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Carl Theodor Reiffenstein: Chronist des alten Frankfurt

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Von: Florian Leclerc

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Blick in die Ausstellung „Alles verschwindet!“: Reiffenstein mochte gesellige Runden, wie sie auf Jakob Beckers Bild mit dem ironischen Titel „Die arme Familie“ (links oben) von 1848 dargestellt sind.
Blick in die Ausstellung „Alles verschwindet!“: Reiffenstein mochte gesellige Runden, wie sie auf Jakob Beckers Bild mit dem ironischen Titel „Die arme Familie“ (links oben) von 1848 dargestellt sind. © Renate Hoyer

Carl Theodor Reiffenstein (1820-1893) hat als Maler das alte Frankfurt von 1830 bis 1840 festgehalten. Das Historische Museum Frankfurt widmet ihm eine Ausstellung.

Auf einer Leinwand am Eingang des Historischen Museums sackt der AfE-Turm in sich zusammen. Titel der Ausstellung „Alles verschwindet“. Die Sprengung des Turms anno 2014 hätte Carl Theodor Reiffenstein (1820-1893) sicher interessiert. Der Bildchronist des alten Frankfurt hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, das Frankfurt, wie es um die Zeit von etwa 1830 bis 1840 gewesen ist, auf Zeichnungen und Aquarellen zu bewahren.

Etwa 2000 Blätter kamen in seiner „Sammlung Frankfurter Ansichten“ zusammen, die er dem neu gegründeten Stadtmuseum als Vorgängerin des Historischen Museums gegen eine Leibrente vermachte. Die Sammlung umfasst auch Aufzeichnungen, in denen Reiffenstein die Bilder, die er schuf, detailliert beschrieb.

Porträt von Carl Theodor Reiffenstein aus dem Jahr 1845.
Porträt von Carl Theodor Reiffenstein aus dem Jahr 1845. Historisches Museum/ H. Ziegenfusz © Historisches Museum

Aus diesem riesigen Konvolut haben Kuratorin Aude-Line Schamschula und Kurator Wolfgang P. Cilleßen etwa 290 Zeichnungen und Aquarelle ausgewählt. Ohne einen festen Parcours einhalten zu müssen, gelangen die Besucher:innen durch 34 kurze Kapitel in der Ausstellung - etwa zu den Themen Romantik, Goethe, Goldene Waage, Gassen und Brunnen.

Frankfurt wuchs gewaltig

Weil Reiffenstein seine Sammlung akribisch ordnete - etwa nach Straßennamen und Hausnummern - übernimmt das Kuratorenteam das Prinzip im Ausstellungskatalog mit einem „Reiffenstein-ABC“ - von „abermals“ bis „Zwinger“.

Reiffenstein sah die Stadt seiner Kindheit schwinden - und malte dagegen an. Nicht erst nach dem Zweiten Weltkrieg sah sich Frankfurt einem immensen Bauboom ausgesetzt. Schon im 19. Jahrhundert wuchs die Stadt topographisch und einwohnermäßig beträchtlich: Lebten am Anfang des 19. Jahrhunderts etwa 40 000 Menschen in der Stadt, waren es gegen das Jahr 1900 schon knapp 230 000 Personen.

Irgendwo mussten die Menschen wohnen. So entstanden neue Stadtteile wie das Westend und das Nordend außerhalb der sogenannten Neustadt und jenseits der Wallanlagen, nach dem Schleifen der Stadtbefestigung zwischen 1804 und 1812. Boulevards nach Pariser Vorbild wurden gebaut - etwa die Kaiserstraße und die Junghofstraße. Historische Bauwerke wie das Heiliggeist-Spital, die Stadtmauer und Stadttore, Gutshöfe, ältere Wohnhäuser und Gärten verschwanden zugunsten zeitgenössischer Architektur. Mit dieser Entwicklung tat sich Reiffenstein schwer - er sprach lapidar von „großen kastenartigen Neubauten“.

Spolien, Wetterfahnen und Ornamente haben Reiffenstein fasziniert.
Spolien, Wetterfahnen und Ornamente haben Reiffenstein fasziniert. © Renate Hoyer

Während sein Zeitgenosse Carl Friedrich Mylius (1827-1916) mit einer schweren Kamera durch Frankfurt zog, um die Stadtentwicklung zu dokumentieren, nutzte Carl Theodor Reiffenstein dafür Stift und Papier. Oft klopfte er an fremde Türen, um in Kellergewölbe, Schlafstuben, Studierzimmer zu gelangen.

Während er bei seinen sogenannten Kompositionen frei arbeitete, sah er die „Sammlung Frankfurter Ansichten“ als wahrheitsgetreue Rekonstruktion. Um sich ein Bild von Vergangenem zu machen, griff er mitunter auf den Merianplan (entstanden von 1628 bis 1764) und Stadtansichten von Johann Friedrich Morgenstern (1777 bis 1844) zurück und übernahm daraus Details für seine Bilder.

