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Sarah Sorge sorgt sich um Schulen.

Bildung in Frankfurt

„Alle Schulen zu guten machen“

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Verärgerte Eltern, fehlende Gymnasialplätze und vieles mehr versucht Sarah Sorge unter einen Hut zu bringen. Im FR-Interview spricht die Bildungsdezernentin über die Veränderung der Schullandschaft.

Frau Sorge, Sie wollen fünf neue Grundschulen bauen, 13 erweitern, drei Gesamtschulen, eine Oberstufe und mit dem in Nied zwei Gymnasien errichten. Das kostet Hunderte Millionen Euro. Wo soll das Geld herkommen?
Die Kosten sind natürlich enorm und auch eine große Herausforderung. Genauso, wie Standorte für einige Schulen zu finden. Aber es gibt die Schulpflicht und wir haben die Kinder hier. Wir müssen diese Plätze anbieten und daher Geld im Haushalt zur Verfügung stellen. Aber wir überlegen, wie wir die Planungs- und Bauabläufe optimieren können, etwa durch Modulbau.

Dann könnte günstiger und schneller gebaut werden. Doch schnell muss es eigentlich nur gehen, weil man es nicht früher angepackt hat. Hat keiner gemerkt, dass die Stadt wächst?
Das Wachstum ist nicht die Frage. So ist es nicht. Es geht um die Aussagekraft von Prognosen. Wir haben das Gymnasium Riedberg im ersten Anlauf vom Land nicht genehmigt bekommen, weil die den Bedarf nicht gesehen haben. Ohne valide Zahlen brauchen wir eine neue Schule gar nicht erst zu beantragen. Was schwer einzuschätzen ist, sind Dynamiken wie etwa durch Nachverdichtung in einem Stadtteil. Da müssen wir dann nachjustieren.

Ärgert Sie, dass Ihnen immer wieder vorgeworfen wird, bei der Schulentwicklung zu langsam agiert zu haben?
Nein. Ich sehe ja selber, wie wahnsinnig komplex diese Materie ist. Es ist schwer nachzuvollziehen, dass ein Schulneubau mindestens sechs Jahre dauert. Das hat aber nichts mit Langsamkeit zu tun, das sind die Vorgaben durch Gesetze und städtische Beschlüsse.

Im ersten Entwurf des Schulentwicklungsplans (SEP) stand eine neue Integrierte Gesamtschule in Niederrad. Jetzt wurde der SEP in der Koalition besprochen und es findet sich stattdessen eine Kooperative Gesamtschule in Niederrad. Konnten Sie sich bei der CDU nicht durchsetzen?
Es ist ein Zusammenspiel verschiedener Dinge. Eigentlich hatten wir in Frankfurt die Diskussion über den Schulkampf hinter uns geglaubt. Aber er ist nun in der politischen Debatte wieder aufgekeimt, das kann man nicht verhehlen. Da ist auch ein wenig vom Bildungsgipfel herübergeschwappt. Aber es ging natürlich ebenfalls um die Situation des angestiegenen Wunschs nach Gymnasialplätzen. Da wir die Erfahrung gemacht haben, dass wir einige Eltern leichter auf Kooperative als auf Integrierte Gesamtschulen umleiten können, haben wir uns für diese Schulform entschieden: eine Gesamtschule, die aber einen dreizügigen Gymnasialzweig hat.

Warum nicht einfach noch ein weiteres Gymnasium? Eins steht bereits im SEP drin, aber an Gymnasialplätzen mangelt es derzeit – vor dem Römer demonstrieren Eltern, weil sie wohnortnahe Plätze fordern.
Bei aller Liebe zum Wunschkonzert: Die schulplanerischen Maßnahmen unterliegen Zahlen und Vorgaben. Und die müssen erfüllt werden. Das Problem ist, dass es einen Run auf die als gut angesehenen Gymnasien und IGSen gibt und die anderen weniger Anmeldungen als Plätze haben. Es geht also darum, wie wir alle Schulen zu guten Schulen machen.

