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Caricatura: Frankfurter Museum würdigt mit Ausstellug die 2010er Jahre

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Die Caricatura in Franfurt zeichnet mit einer Ausstellung den Nachruf des vergangenen Jahrzehnts. Dabei amüsieren sich Allah und Gott beim Teekränzchen prächtig.

Allah und Gott scheinen mehr Humor zu haben als ihre Schafe. Sie sitzen zwischen Schäfchenwolken, trinken Tee und haben ihr Schachspiel ruhen lassen. Stattdessen sind beide in schallendes Gelächter ausgebrochen. Das kann man zwar nicht hören, aber so gut erkennen, dass es ansteckend wirkt wie ein Lachkrampf zum schlechtesten Zeitpunkt. Geräusche und Gerüche darstellen, das kann der Cartoon wie kein anderes Medium. Nur mit dem Geschmack haben es die Cartoonisten nicht so, aber das heißt dann Satire.

So wie die Schöpfer auf dem kleinen Bild von Denis Metz gackern, lacht der durchschnittliche Erwachsene wahrscheinlich nur einmal im Jahr. Leider. Dem Bild nach könnte die Welt sonst eine andere sein. Was sie so zum Lachen bringt? Gott kringelt sich über der zu sehr bekannt geworden Ausgabe von Charlie Hebdo, Allahs Bauch schmerzt wegen einer Titanic mit dem Cover-Star: Papst. Wer jetzt Schachmatt geht? Ha-ha-ha-ha-ha-ha.

Das sei eines der „Besten Bilder 2015“, fanden Wolfgang Kleinert und Dieter Schwalm, die seit einer Dekade jährlich die besten Cartoons in einem Buch veröffentlichen und damit so etwas wie die Longlist des Deutschen Cartoon-Preises geschaffen haben. Dem vergangenen Jahrzehnt ist jetzt eine Ausstellung im Caricatura Museum gewidmet, das seinerseits mit seiner Nähe zum Satiremagazin Titanic und der Frankfurter Neuen Schule eine Institution für unterhaltende Kunst in der Stadt ist.

„Cartoons sind in den letzten Jahren nochmal deutlich politischer geworden“, resümiert Verleger Dieter Schwalm bei der Pressekonferenz am Dienstag. „Das verhält sich parallel zu dem, was wir in der Gesellschaft feststellen.“

Chronologisch führt Kuratorin Rebecca Leudesdorff mit etwa 250 Bildern, größtenteils Drucke, auf eineinhalb Etagen im Museum am Dom durch die Jahre. Die dinglichsten Themen des Jahrzehnts liegen immer beieinander: Die Ölpest im Golf von Mexico (macht großäugige Fische ausnahmsweise glücklich), Jan Böhmermanns Schmähgedicht (lässt alte Familientraditionen aufleben). Auch Flüchtlinge und Naturschutz, Abgas- und Abhörskandal haben ihren Platz gefunden.

Ernährungshypes, längst abgelöste Diät- und Tattootrends - da werden Erinnerungen wach und sind endlich, endlich so zu sehen wie es ihnen besser steht. Dass der Nahe Osten für manche immer noch in Magdeburg verortet ist oder wie sich die Arbeitswelt verändert hat - komplexe Themenfelder, die dann zur komischen Kunst werden, wenn ein Zeichner sie mit wenigen Strichen auf ein Blatt bannt und auf den Punkt bringt. Für die Ausstellungseröffnung verspricht Museumsleiter Achim Frenz: „Gregor Gysi wird eine Einschätzung zur Weltlage geben.“

„Obwohl die Wirtschaftlichkeit schlechter geworden ist, gibt es wieder mehr junge Leute, die Cartoons machen“, freuen sich Verleger und Museumsleiter ebenso, wie dass sie viele bekannte Bildautoren begeistern konnten, mitzumachen: Beck, Wurster, Rürup, Perscheid, Flemming lösen bei echten Cartoonfans wissendes Schmunzeln aus. Cartoon-Neulinge, die den Unterschied zwischen Cartoon und Comic noch nicht begriffen haben, können sich auf den letzten Seiten des Ausstellungskatalogs einen Überblick über Cartoonisten-Biografien schaffen.

„Warum die Szene immer so männerlastig, habe ich nie ganz verstanden“, sagt Frenz. „In den Jahren davor sind uns viele Frauen als Zeichnerinnen verloren gegangen“, bestätigt Schwalm. Dass die Sommerakademie in Kassel zuletzt sogar aus 80 Prozent Frauen bestand, ist für sie deshalb ein gutes Zeichen.

Der Dekadenrückblick im Caricatura-Museum profitiert vom weiblichen Blick: Die Cartoonistinnen Bettina Bexte, Birte Strohmayer, Dorthe Landschulz, Petra Kaster, Barbara Henninger, Ruth Hebler, Teresa Habild, Birgit Dodenhoff sind teilweise mehrfach vertreten.

Wie zu jedem großen Jubiläum lassen sich auch große Bekanntheiten das Event nicht entgehen und zeigen sich so, wie man sie schon immer gerne mal sehen würde: gut frisiert (Donald und Boris), authentisch (Connie auf dem Bauernhof), katzenvideosguckend (Adolf). Wie gewohnt wird bei besonderen Events auch gerne etwas mehr Haut gezeigt: Alexander Dobrindt macht vor, was man mit einem Auto am besten macht: rumräkeln darauf, nackt.

Jetzt wo sie vorbei sind, haben sie uns sehr gut gefallen, diese 2010er-Jahre. Besonders da sich die Kunst so oft prägnanter als die Realität ins Gedächtnis schreibt.

Ausstellung

Die „Besten Bilder – Cartoons des Jahrzehnts“sind vom 13. Februar bis zum 14. Juni im Caricatura Museum, Weckmarkt 17, ausgestellt

Bei der Vernissageam 12. Februar um 18 Uhr sind Künstlerinnen und Künstler, Kuratorin und Verleger des Ausstellungskatalogs vor Ort.

Die Laudatiohält Bundestagsabgeordneter Gregor Gysi (Die Linke).

Der Ausstellungskatalogmit etwa 550 Bildern ist im Lapan-Verlag erschienen und kostet 20 Euro.

Geöffnet hat das Caricatura – Museumfür komische Kunst von Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr und am Mittwoch bis 21 Uhr .

Die Dauerausstellung im Obergeschosszeigt Werke vieler namhafter Cartoonisten. 

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