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Carolin Schäfer siegte am Samstag noch beim Sommer-Cup der Frankfurter Eintracht. Nun geht es auf nach Tokio. Foto: Jan Hübner/imago images
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Carolin Schäfer glücklich nach ihrem Auftritt beim Sommer-Cup der Frankfurter Eintracht. Nun geht es auf nach Tokio.

Olympia

Carolin Schäfer: Als Wundertüte zu den Olympischen Spielen

  • Timur Tinç
    VonTimur Tinç
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Siebenkämpferin Carolin Schäfer von Eintracht Frankfurt hat sechs Wochen mit den Nachwirkungen der Corona-Impfung zu kämpfen. Trotzdem freut sie sich auf das Abenteuer Tokio.

Der Körper macht mit. Das ist am Samstag die wichtigste Erkenntnis für Carolin Schäfer nach einem Sprint über 100 Meter Hürden, dem Kugelstoßen und dem Hochsprungwettbewerb. Die Siebenkämpferin von Eintracht Frankfurt hat am Sommercup ihres Vereins auf der Sportanlage Hahnstraße teilgenommen, nur wenige Minuten von ihrer Wohnung in Frankfurt-Niederrad entfernt. Die drei Wettkämpfe sind die Generalprobe vor den Olympischen Spielen (23. Juli bis 8. August) in Tokio für die 29-Jährige und der erste richtige Härtetest nach sechs Wochen der Ungewissheit.

So lange hat die gebürtige Bad Wildungerin mit den Nachwirkungen ihrer Corona-Impfung zu kämpfen. Die ersten zwei Tage nach dem Piks hat sie Kopf- und Gliederschmerzen, doch auch beim Training stimmt etwas nicht. „Mein Puls war höher als gewöhnlich und mein Nervensystem war wie lahmgelegt. Auch der Fettstoffwechsel hat nicht funktioniert“, erzählt Schäfer. Sie fühlt sich kraftlos, erschöpft, selbst das Müll runterbringen fällt ihr manchmal schwer.

Es ist Carolin Schäfers zweite Olympia-Teilnahme nach Rio 2016

„Es war ein asymptomatischer Covidverlauf, ohne dass ich Covid hatte“, sagt die Leichtathletin. Da zwischenzeitlich nicht absehbar ist, wann es besser wird, steht hinter ihrer zweiten Olympiateilnahme nach 2016 in Rio de Janeiro zunächst ein dickes Fragezeichen. Doch seit einigen Wochen zeigt die Trainingskurve nach oben, die Reise nach Japan kann an diesem Freitag für Carolin Schäfer losgehen.

„Olympia ist das größte Sportereignis der Welt. Dafür lebt man als Leistungssportlerin. Nur ein Bruchteil der Nation schafft es, dabei zu sein“, sagt Schäfer, die eine von 16 Frankfurter Olympiateilnehmenden ist. Dass sie es irgendwann zu den Topathletinnen im Mehrkampf bringen kann, hat sie schon im Jugendalter gemerkt. Mit 17 Jahren wird sie U20-Weltmeisterin, kurz darauf zieht sie aus Bad Wildungen nach Frankfurt in das Internat der Carl-von-Weinberg-Schule, der Eliteschule des Sports.

Der Sprung in die Großstadt ist ihr zwar anfangs nicht leicht gefallen, aber sie wird dadurch schnell selbstständig und erwachsen. Und sportlich entwickelt sich die 1,78 Meter große Athletin, die 2009 Europameisterin bei den U20-Juniorinnen wird, stetig weiter.

2015 erschüttert ein Schicksalsschlag ihre Gefühlswelt

Mit 6072 Punkten verpasst sie vor den Olympischen Spielen in London 2012 knapp die Norm (6150). „Als ich daran geschnuppert und dann im Fernsehen die Mädels gesehen habe, zu denen ich einen Bezug habe, war mir klar: In vier Jahren will ich dabei sein“, erzählt Schäfer. Während sie sich an die europäische Spitze heranrobbt, erschüttert ein persönlicher Schicksalsschlag im Jahr 2015 ihre Gefühlswelt.

Ihr Freund Dennis Hefter, Volleyballspieler beim Bundesligisten CV Mitteldeutschland, wird beim Überqueren von Gleisen von einem Zug erfasst und stirbt mit nur 21 Jahren. Schäfer trauert öffentlich, findet Halt im Sport, in der Familie und bei Freundinnen und Freunden.

Schäfer ist Polizeioberkommissarin

Ein Jahr später lässt Schäfer in Rio de Janeiro mit einem fünften Platz aufhorchen. „Es war wichtig, dass sich die Konkurrenz für die nächsten Jahre meinen Namen gemerkt hat“, sagt sie damals selbstbewusst. Auch ihre berufliche Karriere treibt sie ehrgeizig und zielstrebig voran. Seit 2016 ist sie nach dem Abschluss ihres dualen Studiums Polizeioberkommissarin. „Basu 21 – Letzte Chance für Kriminelle – Wie wurde das in Wiesbaden umgesetzt“ lautet der Titel ihrer Bachelorarbeit, die sich mit besonders auffälligen Straftätern unter 21 Jahren befasst.