Aber ob es gute Schulen sind oder nicht: Insgesamt deckt die Anzahl an Gymnasialplätzen auch mit dem neuen SEP den Bedarf nicht. Im nächsten Schuljahr müssen die Gymnasien wieder elf Klassen zusätzlich aufmachen. Dieses Defizit fangen sie mit den neuen Schulen gerade so auf. Doch es gibt jedes Jahr 400 Kinder mehr – von denen die Hälfte ans Gymnasium will. Wo sollen die hin?
Wir werden ausreichend Plätze an den Gymnasien anbieten, nur eben nicht jeden Wunsch erfüllen können.

Haben Sie mal selbst ausgerechnet, ob die Plätze reichen?
Natürlich, die Bedarfsprognose ist zentraler Bestandteil des SEP. Unabhängig davon haben wir im Beteiligungsprozess ganz bewusst diskutiert, wo wir hinwollen, was wir brauchen. Und dazu gehören nicht nur schulorganisatorische Maßnahmen. Man muss sich auch angucken, was mit den Kindern passiert: Bis zu einem Drittel verlässt das Gymnasium nicht mit einem Abitur in der Tasche. Deshalb ist einer der großen Gedankenstränge im SEP: Wie kriegen wir eine passgenaue Schulform für jedes Kind hin?

Und wie kriegen Sie die hin?
Wir wollen den Eltern ja nichts vorschreiben. Wir wollen sie nur in die Lage versetzen zu überlegen, ob denn tatsächlich für ihr Kind ein Gymnasium die beste Wahl ist. Oder ob nicht doch der etwas sanftere Weg auf der IGS Richtung Abitur besser ist. Dafür müssen wir Überzeugungsarbeit leisten. Und zeigen, dass die IGS oder auch eine Realschule nicht nur für schwache, sondern auch für leistungsstarke Schüler eine gute Wahl sein kann.

Und wenn Sie einige Eltern auf die IGS umgelenkt haben, dann reichen die Gymnasialplätze?
Ja, dann reichen die Plätze.

Aber selbst im SEP steht drin, dass der errechnete Bedarf an Gymnasialplätzen im Planungsbezirk 5, wozu etwa Sachsenhausen und Niederrad gehören, ab 2017 nicht mehr gedeckt ist.
Bei den weiterführenden Schulen kann man das nicht eins zu eins auf die Planungsbezirke umrechnen. Auch die Schulen in Sachsenhausen und Niederrad muss man im stadtweiten Kontext sehen. Wir können die Gymnasien nicht passgenau dorthin setzen, wo die Kinder sind, sondern müssen sie über die Stadt verteilen. So ist im innenstadtnahen Bereich etwa überhaupt kein Platz für ein neues Gymnasium. Deshalb werden wir dafür eher außerhalb des Anlagenrings bauen müssen.

Und dann will dort keiner hin. Das neue Gymnasium in Nied …
… ich sehe das mit Nied gelassener, als es gerade diskutiert wird. Ich bin mir sicher, dass es in vier, fünf Jahren zu den beliebtesten Gymnasien der Stadt gehören wird. Aufgrund des Konzepts, des neuen Kollegiums, der neuen Ausstattung.

Erst mal muss es jedoch gebaut werden. Kürzlich sorgte für Unruhe, dass die Schule angeblich wegen der Seveso-Richtlinie nicht errichtet werden könne. Sie liege zu nah am Chemie-Standort.
Es gibt viel zu viele Gerüchte in dieser Stadt. Es ist so: Die Seveso-Richtlinie gilt fast für den gesamten Frankfurter Westen. Es ist eine Vorsichtsmaßnahme, in gewisser Nähe zu Industriestandorten nichts bauen zu dürfen. Doch für diese Regelung gibt es Ausnahmen. Schließlich leben dort Leute und brauchen eine Infrastruktur. Wir bekommen diese Ausnahmeregelungen daher schon regelmäßig für Kita-Bauten. Deshalb ist das beim Gymnasium Nied zwar eine Hürde, aber die werden wir nehmen.

Wann rechnen Sie damit, keine demonstrierenden Eltern mehr vor der Tür zu haben?
Dass die Eltern sich so aufregen, hat viel mit Kommunikation zu tun. Deswegen ist eine unserer künftigen Aufgaben zu erklären, welche Herausforderungen wir hier haben. Und was wir tun, um sie anzugehen.

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