthintergrund geht“, sagt Bernd Hormuth, stellvertretender Geschäftsführer des Internationalen Familienzentrums (IFZ) in Frankfurt, das seit 2014 auch junge Geflüchtete in seinen Jugendhilfeeinrichtungen betreut.

Hormuth plädiert nachdrücklich für eine differenzierte Betrachtung von Straftaten - und musste mit seinem Team doch kürzlich schmerzlich lernen, dass sich Gewalt auch bei bester Betreuung nicht immer  verhindern lässt. Ende vergangenen Jahres tötete ein junger Mann in einer vom IFZ betreuten Wohnung einen Mitbewohner. Eine Tat, betont Hormuth, die die Jugendlichen und Mitarbeiter noch immer schwer beschäftige, die er aber nicht alleine am Fluchthintergrund von Täter und Opfer festgemacht wissen möchte. „Die Fragen, die wir uns seither stellen, sind wahrscheinlich vergleichbar mit jenen, die Eltern sich nach einem Amoklauf ihres Kindes stellen. Auch wir stehen mit vielen Fragezeichen vor dieser Tat.“

Die Diskussion um falsche Alterseinschätzungen von Jugendlichen ohne Ausweispapiere, die sich vor allem an der Gewalttat von Kandel entzündete, deren Täter im Jahr 2016 in Frankfurt offenbar fälschlicherweise als 14-Jähriger eingeschätzt wurde, laufe aber in eine völlig falsche Richtung, findet Hormuth: „Es ist für mich keine kriminelle Handlung, sich jünger zu machen, sondern erklärt sich aus einer Notlage und der Hoffnung auf adäquate Versorgung“ – und die wiederum helfe, Gewalt zu verhindern. Die intensive Betreuung der jungen Flüchtlinge nach den Grundsätzen der Jugendhilfe sei die bestmögliche Prävention. „Ich verstehe Investitionen in Menschen mit Integrationswillen als Investitionen für das Land.“

Viele Jugendliche verstünden nicht, warum ihnen so massive Ablehnung entgegenschlage, berichtet Wolfram Prühs, IFZ-Teamleiter für das betreute Wohnen, aus Gesprächen mit jungen Geflüchteten, die die Berichterstattung über sie aufmerksam verfolgen. „Immer, wenn es wieder Berichte über einen Täter aus einem bestimmten Land gibt, führt das zu großer Bestürzung in der entsprechenden Gruppe.“

Und die das Bild, das die Öffentlichkeit sich von ihnen macht, auch oft am eigenen Leib zu spüren bekämen. Etwa wenn sie am Hauptbahnhof, in dessen Nähe sich viele ausländische Spezialitätengeschäfte befinden, aufgrund ihres Äußeren wieder und wieder von der Polizei kontrolliert würden. „Für unsere Jugendlichen ist der Gang durch die B-Ebene am Hauptbahnhof ein Spießrutenlauf“, sagt Prühs. „Manche wurden mehrmals pro Woche von der Polizei an die Wand gestellt. Für junge Menschen, die teilweise in Haft waren, die schlimme Repressionen durch ihren Herkunftsstaat erlebt haben, ist das sehr belastend.“

Das IFZ-Team versucht, solche Erfahrungen durch Gespräche, auch durch gemeinsame Projekte mit der Polizei, abzufedern. In drei großen Wohngruppen im Stadtgebiet mit je 15 bis 18 Bewohnerinnen und Bewohnern, kümmern sich Sozialpädagoginnen und -pädagogen rund um die Uhr um junge Menschen, die ihre Eltern im Krieg verloren haben oder in Krisengebieten zurücklassen mussten. „Sie sind nicht hier, weil sie hier sein wollen, sondern weil sie keine Wahl haben. Alle haben immer wieder massives Heimweh und wenn man sie fragt, was wäre, wenn ihr Land keine Militärdiktatur mehr wäre, sagen sie, sie würden wieder zurückgehen“, sagt Prühs. Eine Haltung, die sich aber mit der Zeit auch ändere.

Wer in Frankfurt schon ausreichend Fuß gefasst hat, kann in betreute Wohnungen im Stadtgebiet umziehen. Oder in eine „außengeleitete Einrichtung“ wie jene, die das IFZ zu Jahresbeginn in Sachsenhausen eröffnet hat, in der geflüchtete, perspektivisch aber auch einheimische Jugendliche, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr in ihren Familien leben können, gemeinsam in kleinen WGs wohnen, mit dem Ziel der „Verselbstständigung in eigenen Wohnraum“, wie Bernd Hormuth es in Sozialarbeiterdeutsch nennt. Ein Team von Betreuerinnen und Betreuern ist nur tagsüber in den Büroräumen des Wohnhauses anwesend, um die Jugendlichen bei Bedarf zu unterstützen, etwa bei der monatlichen Budgetplanung oder bei Behördenkorrespondenz.

