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Interview mit Cornelia-Katrin von Plottnitz..

Generation 1968 in Frankfurt

„Wir waren die erotischen Backups der Revolution“

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    Kathrin Rosendorff
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Cornelia-Katrin von Plottnitz, damals im Weiberrat, über das Jahr 1968 in Frankfurt, die „reine Männernummer SDS“ und ihre Faszination für den Philosophen Theodor W. Adorno.

Eigentlich ist Cornelia-Katrin von Plottnitz als Cornelia Estima Walz geboren worden. „In den 50er-Jahren waren Conny Froboess und Peter Kraus mit ihrem eingedeutschten Rock’n’Roll eine Teenager-Berühmtheit. Alles Neue, Aufmüpfige und Erotische dieser Musik aus den USA war ausgemerzt. Ich fand die Filme mit ihr und Peter Kraus ganz furchtbar. In dieser Zeit wurde ich nur Conny genannt. Ich habe den Namen Conny gehasst und als ich dann an der Uni anfing zu studieren, habe ich mich Katrin genannt, wie meine Großmutter.“ Die 74-Jährige sitzt auf ihrem Balkon in ihrer Westend-Wohnung. Mittlerweile steht Cornelia-Katrin auch offiziell in ihrem Personalausweis. Bis 2016 gehörte die frühere Lehrerin auch dem Magistrat in Frankfurt an. Als junge Frau war sie die Muse des weltberühmten Expressionisten Ludwig Meidner, später 1968, im Jahr der Revolte aber auch Mitbegründerin des „Frankfurter Weiberrates“.

Es heißt nicht zufällig Studentenbewegung. Die Frauen kommen nicht mal im Namen vor. Wieso eigentlich, Frau von Plottnitz?
Abgesehen davon, dass es damals fern vom öffentlichen Diskurs war, dass man den weiblichen Part anspricht, kommt hinzu, dass Gehorsam, Unterordnung und Anpassung die Zeit des Aufwachsens der Generation der 68er im Nachkriegsdeutschland prägte. Wir sind in den 1950ern Jahren aufgewachsen und vor allem Mädchen waren in Mädchen- und Benimmbüchern mit rigiden Moralvorstellungen und Sprüchen konfrontiert wie: „Aus Kindern werden Leute. Aus Mädchen werden Bräute.“ Die Jugend hatte keine Sprache, die Mädchen schon gar nicht. Als Mädchen hatte man angepasst zu sein.

Das bedeutete genau?
Ich war in einer reinen Mädchenschule und dort gab es diese bigotten Vorschriften, in denen man sich irgendwo zurechtfinden musste. Eine Seite der Ideologie war: Man musste heiraten, Kinder kriegen, kein Mauerblümchen sein. Wie soll man das bewerkstelligen, wenn man gleichzeitig Erfahrungen mit Jungs machen will? Schnell geriet man in den Ruf, leichtlebig und unmoralisch zu sein. Es wurde nicht über Sexualität geredet, aber auch nicht über eigene Lebensentwürfe oder ,Was will ich überhaupt vom Leben‘?

Und dann im Jahr 1963 kamen Sie an die Goethe-Universität. Wurde es da nicht besser?
Ich dachte, wenn ich an die Uni komme, dann beginnt ein neues, freieres Leben. Aber da hatte ich mich sehr geirrt. Ich hatte keinen Vater mehr, er war früh gestorben und meine Mutter war eine etwas untypische, sehr moderne Frau dieser Generation. Ich hatte große Lust, Lehrerin zu werden. Ich begann mit einem Studium für die Grundschule. Nach dem ersten Semester wechselte ich zum Studium von Germanistik und Anglistik. Viele Studentinnen machten wie ich eine Grundschullehrerinausbildung. In den Studiengängen Jura oder Betriebswirtschaft waren fast nur Jungs. Einige der Mädchen waren bereits verlobt und ihr Lebensentwurf entsprach den konventionellen gesellschaftlichen Vorstellungen. Nach den Vorlesungen standen die Studenten dann Spalier in den Ausgängen und sahen sich die weiblichen Neuzugänge an, denn 90 Prozent der Grundschulstudierenden waren Frauen. Auch ich musste da vorbei, das war erniedrigend. Ich war so tief enttäuscht und wechselte deswegen meinen Studiengang. Und dann entdeckte ich, dass die Soziologievorlesungen von Adorno großen Zulauf hatten. Da bin ich dann natürlich auch hin.

