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Stets verweigerte er die Anpassung: Max Weinberg in seinem Atelier.

Max Weinberg

Bunter Botschafter des Friedens

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Sein Leben lang kämpfte der expressionistische Maler Max Weinberg um Anerkennung durch den Kunstbetrieb. Auf dem Sterbebett erreichte ihn die Auszeichnung mit der Goetheplakette. Ein Nachruf.

Wer sein weiträumiges Atelier betrat, dem fiel als Erstes die Musik auf. Sie schien stets präsent. Max Weinberg hörte Beethoven. Wenn er malte, aber auch wenn er einmal von der Leinwand und den Farben abließ, was selten genug vorkam. Beethoven und sein Werk erschienen dem Künstler als ein humanistisches Idealbild, dem er sich durchaus verwandt fühlte. Seit 1991 arbeitete der jüdische Maler in einem städtischen Atelier an der Ostparkstraße, in dem er auch weitgehend lebte. Eine Pritsche, einige Tische und Stühle: Viel mehr Einrichtungsgegenstände gab es nicht in dem großen Raum, der dafür über und über gefüllt war mit bemalten Leinwänden, Farbtuben, Papier, gerahmten und ungerahmten Bildern, Skizzen.

Im Januar hatte er zuletzt in seinem Atelier arbeiten können. Jetzt ist Weinberg nach langer Krankheit gestorben, wenige Monate nach seinem 90. Geburtstag. Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) war noch an sein Sterbebett geeilt; er konnte dem Todkranken mitteilen, dass die Stadt ihn mit der Goetheplakette ausgezeichnet habe.

Max Weinberg: Sein Leben lang hat er die Anpassung verweigert, war ein widerständiger Mensch. Geboren in Kassel als Sohn deutsch-polnischer Eltern jüdischen Glaubens, wurden seine Familie und er schon bald vom nationalsozialistischen Terrorregime verfolgt. Er hatte zwei Schwestern und zwei Brüder. Einer seiner Brüder wurde wegen einer Behinderung in einem der berüchtigten Euthanasieprogramme vergast. Der Maler sprach nicht gerne über diese Erfahrungen – wenn er es tat, fielen die Leichtigkeit und das Spielerische von ihm ab, die ihn sonst auszeichneten. 

Als Kind floh er mit den Eltern erst nach Belgien, dann nach Palästina. Der gerade gegründete Staat Israel berief ihn 1948 in seine Armee. Doch Weinberg weigerte sich, einen palästinensischen Bauern zu erschießen. Am Ende wurde er unehrenhaft aus dem Militärdienst entlassen. 

Zu dieser Zeit hatte der Jugendliche schon lange seine Berufung gefunden. Im Alter von 13 Jahren bereits hatte er seine ersten Gemälde auf der Straße verkauft. Er studierte an der Staatlichen Akademie für Kultur und Künste in Tel Aviv. Aber in Israel fühlte er sich bald eingeengt – die Staatsdoktrin, die sich aus dem Kampf gegen die Palästinenser und die arabischen Staaten speiste, widerstrebte ihm. 

So wagte Weinberg 1959 einen schwierigen Schritt: Er ging nach Deutschland zurück, ins Land der Täter, die so viele Juden ermordet hatten. In Frankfurt am Main absolvierte er von 1961 an die Städel-Abendschule. Es begann ein Kampf um künstlerische Anerkennung, der bis zu seinem Lebensende dauern sollte. Denn die expressionistischen Welten, die der Maler auf seinen Leinwänden entwarf, passten nicht so recht ins Wirtschaftswunder-Deutschland. Die Gestalten, die sie bevölkerten, bekannten sich oft recht deutlich zu ihrem Geschlecht, waren in lebensfrohes Pink getaucht, aber auch in düsteres Schwarz. Sie spiegelten auch die Erfahrungen von Krieg und Tod, die der Künstler gemacht hatte. 

Doch stets verstand er seine Figuren als „Botschafter des Friedens“. Erst nach der Revolte des Jahres 1968, die auch die Kunst in Deutschland erfasste, hatte es Weinberg mit seinen Arbeiten leichter. Er selbst inszenierte sich bis ins hohe Alter selbstbewusst, die Augen von schwarzem Kajal umrandet, im bunten, farbbeklecksten T-Shirt, mit weißem, wallendem Bart. Er war ein begnadeter Erzähler, dessen Redestrom der Besucher kaum zu folgen vermochte. Von 1991 an konnte er ein subventioniertes städtisches Atelier an der Ostparkstraße beziehen. „Die Stadt hat ihn und seine Arbeit sehr geschätzt“, sagt Susanne Kujer, im Kulturamt für Bildende Kunst zuständig. Immer wieder unterstützte die Kommune Weinberg mit Fördergeld. 

Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) war 2016 kaum im Amt, als sie den Maler in seinem Atelier besuchte. Sie erinnert sich an das beeindruckende Chaos dort, an den Geruch von Knoblauch, den Weinberg täglich verzehrte, an einen „alten Herrn mit wahnsinnig glatter Haut“. 

Sehr selbstbewusst habe der Künstler die Würdigung in einer städtischen Kulturinstitution gefordert: „Ich will eine Ausstellung!“ In der Tat beklagte sich Weinberg beredt immer wieder über seine Missachtung durch den etablierten Kunstbetrieb, darüber dass Institutionen wie das Museum für Moderne Kunst und der Frankfurter Kunstverein ihn ignorierten. Er träumte von einer Ausstellung dort. 

Tatsächlich hat Weinberg als Künstler durchaus Erfolge gefeiert. Seine Arbeiten waren in etlichen Ausstellungen zu sehen, Sammler kamen von weit her, um seine Werke zu kaufen. Auch die Kulturdezernentin erwarb 2016 drei Blätter und hängte sie in ihr Büro, dessen Wände noch völlig kahl waren. 

Bei vielen Künstlerinnen und Künstlern war Weinberg sehr beliebt. Sie wollen sich am Montag, 23. April, ab 14 Uhr bei einer Trauerfeier auf dem Jüdischen Friedhof von ihm verabschieden. Es soll ein fröhliches, lebensbejahendes Fest werden, sagt die Malerin Wanda Pratschke, deren Atelier neben dem des Verstorbenen liegt. So, wie Max Weinberg es geliebt hätte. 

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