Gerade kommt Yohana aus der Schule nach Hause. Die 20-Jährige floh im Februar 2015 mit ihrer kleinen Schwester aus Eritrea nach Frankfurt. Nach drei Jahren hat sie nun die Rödelheimer Wohngruppe, in der ihre Schwester noch immer lebt, verlassen können, um in Sachsenhausen auf etwas eigenständigeren Beinen zu stehen. „Wenn wir Schwierigkeiten haben, zum Beispiel in der Schule oder mit Papieren von Behörden, dann kann ich Hilfe kriegen. Aber sonst sind wir hier viel selbstständiger“, sagt die junge Frau in fließendem Deutsch. Sie teilt sich eine Wohnung mit einer Kolumbianerin und einer Somalierin, bald ziehe wohl noch eine Afghanin ein.

Yohana bereitet sich an einer Berufsfachschule auf ihren Realschulabschluss vor. Sie hat überlegt, sich dann zur Polizistin oder Krankenschwester ausbilden zu lassen, ist aber noch unentschlossen. In Frankfurt anzukommen, sei anfangs schwer gewesen. „Vor allem die Sprache war schwierig“, sagt sie, und dass sie gemeinsam mit ihrer Schwester viel geweint habe, weil sie sich einsam fühlte ohne Freunde – „und weil wir unsere Mama vermissen“.

Regelmäßig telefoniere sie mit der Mutter, „wir versuchen, sie nach Deutschland zu holen, aber das ist echt schwierig“. Dass der Familiennachzug zu unbegleiteten Minderjährigen nur schlecht und sehr schleppend funktioniere, hat unlängst auch eine Umfrage des Bundesfachverbands unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (Bumf) unter Vormündern und Betreuungspersonen festgestellt. Die große Koalition auf Bundesebene will den Nachzug Angehöriger zu Geflüchteten mit subsidiärem Schutzstatus aber bis Ende Juli weiter aussetzen und anschließend auf 1000 Menschen pro Monat begrenzen.

Yohana und ihrer Schwester wurde immerhin der volle Flüchtlingsstatus zuerkannt. Eine Entscheidung, die sich auch auf die Integrationsperspektive der Jugendlichen auswirkt. „Solange der Aufenthaltsstatus der Jugendlichen nicht geklärt ist, solange sind sie unsicher“, sagt Wolfram Prühs. „Diese Frage hat massiven Einfluss darauf, wie positiv oder ängstlich ein Jugendlicher nach vorne schaut.“ Die lange Zeit der Ungewissheit sei für die jungen Menschen, die oft ohnehin von den Erinnerungen an schlimme Erlebnisse und Heimweh geplagt sind, sehr belastend. „Wenn die Jugendlichen hierherkommen, ist ihre Erwartungshaltung, dass alles schnell geht. Dass sie binnen einem Jahr in einem Beruf Geld verdienen. Darauf folgt dann erst mal der tiefe Fall des Realitätsabgleichs“, ergänzt Bernd Hormuth.

Ohnehin brauchten die Jungen und Mädchen, wenn sie neu in eine Unterkunft kämen, meist einige Zeit, bis sie Vertrauen aufbauten, sich sicher fühlten – das gelte aber genauso für einheimische Jugendliche, die nun nach und nach in die IFZ-Wohngruppen miteinziehen sollen. Weil angesichts gesunkener Einreisezahlen deutlich weniger Geflüchtete nach Frankfurt kommen als noch vor drei Jahren. Und weil gemischte Wohngruppen „Integration schlechthin“ bedeuteten, sagt Wolfram Prühs. So könnten Geflüchtete von den Deutschkenntnissen der Einheimischen profitieren – und diese wiederum von der oft höheren Motivation der Geflüchteten, einen Beruf zu erlernen.

Von der Motivation von Menschen wie Yohana, die ihr Bestes gibt, sich ein ganz normales Leben in Frankfurt aufzubauen, und mit Blick auf einzelne Gewalttäter sagt: „Es gibt schlechte Leute, aber man darf sich nicht auf die konzentrieren. Viele andere bemühen sich, sich hier eine gute Zukunft aufzubauen.“

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