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Caricatura

Caricatura: Ausstellung zum 90. Geburtstag von Chlodwig Poth

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Frankfurter Caricatura-Museum würdigt seinen Spiritus rector Chlodwig Poth mit einer Ausstellung. Heute wäre er 90 Jahre alt geworden.

Er war einer der Gründerväter der neuen Frankfurter Schule. Und mehr. Er war „deutscher Satiriker, Zeichner, Karikaturist und Comiczeichner“, wie Wikipedia weiß. Er war mit seiner Zeichenserie „Last Exit Sossenheim“ einer der erfolgreichsten Frankfurter Stadtteilbotschafter weltweit. Ohne ihn wäre die „Titanic“ wohl nie vom Stapel gelaufen, und am Ende seiner Karriere adelte ihn das Satireblatt gar zum Monarchen: Als „Zonenkönig Chlodwig“ thronte er dort, mit Krone und im Hermelin, über dem Impressum und versprach den Lesern: „Die endgültige Teilung Deutschlands – das ist unser Auftrag.“ „Chlodwig Poth war eine lebende Satirelegende“, würdigt das Caricatura-Museum seinen Spiritus rector, und die wäre er wohl heute noch, wenn er nicht am 8. Juli 2004 gestorben wäre.

Als lebende Satirelegende aber wäre Poth heute 90 Jahre alt geworden. Und da lässt es sich die Caricatura nicht nehmen, ihre Legende mit einer neuen Hängung im ersten Stock des Museums zu würdigen. Es ist eine Hängung unter Ausschluss der Öffentlichkeit, Corona macht’s unmöglich, und wann das Publikum den König hängen sehen kann, steht in den Sternen. Selbst der große Poth konnte nicht in die Zukunft sehen, wie eines der gehängten Bilder aus dem Jahr 2004 beweist. Auf dem wirft ein Gezeichneter einen Blick in die damalige Zukunft: „Die Beulenpest kommt zurück, wir kriegen eine Kampfhundplage, und der Euro wird ein Flop.“ Immerhin – mit der Beulenpest war Poth zumindest dicht an der Wahrheit dran.

Der Clodwig Poth war immer schon aktuell.

Andere Zeichnungen haben hingegen eine fast schon beängstigende Aktualität. Etwa die, die der damals blutjunge Poth als Laie unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg gezeichnet hatte. Sie zeigt einen Mann, behängt mit Säcken, deren Inhalt auf den ersten Blick nach Klopapierrollen aussieht. Vom Schutzmann zur Rede gestellt, sagt der Sackträger: „Aber Herr Wachtmeister, wie können Sie det Hamstern nennen – det is’ doch der nackte Selbsterhaltungstrieb!“

Die neue Hängung böte, wenn man sie denn sehen könnte, einen interessanten Einblick auch in Poths eher unbekannte Schaffensperioden. So kann man etwa einige höchst erfreulich defätistische Zeichnungen bewundern, die der gebürtige Wuppertaler als 14-Jähriger in Berliner Luftschutzkellern anfertigte. Auch ist wohl den wenigsten Menschen bekannt, dass der junge Chlodwig – mit mäßigem Erfolg – für so bizarre Publikationen wie „Der Insulaner“ – eine Zeitschrift des „Die Insulaner“-Gründers Günter Neumann, die weniger erfolgreich als die Kabaretttruppe war – arbeitete – oder auch für „Die Tarantel“, die „Satirische Monatszeitschrift der DDR“, die spaßigerweise in West-Berlin produziert wurde. Sie räumt auch mit dem alten Vorurteil auf, Poth wäre 1955 mit Posaunenschall als Chef-Karikaturist nach Frankfurt gerufen worden. Die Wahrheit ist viel profaner: Der brotlose Künstler hatte vielmehr eine bezahlte Redakteursstelle bei der „Werkzeitschrift der Dunlop-Familie“ ergattert.

Die Mini-Ausstellung zeigt natürlich auch den erfolgreichen Poth: 1963 erster Auftritt in „Pardon“, dort beginnt 1971 auch die Serie „Mein progressiver Alltag“, die ihn deutschlandweit bekannt macht, 1979 „Titanic“-Gründung, 2003 Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt. Soviel zum Licht.

Und nun zum Schatten. Am Ende seiner Tage konnte Poth wegen einer altersbedingten Makuladegeneration so gut wie nichts mehr sehen. Er zeichnete weiter – mit Hilfe einer Höllenmaschine, die die Zeichnungen ins Abnorme vergrößerte. „Ich musste mich an das Gerät zwingen und konnte mich nur vor ihm drücken, wenn ich meinem Über-Ich einen triftigen Grund anzugeben wusste. Meine Hände waren eiskalt oder zitterten, was die Striche krakelig werden ließ, so dass sie, vergrößert auf dem Schirm, helles Entsetzen bei mir auslösten. Aber wie erschrak ich jedes Mal, wenn meine Hand zu sehr ins Bild kam! Wie genmanipulierte Riesenmadenwürmer krochen meine Finger über den Schirm. Und wie rissig und schrundig meine siebzig Jahre alten Fingernägel waren“, gestand die damals noch lebende Satirelegende 2004 der FAZ. Auch diese Höllenmaschine ist nun in der Caricatura ausgestellt. Weshalb man sie nicht sehen kann. Dieses Paradoxon hätte Poth mit Sicherheit gefallen.

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