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Auf die Spitze getrieben: Im alten Ortskern um die Dorfkirche ist viel Fingerspitzengefühl erforderlich.

Stadtteil

Unterliederbach wächst

Neubaugebiete und sanierte Viertel machen den Stadtteil attraktiv. Doch die Stadt ist geteilt in eine Ost- und einen Westteil.

Von Timur Tinç

Das dumpfe Rattern einer Bohrmaschine ist aus nächster Nähe zu hören. Eine dünne Staubschicht liegt auf den Straßen des Mattiakerweges. Türen und Fenster fehlen noch in den hellblauen, schmucken Einfamilienhäusern, die seit zwei Jahren gebaut werden. In einigen Wochen werden dort mehrere Familien ihr neues zu Hause beziehen.

Der vor 1225 Jahren erstmals urkundlich erwähnte Stadtteil Unterliederbach wächst seit einigen Jahren immer schneller. 14350 Menschen leben laut aktuellem Stand in Unterliederbach. „Bald wohnen hier 17000“, prognostiziert Heinz Alexander. Alexander ist der Sozialbezirksvorsteher Unterliederbachs und lebt schon Zeit seines Lebens in dem westlichen Stadtteil. Hier ist der 62-Jährige zur Schule gegangen, und hier engagiert er sich seit Jahrzehnten in den verschiedensten Ehrenämtern.

„Das war früher alles Grünfläche“, sagt Alexander und deutet auf die Neubauten im Mattiakerweg. Benannt ist die Straße nach einem germanischen Volksstamm – wie viele der Straßen im Osten Unterliederbachs. Neben den Neubauten steht ein Supermarkt, der durch Druck der Anwohner vor zwei Jahren entstanden ist. „Es war ein langer Kampf bis diese Einkaufsmöglichkeit geschaffen war“, erinnert sich Alexander. „Das nächste Geschäft ist erst wieder in der Königsteiner Straße.“

Caritas kümmert sich um Engelsruhe

Nur einen Block vom Mattiakerweg entfernt ist die Straße Engelsruhe. 1999 wurde die Siedlung rund um die Engelsruhe in das Bund-Länder-Programm „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf“ – Soziale Stadt aufgenommen. Der Caritasverband wurde seinerzeit von der Stadt Frankfurt mit dem Quartiersmanagement beauftragt. Seit 2010 ist das Quartier in der „Nachsorgephase“ und wird ohne Fördergeld von der Caritas eigenständig finanziert. „Es hat sich sehr viel getan“, findet Heinz Alexander. 168 Wohnungen, zwölf Reihenhäuser, sechs Gewerbeeinheiten und 130 Tiefgaragenstellplätze sollen hier in den nächsten Jahren entstehen. Ein großes Schild in der Straße Engelsruhe zeigt die Pläne.

An diesen Plänen hat auch Oliver Göbel mitgearbeitet. Eigentlich wollte der 45-Jährige dem Stadtteil 1998 den Rücken kehren. „Es gab zu wenige Möglichkeiten sich zu entfalten“, erinnert sich Göbel. Es gab keine Spielplätze für seine zwei Kinder, keinen zentralen Treffpunkt, kurzum, keine Lebensqualität. Heute ist Göbel der Vorsitzende des Nachbarschaftsvereins Unterliederbach, der seine eigenen Räumlichkeiten im Allemannenweg 88 hat. Außerdem ist Göbel stellvertretender Vorsitzender im Regionalrat. „Das Programm Soziale Stadt und die Entwicklung hat auch mir persönlich ganz viel Positives gegeben“, erzählt Göbel. 77 Mitglieder zählt der im April 2005 gegründete Nachbarschaftsverein, der Seniorentreffs, Radtouren und Nachbarschaftsfeste organisiert. „Wir haben die Chance genutzt, den Stadtteil umzugestalten und wollen dies auch weiter tun“, sagt Göbel.

Eine ähnliche Entwicklung wünscht sich Heinz Alexander für die Papageiensiedlung. So wird der Cheruskerweg mit seinen dicht an dicht gedrängten, achtstöckigen Häusern genannt, die direkt an den Schallwänden zur A66 gebaut sind. Hier wohnen viele Familien aus sozial schwachen Verhältnissen. Vor dem Jugendclub Unterliederbach im Cheruskerweg 40 bleibt Alexander stehen und trocknet sich die Schweißperlen von der Stirn. Die Hauswand ist von den Jugendlichen mit Graffiti selbst gestaltet worden. Billardkugeln und Spielkarten umrahmen eine weiß-rote Schranke. „Am liebsten würde ich diesen Balken absägen“, sagt Alexander und seufzt.

Balken durchschneidet Stadtteil

Der Grenzbalken symbolisiert für ihn die Trennung zwischen Ost- und West-Unterliederbach. Die drei großen Durchfahrtsstraßen Königsteiner Straße, Gotenstraße und der Sossenheimer Weg zerschneiden den Stadtteil. Die Ost-Unterliederbacher gehen kaum in den Westen und umgekehrt ist es nicht anders.

Eike Eckhardt steht in beiger kurzer Hose und blauem Poloshirt vor seinem Haus in der Johannesallee und kehrt Laub zusammen. „Jenseits der Königsteinerstraße geh’ ich nur, wenn ich mit meiner Frau spazieren gehe“, sagt der 76-Jährige, ohne das böse zu meinen. Denn im westlichen Teil Unterliederbachs hat er alles, was er braucht: Supermärkte, Ärzte, Apotheken und die Bank. Und wenn der gebürtige Hamburger einen größeren Einkauf plant, fährt er mit dem 253er Bus ins Main-Taunus-Zentrum nach Sulzbach. Unterliederbach ist Eckhardt ans Herz gewachsen. Bei der Turngemeinde trainiert er zehn Stunden die Woche die jungen Tischtennisspieler des Vereins. In der im Jahr 2009 neu errichteten Mehrzweckhalle, gehe das wunderbar, findet Eckhardt.

Einen Neubau wünscht sich der Unterliederbacher Vereinsring für sein Klubhaus, direkt neben dem Sportplatz des Fußballvereins VfB. „Sport- und Kulturhalle“ steht vor der Gaststätte, die nicht sehr einladend aussieht. „Das Haus ist total marode“, bringt es Heinz Alexander auf den Punkt. „Uns laufen viele Vereine weg, weil wir ihnen keine Räumlichkeiten zur Verfügung stellen können“, klagt der 62-Jährige, der auch Schriftführer im Vereinsring ist. „Da muss sich dringend etwas tun.“

Parkstadt wird neuen Wohnraum bieten

Heinz Alexander führt oft Gruppen durch Unterliederbach. Auf dem Marktplatz im alten Dorfkern angekommen, erzählt er wie hier die Römer und später die Nassauer ihre Quartiere aufgeschlagen haben. In den kopfsteingepflasterten engen Gassen wird im September die Kerb gefeiert. Über den Geißspitzweg führt die älteste Brücke Frankfurts, die über den Liederbach gebaut ist. Das Bächlein hat seinen Ursprung im Taunus und ist der Namensgeber des Stadtteils.

„Und hier fährt die Königsteiner Bimmelbahn“, erklärt Alexander schmunzelnd, während er die Gleise an der Schmalkaldener Straße überquert. Dahinter befindet sich nicht nur das Pfadfindergelände, östlich der Hunsrückstraße soll bis 2014 die Parkstadt Unterliederbach mit 300 Wohneinheiten entstehen. Noch sind aber nur aufgewühlte Erdhügel zu sehen, die inmitten von Getreidefeldern liegen. Auch diese könnten in der Zukunft neuen Häusern weichen.

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