Mylius war mit der Kamera unterwegs

Im Gegensatz zu Mylius ließ Reiffenstein dabei Ingenieurbauwerke wie Brücken, Bahnhöfe, Fabriken oder historistische Gebäude außen vor. Sein Frankfurt ist ein biedermeierlich-beschauliches, bei dem man sich morgens am Brunnen zum Plaudern traf und abends die Bratsche strich oder im Verein für lokale Historie zusammenkam.

Der Brauersohn Reiffenstein wuchs in der Graubengasse auf, wo sich heute die Kleinmarkthalle befindet. Er trat nicht in die Fußstapfen seines Vaters, sondern lernte am Städelschen Institut Theatermalerei, später Landschaftsmalerei. Von Reisen etwa entlang der Flüsse in Deutschland, nach Italien, Belgien, Frankreich brachte er Motive für Landschaftsgemälde mit, die sich offenbar gut verkauften. Spät heiratete er Karoline Natalie Mannskopf aus einer bekannten Weinhändlerfamilie, was ihm sicheren Wohlstand bescherte.

Fasziniert haben ihn auch Brunnen und Wasserspeier.
Fasziniert haben ihn auch Brunnen und Wasserspeier. © Renate Hoyer

Reiffenstein malte im Stile der Romantik. Er nutzte Effekte wie die warme Lichtfarbe von Sonnenuntergängen oder die einsame Stimmung von Klöstern und Friedhöfen. Menschen kommen auf seinen Zeichnungen und Aquarellen meist nicht vor - und wenn, dann als Staffage. Während die „Sammlung Frankfurter Ansichten“ dem Historischen Museum gehört, sind viele Landschaftsmalereien im Besitz des Städel-Museums; eine unbekannte aber wohl große Zahl an Bildern auch in Privatbesitz.

Abriss und Neubau geht weiter

Das Städel hat die Bilder mittlerweile digitalisiert - das Konvolut zählt 8388 Einträge (zu finden unter: tinyurl.com/5n77dvt7). Das Historische Museum hat die „Sammlung Frankfurter Ansichten“ ebenfalls online gestellt (tinyurl.com/2sux36s). Eine Verknüpfung mit den Einträgen aus Reiffensteins Aufzeichnungen soll folgen.

Am Ausgang der Ausstellung fragen die Kuratorin und der Kurator, welche Orte die Frankfurter:innen heute vermissen würden. Den AfE-Turm hat jemand mit Post-it auf eine Stadtkarte geklebt, außerdem die alte Batschkapp und das Rundschauhaus. Auch das Historische Museum hat eine Abrissgeschichte: Für den Neubau musste der Vorgängerbau mit Sichtbeton von 1972 weichen; das Technische Rathaus auf dem Römerberg schwand für den Bau der Neuen Altstadt. Die Geschichte von Abriss und Neubau geht in Frankfurt munter weiter. Aber anders als zu Reiffensteins Zeiten wacht eine Denkmalbehörde über alte Bausubstanz. Zumindest über jene, die ihrer Ansicht nach erhaltenswert ist.

Die Ausstellung

Das Historische Museum Frankfurt am Saalhof 1 zeigt die Sonderausstellung „Alles verschwindet! Carl Theodor Reiffenstein (1820-1893) - Bildchronist des alten Frankfurt“ noch bis zum 12. März 2023.

Der Eintritt kostet zehn Euro oder fünf Euro ermäßigt. Eine Tageskarte für das gesamte Museum inklusive Dauerausstellung kostet zwölf Euro oder sechs Euro ermäßigt.

Ein Katalog ist bei Henrich Editionen erschienen. Nach einem einleitenden Aufsatz folgt ein „Reiffenstein-ABC“. Der Katalog hat 208 Seiten sowie 285 Abbildungen und kostet 24,95 Euro.

Führungen mit Guides gibt es jeden Sonntag um 15 Uhr. Der Kurator Wolfgang P. Cilleßen und die Kuratorin Aude-Line Schamschula führen am Sonntag, 12. Februar und am Samstag, 4. März, jeweils 12 Uhr durch Reiffensteins Frankfurt (zehn Euro/fünf Euro). Am Samstag, 25. November, Freitag, 16. Dezember, Mittwoch, 11. Januar und Mittwoch, 15. Februar, jeweils 16 Uhr, plaudert das Kuratorenteam aus dem Nähkästchen (zehn Euro/fünf Euro). Im Audioguide tritt Thomas Bäppler-Wolf als Reiffenstein auf.

Weitere Angebote für Dialog-Führungen, Gruppen-Führungen und Führungen für Familien finden sich auf der Website des Museums: historisches-museum-frankfurt.de

Unter dem Suchbegriff „Sammlung Online“ findet man auf der Museumswebsite ein Bildarchiv, auf dem die Bilder und Zeichnungen Reiffensteins versammelt sind. fle

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