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Michael Adam sortiert die Lebensmittel für die Ausgabe an die Bedürftigen.

Tafel in Frankfurt-Höchst

Ein Besuch bei der Tafel

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Ein Besuch bei der Ausgabestelle der "Tafel" in Frankfurt-Höchst. Von der Ex-Millionärsgattin bis zur Putzfrau brauchen viele Hilfe.

An diesem Freitag zwischen den Jahren müssen Xavier Legorreta und seine ehrenamtlichen Helfer doppelt so viele Waren sortieren wie sonst. Die Lebensmittel werden von mehreren großen Supermärkten gespendet. Dass es diesmal so viele sind, „hat etwas mit Weihnachten zu tun“, vermutet Legorreta. Gemüse, Obst und Fleisch werden gelagert – bis sie später verteilt werden.

Viele Kunden warten schon im Aufenthaltsraum der „Tafel“ in Frankfurt-Höchst. „Wir haben die schönste Ausgabe“, schwärmt der 58-jährige Legorreta, der an jedem Freitag zusammen mit der 72-jährigen Erika Pitts für die Warenausgabe verantwortlich ist. In anderen Stadtteilen müssten bedürftige Menschen draußen, in der Kälte warten, bedauert Legorreta, der seinen ehrenamtlichen Einsatz dem „Geist zu helfen“, zuschreibt und hauptberuflich als Berater für Entwicklungshilfeprojekte und als Spanischlehrer tätig ist.

Etwa hundert Menschen kommen um die Mittagszeit in die Schleifergasse 4, wo sich jene Räumlichkeiten befinden, die der „Tafel“ von der Caritas kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Sie wollen für sich und ihre Familien Lebensmittel holen. Alle haben einen „Tafel-Ausweis“ bekommen, mit ihrem Namen und der Anzahl der zu versorgenden Familienmitglieder. Xavier Legorreta und Erika Pitts kennen fast alle ihre Kunden persönlich – und ihre Geschichten.

Da ist zum Beispiel die 69-jährige Bettina Meyer (Name von der Redaktion geändert), die „mal mit einem Millionär verheiratet“ war. Die Rentnerin trägt eine graue Pudelmütze und einen dicken Schal um den Hals. Die braunen Augen sind dezent geschminkt. Zweimal wurde sie von einem Kerl sitzen gelassen – nachdem sie von beiden ausgenutzt worden war. „Wir Frauen sind ja immer so, dass wir das mitmachen.“ Meyer macht sich jedes Mal einen Plan, was sie mit den Lebensmitteln anstellen wird, die sie von der „Tafel“ bekommt. Je nachdem, ob etwas eher für den schnellen Verzehr oder zum Einfrieren geeignet ist. „Manchmal ist ja auch Kaffee dabei. Dann bin ich total glücklich.“

30 bis 40 Prozent der Kunden seien deutsche Rentner, weitere 30 bis 40 Prozent Ausländer, die vor allem aus Bulgarien, Rumänien, Afghanistan und „der arabischen Welt“ stammen würden. Viele von ihnen leben schon lange in Deutschland, seien aber, so Legorreta „nicht integriert“.

Der alte Mann, der sich als „Francesco“ vorstellt, tut sich noch immer etwas schwer mit der deutschen Sprache. Francesco ist Italiener, schlug sich in Deutschland als Maler, Tapezierer und mit anderen Hilfstätigkeiten durch und hat jetzt „zu wenig Rente“. Sehnsucht nach der Heimat? Francesco schüttelt den Kopf. „Ich bin schon so lange hier.“ Was er von der „Tafel“ kriegt, „das brauche ich nicht zu kaufen“.

Die kranke Mutter pflegen

Alte Menschen, aber auch Mütter mit kleinen Kindern warten geduldig, bis die Nummer, die sie an diesem Tag erhalten haben, an der Reihe ist. Beatrice hat noch etwas Zeit, bis die Tasche, die sie mitgebracht hat, gefüllt wird. Die 16-Jährige braucht eine große Tasche und wird schwer zu tragen haben. Sie nimmt die Lebensmittel für ihre ganze Familien mit: Die Mutter, den Vater und ihre sieben Kinder. Der älteste Sohn ist mit seinen 18 Jahren bereits erwachsen und arbeitet als Automechaniker. Beatrice selbst geht noch zur Schule. Die Familie stammt aus Rumänien. „Aber ich bin hier geboren.“

Oft ist die Armut vorhersehbar: Eine Putzfrau verdient trotz Überstunden nicht mal 1000 Euro im Monat, sagt die 48-Jährige. 630 Euro zahlt sie Miete, warm. Das ist viel Geld. Sie sei bei der Stadt als Wohnungssuchende gemeldet. Aber: „Bezahlbarer Wohnraum in Frankfurt? Um Himmels willen!“

Peggy Schmidt (Name geändert) hat Bäckerin gelernt, dann aber doch lieber im öffentlichen Dienst gearbeitet. Die 56-Jährige hat den Beruf an den Nagel gehängt, um ihre 84 Jahre alte, schwerbehinderte Mutter zu pflegen. Peggy Schmidt lebt von Hartz IV und wird sich weiter um ihre Mutter kümmern: „Nein, meine Mutter kommt nicht ins Heim.“

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