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Caricatura in Frankfurt: Geht doch alle zum Teufel!

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Von: Stefan Behr

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Jesus sprach zu seinen Jüngern: „Die nächste Runde geht auf mich!“
Jesus sprach zu seinen Jüngern: „Die nächste Runde geht auf mich!“ © Renate Hoyer

In der Caricatura widmet sich von Sonntag an eine detailverliebte Ausstellung dem Satiremagazin „Pardon“. Sie ist wunderschön. Und todtraurig.

Frankfurt - Der Teufel geht um in der Caricatura! Das sei ja wohl nichts Neues, wird die Museumsdienerschaft jetzt beckmessern, der Gottseibeiuns sei bereits vor Jahren in den einstmals herzensguten Achim Frenz gefahren, und seitdem kenne ihr Chef kein Pardon mehr. Aber zumindest Letzteres ist nichts als abergläubisches Gesindegewisper, denn am Freitagvormittag eröffnet Frenz die Presskonferenz zur Ausstellung „Teuflische Jahre – Pardon“, und, zur Hölle, er weiß, wovon er redet. Frenz begrüßt die Anwesenden „zur schönsten Ausstellung im schönsten Museum der Welt“. Das sagt er zwar immer, aber diesmal stimmt’s. Die neue Ausstellung ist die schönste und zugleich traurigste seit Anbeginn der Caricatura. Eindeutig Teufelswerk!

Wem „Pardon“ kein Begriff ist, den darf man zu seiner Jugend beglückwünschen. Die Ausstellung erklärt sich aber auch selbst in der Unterzeile (alte Boomer-Tradition, siehe auch „Alien – das unheimliche Wesen aus einer anderen Welt“). „Pardon“ war nämlich „Die deutsche satirische Monatsschrift (1962–1982)“. Aber „Pardon“ war noch so viel mehr: Kindergarten der Neuen Frankfurter Schule, Mutterschiff der „Titanic“, Freigehege von Schnuffi, Spielplatz des Teufels. Ein Blatt, das investigativen Journalismus, kompletten Nonsens, Anarchie und Aktionismus fröhlich vereinte und Frankfurt nachhaltig zur „Satirehauptstadt“ (Frenz) machte.

Es ging schon gut los. Die erste „Pardon“-Ausgabe schmückte im September 1962 eine Zeichnung von Loriot: Ein knollennasiger Gentleman überreicht einen Blumenstrauß mit luntenlodernder Bombe. Einer der Autoren heißt Erich Kästner. Ein anderer Autor der ersten Stunde, Chlodwig Poth, präsentierte seine Marketingstrategie: „Wir könnten Prozesse suchen, aufregende und nicht zu teure, Proteste provozieren bei den zahlreichen Verbänden, Vereinigungen und Vereinen“.

Unvergessen: der Teufel (oben links).
Unvergessen: der Teufel (oben links). © Renate Hoyer

Und schwupps: Bereits in der ersten Ausgabe provozierte ein harmloser Cartoon des Zeichners Agnese – nackte Passagiere fahren in einer vom Teufel gelenkten Trambahn – namens „Eine Straßenbahn namens Sehnsucht“ den Volkswartbund, kryptokatholische Tugendbolde aus Köln, zur Strafanzeige, Hefte wurden beschlagnahmt. Besser geht’s nicht.

Und es nahm ein aberwitziges Ende. In den späten 70er Jahren wurde Chefredakteur Hans A. Nikel dermaßen meschugge, dass das auch mit seiner ehemaligen Tätigkeit als Redakteur der Frankfurter Rundschau nicht mehr zu entschuldigen war. Zunehmend huldigte er der „Transzendentalen ,Meditation“ des Gaga-Gurus Maharishi Mahesh Yogi und räumte dessen und anderer esoterischem Bullshit seitenweise Platz ein. Eine Titelstory über das „Yogische Fliegen“ sorgte für die Bruchlandung: Der Teil der Redaktion, der noch bei Trost war, verließ das sinkende Schiff, gründete 1979 die „Titanic“ und nannte sich fürderhin „Neue Frankfurter Schule“. „Pardon“ dümpelte noch ein bisschen vor sich hin und soff dann endgültig ab.

