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Morgens um kurz vor halb sechs werden die Menschen in der B-Ebene geweckt. Die Stadtpolizei schaut nach dem Rechten.

Obdachlose in Frankfurt

Ein bisschen Wärme in der U-Bahn-Station

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An der Station Eschenheimer Tor ist eine Notübernachtung für Obdachlose eingerichtet worden. Doch die Nächte dort sind kurz.

Die Nacht unter der Erde ist kurz und sie endet abrupt. Sie ist, um präzise zu sein, um genau 5.25 Uhr vorbei. „Guten Morgen“, ruft der Mann mit den Einmalhandschuhen und der Fleeceweste. „Hallo, junger Mann? Aufstehen!“ Langsam geht der Sozialarbeiter durch die Reihen der Menschen, die nebeneinander auf Isomatten auf dem Betonboden liegen, in Schlafsäcke oder dünne Decken gewickelt. Immer wieder bleibt er kurz stehen, rüttelt an einer Schulter und wiederholt seinen Weckruf. „Aufwachen!“

Langsam kommt Leben in die müden Körper auf dem Fußboden. Die ersten Menschen setzen sich auf, gähnen und blinzeln ins Neonlicht. Einige springen auf, schlüpfen in ihre Schuhe und beginnen, ihre paar Habseligkeiten einzupacken. Andere drehen sich wieder um und versuchen, noch etwas weiterzuschlafen. Aber sie haben keine Chance. Um kurz nach halb sechs sind alle 110 Menschen, die diese Dezembernacht im Zwischengeschoss der U-Bahn-Station Eschenheimer Tor verbracht haben, wach.

Anfang November ist die Notübernachtung, die der „Frankfurter Verein für soziale Heimstätten“ in jedem Winter für obdachlose Menschen anbietet, in die B-Ebene am Eschenheimer Tor gezogen. Zuvor war die Einrichtung, mit der die Stadt Obdachlose vor dem Erfrieren bewahren will, fast 20 Jahre lang in der U-Bahn-Station Hauptwache untergebracht. Das Untergeschoss am Eschenheimer Tor wurde für rund 250 000 Euro saniert, neue Wände wurden eingezogen, die Böden gereinigt, Heizungen eingebaut. Unter der Erde, wo man frühmorgens schon die ersten U-Bahnen rattern hört, ist so eine große, gekachelte Halle entstanden. Jeden Abend ab 22 Uhr können die Nutzer dort auf dem Fußboden ihre Isomatten ausrollen. Jeden Morgen um 5.30 Uhr werden sie geweckt.

Der neue Standort sei besser als der alte, findet Johannes Heuser. Die Halle sei beheizt und weniger zugig, es gebe keine Passanten, die die Übernachter störten. „Es ist geschützter als an der Hauptwache.“ Heuser, 58 Jahre alt, seit 30 Jahren Straßensozialarbeiter beim Frankfurter Verein, koordiniert den Frankfurter Kältebus und ist auch für die Notübernachtung zuständig. Insgesamt sei der Umzug gut verlaufen, findet Heuser. Wie in den vergangenen Jahren auch nutzten jede Nacht rund 100 Menschen das niedrigschwellige Angebot. „Für uns ist das Wichtigste, dass man sich nicht legitimieren muss“, sagt Heuser. „Hier muss niemand seinen Ausweis vorzeigen und erklären, warum er auf der Straße ist.“ Das ist ein Grund, warum vor allem Menschen aus Rumänien, Bulgarien und anderen ost- und südosteuropäischen Ländern die Notübernachtung nutzen, die in den anderen Notunterkünften der Stadt wegen fehlender Rechtsansprüche nicht dauerhaft aufgenommen werden. Ihr Anteil liegt hier bei etwa 90 Prozent.

Während Heuser erzählt, hat die Halle sich komplett verwandelt. In erstaunlichem Tempo sind alle Schlafplätze verschwunden, diszipliniert stapeln die Übernachter Isomatten und Decken aufeinander, damit sie bis zum Abend gereinigt werden können. Mitarbeiter des Frankfurter Vereins haben angefangen, den Boden zu reinigen und die Tische umzuklappen, die nachts als Sichtschutz zwischen den Schlafenden stehen und jetzt dem „Wintercafé“ dienen. Dass es hier im Warmen noch Kaffee, Tee, Laugengebäck und Milchbrötchen für alle Gäste gibt, ist ein weiterer Unterschied zur Hauptwache. Während die Obdachlosen dort um 6 Uhr in die Kälte mussten, können sie hier bis 10 Uhr sitzen bleiben, bis die Tageseinrichtungen überall in der Stadt öffnen.

An einem der Tische sitzt ein Mann in einer schwarzen Jacke. Er wirkt noch müde von der kurzen Nacht, seine Augen sind rot geschwollen. Ihm sei die Luft hier viel zu trocken, sagt er, aber ansonsten sei er ganz zufrieden. „Eigentlich ist es besser hier. An der Hauptwache war es immer so unruhig.“ Es sei auch eine Verbesserung, dass es hier neue Toiletten gebe. Er sei jetzt seit drei Jahren auf der Straße, sagt der Mann dann, seit seine Freundin sich von ihm getrennt habe. Jetzt freue er sich auf einen Kaffee, und dann werde er in eine Einrichtung der Caritas gehen, heiß duschen und sein Handy aufladen.

Ein paar Meter weiter sitzt ein junger Mann aus Bulgarien. Er wirkt fitter, vielleicht, weil er schon einen Kaffee bekommen hat. Er sei schon einige Jahre in Frankfurt und arbeite bei Abbruchfirmen, sagt er. Aber derzeit habe er keine Arbeit. „Ohne Geld keine Wohnung, kein Essen, keine Zigaretten.“ Er bleibe immer drei, vier Monate, spare Geld und fahre dann nach Hause zu seiner Frau und seinem kleinen Kind. In Bulgarien zu arbeiten, habe für ihn wegen der schlechten Löhne keinen Sinn. Die Notübernachtung findet er in Ordnung. „Manchmal gibt es Stress mit den Leuten. Einige sind immer unzufrieden.“

Auch Johannes Heuser ist mit der Einrichtung noch nicht ganz zufrieden. Es werde noch überlegt, wie man das Licht nachts dimmen könne, auch sollten dickere Isomatten angeschafft werden, sagt der Sozialarbeiter. Und man denke darüber nach, die Menschen morgens wenigstens etwas länger schlafen zu lassen. „Wir passen natürlich noch Dinge an“, sagt Heuser. Inzwischen ist es fast sieben Uhr. Viele Nachtgäste haben die B-Ebene schon verlassen. Draußen nieselt es. Es ist noch stockdunkel.

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