Was genau hat Sie an Adorno fasziniert?
Seine Art und Weise einen Gedanken auszuformulieren, seine Sprache, seine Argumentation, das war beeindruckend. Er konnte druckreif formulieren. Auch das Ritual des Vorlesungsbeginns mochte ich: Denn immer, wenn er in den Hörsaal VI kam, wurde er von einer jungen Dame begleitet, zu der er sehr zuvorkommend war. Vielleicht so eine Art Muse. Das hat mir sehr gut gefallen. Denn als ich selbst 16 Jahre alt war, habe ich den Maler Ludwig Meidner im Jazzclub in Hofheim kennengelernt. Und ab da wurde ich auch so ein bisschen seine Muse…

Ihre Mutter erlaubte es Ihnen sogar abends in sein Atelier zu gehen. Er war damals 75 und mit seinem Schüler Jörg von Kitta-Kittel frühstückte er um 20 Uhr, erst danach gingen sie hin, um sich von ihm malen zu lassen. Mögen Sie den Begriff Muse?
Ja, denn das hat mir gut getan, ich habe bei ihm unglaublich viel gelernt und erfahren. Meidner war ein sehr kluger, gebildeter und humorvoller Mann und er sah mich nicht als ein junges Mädchen, sondern ich war eine gleichwertige Gesprächspartnerin für ihn. Er und Adorno haben mir gezeigt, dass es ganz andere Lebensentwürfe gibt, jenseits des Vorgegebenen und das hat mir Mut gemacht, Neues zu erproben.

Und dann kam das Jahr 1968.
Es war die letzte Phase meines Studiums und ja: Das Jahr 1968 war sehr aufregend. Es war die Hoch-Zeit des Studentenaktivisten Hans-Jürgen Krahl. Er war Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS). Alle trafen sich im Kolbheim unweit des Beethovenplatzes im Westend. Das hatte so was von Gegenwelt. Im Versammlungsraum gab es diesen langen Tisch, da saßen eben die SDS-Genossen und diskutierten die Strategien und Grundlagen der Revolution. Ich erinnere mich an zwei Studentinnen, die an den Debatten aktiv teilnahmen. Wir anderen Frauen standen als Zuhörerinnen dahinter. Wir rauchten, es war ganz existentialistisch (lacht). Irgendwann wurde für diese Rolle von uns der Begriff die „Dunstkreisgenossinnen“ geprägt. Dann ließ diese Bewunderung für diese wundervollen klugen Genossen langsam nach. Der SDS war eine reine Männernummer.

Wie fanden Sie eigentlich Uschi Obermaier, bis heute ist sie sowas wie die Frau der Revolution?
Damals kannte man sie gar nicht, sie wurde durch das Interesse der Presse bekannt. Irgendwann berichtete der Stern über die Bundesversammlung des SDS in Frankfurt. In diesem Bericht war auch ein Foto von mir: Ich saß irgendwo im Saal und hatte eine Bierflasche in der Hand und in der Bildunterschrift stand: „Das sind die Mädchen der Revolution“. Wir waren plötzlich die erotischen Backups der Revolution. Das hat mich gestört und auch amüsiert. Ich war ja immerhin schon 26. Es entstand zunehmend diese Haltung: „Wir ertragen das nicht mehr, dass die Männer sich soviel Raum nehmen.“

Und dann gründeten Sie zusammen mit anderen Frauen den Weiberrat, den Sie aber schnell wieder verließen. Warum?
Das Neue war, dass junge Frauen sich zum ersten Mal zusammengetan haben. Es gab aber unter anderem auch bald die Debatten: Dürfen Männer an unseren Sitzungen teilnehmen oder nicht? Ich habe die Männer nie als Gegner gesehen. Gegen diese Haltung habe ich mich gewehrt. Mir war es wichtig, meinen Lebensentwurf alleine bestimmen zu können und das auf Augenhöhe mit meinem Partner. Dieses Herrschaftsgehabe der Männerwelt sollte aufhören: Ich wollte nicht fremdbestimmt sein, sondern mich auch als eigenständige Person definieren können. Die 1968er waren zum Teil sehr autoritär. Und das störte mich sehr.

Sie selbst haben Ihren ersten Mann heimlich im Jahr 1969 geheiratet. Warum?
Paarsein war kompliziert, in dieser Atmosphäre, wo Verlobung und Heirat plötzlich als verpönt galten. Es war ein Tabu, über das private Glück zu sprechen. Es ging immer nur um die Revolution.

Sie haben keine der drei Ausstellungen in Frankfurt zum Thema 1968 gesehen. Warum? Ist es ein komisches Gefühl plötzlich museal zu sein?
Ich finde diese gehäufte Berichterstattung lustig und natürlich auch interessant. (Sie zeigt einen Stapel aktueller Zeitungsausschnitte, die sie zum Thema 1968 gesammelt hat.) Aber für mich ist es nun nicht mehr ganz so spannend. Trotzdem ist es wichtig, die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Einschätzungen anzuschauen und deswegen ist diese Zeit für junge Leute auch noch interessant. Denn damals gab es diese große Lust auf Theorie und darauf, Dinge zu analysieren und zu hinterfragen. Momentan ist viel gefärbt von den Erzählungen der Alten. Diese Wahrnehmung wird sich sicher in Zukunft ändern. Ich selbst habe 1968/1969 manchmal auch als schwierig in Erinnerung. Problematisch war vielleicht im Nachhinein auch das manchmal arg theorielastige Reden. Das war auch der Eindruck vieler meiner Schüler, als ich in Frankfurt noch unterrichtete. Sie sagten häufig über die 68er, die sie dann als Lehrer erlebten: „Die quatschen nur und machen nichts.“ Das war in ihren Augen vielleicht auch so. (lacht)

Interview: Claus-Jürgen Göpfert und Kathrin Rosendorff
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