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„Wir kämpfen auch für uns selbst.“ Sowmya Maheswaran und Burkhard Lang fordern sichere Routen für Geflüchtete.

Maheswaran und Lang engagieren sich 

Bündnis „Seebrücke“: Unermüdliche Kämpfer für Flüchtlinge

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Die Frankfurter „Seebrücke“: Sowmya Maheswaran und Burkard Lang engagieren sich für die Frankfurter Ortsgruppe des Bündnisses.  

Am Anfang stand die Empörung. Als das Rettungsschiff „Lifeline“ im Juni 2018 tagelang auf hoher See kreuzen musste, weil kein europäischer Staat die mehr als 200 aus Seenot geretteten Menschen an Bord an Land lassen wollte, entstand eine politische Debatte. Erstmals wurde breit über die Bedeutung und die Behinderung privater Seenotrettung auf dem Mittelmeer diskutiert. 

Und Sowmya Maheswaran beschloss, an einer Demonstration des neu entstehenden Bündnisses „Seebrücke“ in Frankfurt teilzunehmen. „Das war der Gipfel“, erinnert sich Maheswaran. „Dass Leute im Mittelmeer sterben und man noch diskutieren muss, ob man sie retten soll.“

Seit gut einem Jahr ist Sowmya Maheswaran nun für die Frankfurter Ortsgruppe der Seebrücke aktiv. Vorher habe sie schon ab und an protestiert, habe in ihrem Freundeskreis über Feminismus und Antirassismus diskutiert, sagt die 26-Jährige, die in Offenbach wohnt und an der Goethe-Uni im Master Ethnologie studiert. Aber jetzt, bei der Seebrücke, sei es das erste Mal, „dass ich so intensiv an etwas arbeite“.

Bündnis „Seebrücke": Private Seenotrettung darf nicht kriminalisiert werden

Das habe neben der Dringlichkeit des Themas auch damit zu tun, dass sie die Forderungen des zivilgesellschaftlichen Bündnisses, das bundesweit von etwa 80 Initiativen und NGOs getragen wird, für das absolute Minimum halte, wenn man es mit den Menschenrechten von Flüchtlingen ernst meine: Private Seenotrettung dürfe nicht kriminalisiert werden, Kommunen sollten sich bereiterklären, gerettete Menschen aufzunehmen – und es brauche sichere Routen und eine Bleibeperspektive für Geflüchtete. 

Denn dass Menschen in Seenot alleingelassen und Retter behindert würden, dass allein 2018 mehr als 2200 Menschen im Mittelmeer ertrunken seien, sei ein unhaltbarer Zustand. „Es ist vollkommen menschenrechtsfeindlich, was da passiert“, empört sich Maheswaran.

Auch Burkard Lang ist im vergangenen Sommer zur Seebrücke gekommen. Ihn fasziniere die Breite des Bündnisses, die von linken bis hin zu kirchlichen Gruppen reiche, sagt der 54-Jährige, der in Frankfurt als Grafiker und Webdesigner arbeitet. 

„Das macht ja auch einen Teil der breiten Akzeptanz der Seebrücke aus.“ Bei der Frankfurter Ortsgruppe – im Kern etwa 30 Leute mit einem größeren Dunstkreis – arbeiteten viele Menschen mit, die noch nie zuvor politisch aktiv gewesen seien. Und in den Treffen und Arbeitsgruppen bringe jeder das ein, was er gut könne, sagt Lang, zum Teil mehrere Stunden am Tag, „zum Teil auch bis zur Belastungsgrenze“.

„Seebrücke“: Sowmya Maheswaran und Burkard Lang macht die Arbeit Spaß

Trotz der vielen Arbeit für die Webseite, die Social-Media-Kanäle, Gespräche mit Politikern oder für die nächsten Protestaktion mache das Engagement für die Seebrücke auch Spaß, sagt Lang. Erstens lerne man ständig spannende Leute kennen. Und: 

„Wir kämpfen ja nicht nur für die Geflüchteten, wir kämpfen auch für uns selbst, für die Welt, in der wir leben wollen.“ Denn er stelle sich auch für sich selbst eine Gesellschaft vor, „in der niemand Angst haben muss, weil er woanders herkommt oder anders aussieht“. In diesem Sinne, sagt Lang, hoffe er auch, zum Kampf gegen rechte politische Kräfte beizutragen.

Dieser Tage sorgt die Seebrücke wieder für viel Gesprächsstoff in Frankfurt. Nachdem Aktivistinnen und Aktivisten vor gut zwei Wochen die Alte Brücke besetzt und den Schiffsverkehr auf dem Main lahmgelegt haben, um auf die verzweifelte Lage im Mittelmeer hinzuweisen, greift die Lokalpolitik erneut die Forderung des Bündnisses auf*, Frankfurt solle sich zum „sicheren Hafen“ für aus Seenot gerettete Flüchtlinge erklären. In Hessen haben das schon Darmstadt, Marburg, Kassel und Wiesbaden getan, bundesweit mehr als 80 Städte.

Wird Frankfurt zum „sicheren Hafen“ erklärt?

Am Donnerstag steht das Thema erneut auf der Tagesordnung im Römer und sorgt gleichzeitig für Streit in der Römer-Koalition aus CDU, SPD und Grünen, die in dieser Frage uneinig ist. Selbstverständlich wäre es nur ein symbolischer Schritt, wenn Frankfurt sich zum „sicheren Hafen“ erklären würde, sagt Burkhard Lang. Aber er sei notwendig, „um Druck auf die hessische Landesregierung auszuüben, und von dort aus weiter auf die Bundesregierung“. 

Wenn eine breite kommunale Solidaritäts-Bewegung entstehe, falle ein zentrales Argument gegen die Aufnahme von geretteten Schiffsbrüchigen weg, ergänzt Sowmya Maheswaran: Dass die Städte mit noch mehr Schutzsuchenden überfordert seien. Die Bewegung der „sicheren Hafenstädte“ sei ein Zeichen der Zivilgesellschaft, sagt Lang – die sei nämlich weiterhin sehr engagiert für Flüchtlinge, obwohl die Staaten der EU zunehmend auf Abschottung setzten.

Auch wenn die konkreten Erfolge der Seebrücke bisher eher klein sind und der Ausgang der Debatte in der Stadtverordnetenversammlung ungewiss: An Motivation mangelt es Lang und Maheswaran nicht. Das ist ihnen deutlich anzumerken. 

Dass die Seebrücke etwas erreiche, merke man schon am großen Zuspruch, an den vielen Gesprächsanfragen von Schulklassen, sagt Lang. „Man muss schon sagen, wir bewegen was im öffentlichen Bewusstsein.“ Maheswaran nickt. Etwas anderes als Weitermachen komme nicht in Frage. „Es wäre keine Alternative, zu sagen, das bringt nichts und wir hören auf“, sagt sie. „Dazu ist die Lage im Mittelmeer auch zu gravierend.“

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