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So malte Kuhnert den Löwen.

Ein Blick auf den Ausstellungs-Herbst

Der König der Tiere regiert die Wildnis

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Was die erneuerte Kunsthalle Schirn zeigt.

Seit zwei Jahren nun schon geht Philipp Demandt mit einer Herausforderung um, die ihresgleichen sucht in Deutschland: Der Kunsthistoriker leitet das Städel-Museum, die Liebieghaus-Skulpturensammlung und die Kunsthalle Schirn in Frankfurt. Eine Verantwortung, die andere mächtig belasten würde. Doch der 1971 geborene Kurator zeigt sich nach außen gelassen, freilich zugleich zielbewusst. Er kommt ohne Umweg und Schnörkel auf den Punkt, liebt das Tempo. Als Kurator hat er sich zum Ziel gesetzt, auch bedeutende Vergessene der Kunstgeschichte wieder ins Rampenlicht zu rücken – Künstler, deren Werk nicht Allgemeingut ist.

Wilhelm Kuhnert ist so ein Mann. Der Maler hat im ausgehenden 19. Jahrhundert, also zur Kolonialzeit, das Afrika-Bild in Deutschland geprägt wie kaum ein anderer. Er bereiste die Kolonie Deutsch-Ostafrika, fertigte dort Zeichnungen und Ölskizzen der Tier- und Pflanzenwelt. Im heimatlichen Atelier in Berlin entstanden auf dieser Basis monumentale Gemälde.

„König der Tiere – Wilhelm Kuhnert und das Bild von Afrika“ heißt die Ausstellung, die vom 25. Oktober an in der Kunsthalle Schirn zu sehen sein wird. Sie versammelt bis zum 27. Januar 2019 rund 120 Werke zu einer großen Retrospektive.

Immer wieder tauchen da Löwen, Tiger und Elefanten auf, werden als dominant, mächtig, stark dargestellt – ganz wie es dem Wunsch-Selbstbildnis des deutschen Kaiserreiches entsprach. Gleichzeitig erschien da am Horizont auch das Gegenbild des „Wilden“, „Ungezähmten“, das geeignet erschien, dem braven Bürger Angst einzuflößen.

Einen Kolonialmaler wie Kuhnert im Jahre 2018 dem Publikum zu präsentieren, dazu gehört Mut. Bevor Philipp Demandt 2016 nach Frankfurt wechselte, hatte er als Direktor der Alten Nationalgalerie in Berlin den Bildhauer Rembrandt Bugatti ins Rampenlicht gerückt – er war im frühen 20. Jahrhundert durch seine Tierplastiken bekannt geworden. Für Bugatti, den Bruder des Automobilkonstrukteurs Ettore Bugatti, galt das Gleiche wie jetzt für Kuhnert: Er war einer breiten Öffentlichkeit unbekannt.

Am 1. November, nur wenige Tage nach „König der Tiere“, hat in der Kunsthalle Schirn eine zweite Ausstellung Premiere, die den Blick über Afrika hinaus weitet. „Wildnis“ heißt ganz schlicht das Motto der Schau. Wie haben Künstlerinnen und Künstler die unberührte Natur verarbeitet, dargestellt? Mehr als 100 Werke von Jean Dubuffet über Max Ernst und Per Kirkeby bis hin zu Georgia O’Keeffe und Gerhard Richter geben die Antwort.

Zu sehen sind nicht nur Gemälde, sondern auch Fotografien, Grafiken, Videoarbeiten und Skulpturen. Die Ausstellung soll deutlich machen, dass und wie der Begriff der Wildnis sich im 20. und 21. Jahrhundert gewandelt hat. Angesichts dessen, was der Mensch allenthalben der Natur antut: Kann es unberührte Plätze überhaupt noch geben?

Die Ausstellung wird durch die Dr.-Marschner-Stiftung und den Verein der Freunde der Schirn-Kunsthalle gefördert.

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