2017 wird Schäfer Vize-Weltmeisterin in London, 2018 gewinnt sie EM-Bronze in Berlin

Ohne die universitären Verpflichtungen kann sich Carolin Schäfer ganz und gar auf den Sport konzentrieren und erlebt im Jahr 2017 die bis dato erfolgreichste Zeit ihrer Karriere. Erst knackt sie mit 6836 Punkten ihre persönliche Bestleistung im Mehrkampfmekka Götzis in Österreich. Die viertbeste Punktzahl einer deutschen Mehrkämpferin. Wenige Wochen später wird sie Vizeweltmeisterin bei der Leichtathletik-WM in London.

Auch privat findet Schäfer ihr Glück, ist seit längerem wieder fest liiert. Von ihrem Freund hat sie bei Wettkämpfen eine Glücksbringermedaille dabei und einen Koala ist, „da ich gerne mit dem Tier verglichen werde, weil ich viel schlafe und gerne esse“, erzählt sie. In Berlin gewinnt sie ein Jahr später die Bronzemedaille bei der Heimeuropameisterschaft.

2019 wechselt sie in die Trainingsgruppe von Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul

2019 ist für sie ein Jahr der Rückschläge und Veränderungen. Erst muss sie verletzungsbedingt ihre Teilnahme an der WM in Doha absagen. Wenige Wochen später trennt sie sich von ihrem Trainer Jürgen Sammert, der sie acht Jahre lang betreut und in die Weltspitze geführt hat. „Ich brauchte einen neuen Impuls, ein neues Trainingsumfeld, neue Trainer, um einen neuen Blickwinkel auf mich zu kriegen, um noch mal alles aus meiner Karriere auszuschöpfen“, erklärte sie im FR-Interview.

Die neuen Trainer fand sie in Mainz beim frisch gebackenen Zehnkampfweltmeister Niklas Kaul, der von Vater Michael und Mutter Stefanie trainiert wird. Den Sprintbereich überwacht Harry Letzelter. Qualität statt Quantität steht auf dem Trainingsplan, viel Ausdauer.

Täglich pendelt sie von Frankfurt nach Mainz

Aber auch menschlich passt es hervorragend. Vor allem in der schwierigen Zeit nach ihrer zweiten Impfung „haben alle Rücksicht auf mich genommen“, erzählt Schäfer. Jeden Tag ist sie nach Mainz gefahren, um sich medizinisch betreuen zu lassen und jeden Fortschritt im Training mitnehmen zu können. „Ich konnte keinen Standstoß machen, also mussten wir kreativ werden, um die Muskeln zu triggern“, berichtet Schäfer.

Also warf sie Medizinbälle und anschließend nahm sie erst die Eisenkugel in die Hand. Für sie war die größte Herausforderung, nicht in Panik zu verfallen und sich auf einen Plan B zu verlassen. Dass ihre Trainerin und ihr Trainer die Ruhe bewahrt haben, hat ihr auch den Stress genommen. „Das war ich im Vorfeld nicht so gewohnt. Ich konnte mich fallen lassen, sonst hätte ich vorher schon mehr gezweifelt.“

„Ich fahre geschützt nach Tokio“

Zweifel an der Entscheidung, sich impfen zu lassen, hat sie aber zu keiner Zeit gehabt. „Ich hatte nie vorher irgendwelche Nebenwirkungen. Das ich so reagiert habe, war für mich nicht vorhersehbar. Ich fahre geschützt nach Tokio. Aber natürlich war es nicht die beste Vorbereitung für die Olympischen Spiele“, sagt die Mehrkämpferin. Seit drei Wochen befindet sie sich jedoch auf dem aufsteigenden Ast. Wofür es in Tokio reicht?

„Ich bin die Wundertüte. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit“, sagt sie. Da viele Konkurrentinnen in diesem Jahr noch nicht in Topform seien, sei sie optimistisch, dass der Traum einer Medaille wahr werden könne.

Ihr Wettkampf ist am 4. und 5. August im Olympiastadion von Tokio

Auch wenn die Olympischen Spiele nichts mit denen aus der Vergangenheit zu tun haben werden. „Für mich war es das Tollste, in Rio ins Stadion zu kommen und überall die Ringe zu sehen, im Olympischen Dorf den großen Austausch zwischen den Athleten und die Abschiedsfeier miterleben zu können“, sagt Schäfer. Das wird es alles nicht geben. Sie fliegt am Freitag mit der Familie Kaul nach Miyazaki ins Trainingslager.

Im Reisegepäck sind viele Bücher und Spiele wie Uno, Kniffel und ein Kartenspiel. Von dort geht es nach Tokio. Am 4. und 5. August ist ihr Wettkampf. Spätestens 48 Stunden danach muss sie Japan wieder verlassen.

Im Vorfeld gibt es jede Menge Papierkram zu erledigen. Auf ihrem Handy hat sie zwei Apps installieren müssen, einmal für eine Einreise, einmal zur Standortüberwachung. „Man muss die Situation einfach akzeptieren. Dann können es trotzdem schöne Olympische Spiele werden“, glaubt Carolin Schäfer. „Es wird ein Stück weit ein Abenteuer.“ Und im Nachhinein gebe es vielleicht noch größere Geschichte zu erzählen als bei allen vorherigen Spielen.

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