Der freundliche Teufel lupft die melone zum Gruße

Es ist nicht so, dass es keine Überlebenden gab. Das Logo der Zeitschrift lebt weiter im kollektiven Gedächtnis aller Spaßvögel. F. K. Waechters Teufel ist ein freundlicher: Mit spitzen Fingern lupft er die Melone zum Gruße und lächelt sein teuflischstes Lächeln. Wer ganz genau hinschaut, kann ihn sogar grüßen hören, und zwar mit der Stimme des ebenfalls sehr freundlichen Max Goldt, auch so einem Neuen Frankfurter Musterschüler: „Pardon, Mylord! Pardauz, Milady!“ Und auch Schnuffi, das Nilpferd, treuer Stammgast auf der von F. W. Bernstein, Robert Gernhardt und F. K.Waechter verantworteten Doppelseite „Welt im Spiegel“, lebt in den Herzen aller Freunde des abartigen Humors weiter.

Gerhard Kromschroeder (l.), Achim Frenz (r.), Helmut Kohl (M.).
Gerhard Kromschroeder (l.), Achim Frenz (r.), Helmut Kohl (M.). © Renate Hoyer

Das Fantastische und Wunderschöne an dieser Ausstellung ist ihr Detailreichtum. Erstmals nutzt die Caricatura alle vier Etagen, um die 819 Exponate zu präsentieren. Darunter sind auch Briefe, Fotos, Dokumente und eine Menge anderer Gimmicks, die Einblick in die wunderbare Welt der „Pardon“-Redaktion gewähren. Etwa ein Protestschreiben der Redaktion an die Herausgeber. So wie Nikel an die yogische Fliegerei glaubte, glaubten die Satiriker an redaktionelle Mitbestimmung und mäkelten 1973, dass die „unterhaltsamen Texte, eigentlich Gegengewicht zu politisch relevanten Beiträgen, zur Hauptsache gemacht“ würden – und das mitunter mit „erschreckender Niveaulosigkeit“.

Das bewirkte natürlich nichts, aber immerhin redete sich die Geschäftsführung nicht damit heraus, dass Niveaulosigkeit vonnöten sei, um ein anzeigenfreundliches Umfeld zu schaffen. Das hatte die „Pardon“ auch nicht nötig: Zu ihren Glanzzeiten kam sie auf eine Auflage von 320 000 und hatte anderthalb Millionen Leser. Teufelswerk!

Zu sehen ist aber auch ein Binding-Bier-Glas mit den Kurt-Halbritter-Figuren „Schaa un Schorsch“ aus dem Nachlass der Kneipe „Mentz“, offiziell „Zillestube“, die so eine Art Redaktionsdependance im Oeder Weg war und auch in Eckhard Henscheids Romandebüt „Die Vollidioten“ lobend erwähnt wird. Und zwar von dem zu Herrn Domingo verfremdeten Wilhelm Genazino, der das „Mentz“ als eine der „grässlichsten Bumskneipen, die es in Frankfurt gibt“, rühmt.

Ebenfalls unvergessen: Schnuffi, der liebe.
Ebenfalls unvergessen: Schnuffi, der liebe. © Renate Hoyer

Bis heute treibt der fiktive Hans Mentz in der „Titanic“ als Humorkritker sein Unwesen, illustriert mit einem Bild von Adorno, dem man ein Ziegenbärtchen angeklebt hat. So ist die Ausstellung auch ein verschlungener Pfad durch die Stadtgeschichte.

Natürlich wird auch an die Sponti-Aktivitäten der Redaktion erinnert. An das Aufstellen einer Günter-Grass-Büste in der Walhalla bei Regensburg. An das Auftauchen mit dem täuschend echt als Adolf Hitler verkleideten Schauspieler Billy Frick auf der Buchmesse 1973. Oder an die fingierte LSD-Party, die von der brotnüchternen „Pardon“-Redaktion einem Redakteur der Frankfurter Rundschau vorgespielt wurde, die dem pseudoexzessiven Partytreiben prompt eine Doppelseite einräumte.

Das alles ist zum Weinen schön. Und man kann sich stundenlang in der Ausstellung verlieren. Man will gar nicht mehr raus. Aber irgendwann muss man ja. Das ist das Traurige. Dann steht man im Regen, neben dem steinernen Elch, der einen blöde anglotzt, und fragt sich, warum früher alles so lustig war und heute so trübe ist. Die Zähren rinnen, man fragt sich „Gernhardt! Gernhardt! Warum hast du uns verlassen?“ und reckt wütend die Fäuste gen Himmel ... Pardon! ... gen Hölle. (Stefan Behr)

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