Michael Guntersdorf will, dass auch junge Architekten beim Neubau eine Chance bekommen.

Zukunft der Städtischen Bühnen

„Das Bühnengebäudeist am Ende“

  • Claus-Jürgen Göpfert
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Frankfurt: Michael Guntersdorf, Chef der städtischen Stabsstelle, fürchtet, Vorstellungen könnten wegen Mängeln ausfallen. Er fordert eine schnelle Entscheidung über den Neubau.

Das Frankfurter Stadtparlament hat beschlossen, dass die Städtischen Bühnen neu gebaut werden sollen. Doch über den Ort des Neubaus streiten die Politiker heftig. Michael Guntersdorf, der Leiter der städischen Stabsstelle zur Zukunft der Bühnen, ist der Meinung, dass keine Zeit mehr verloren werden darf. Denn die heutige Theater-Doppelanlage am Willy-Brandt-Platz sei kaum noch arbeitsfähig.

Herr Guntersdorf, die Kommunalpolitik in Frankfurt hat sich für einen Neubau der Städtischen Bühnen entschieden. Dabei sorgen die berechneten Kosten von fast 900 Millionen Euro für erhebliche Aufregung. Warum sind die Kosten so hoch?

Weil wir über die gesamte Investition reden. Diese enthält nicht nur die reinen Baukosten, die bei knapp 500 Millionen Euro liegen, sondern wir haben Risikozuschläge berücksichtigt, außerdem die Kosten für Interims-Lösungen und Umzüge. Auch Zinsen haben wir bereits eingerechnet.

Es sind schon eingerechnet Interimsgebäude, in die Oper oder Schauspiel während Bauarbeiten einziehen müssten?

Ja, wir haben den Worst Case kalkuliert. Dazu gehört auch die Steigerung der Baupreise.

Dennoch gibt es öffentliche Plädoyers, die sagen, es sei vollkommen unverständlich, was da in Frankfurt geschehe. Man könne mit wesentlich weniger Geld auskommen wie etwa bei der Sanierung des Theaters in Darmstadt, die nur 70 Millionen Euro gekostet habe.

Wir reden hier nicht über eine Kleinkunst-Bühne oder über ein kleines Theater. Wir reden über ein wirklich großes Schauspiel und eine wirklich große Oper. Diese Bauten kosten viel Geld, wegen der Sicherheitsvorkehrungen, wegen der Technik. Es geht um den Bau eines mittelgroßen Unternehmens mit 1200 Arbeitsplätzen.

Auch die Werkstätten und die Probebühnen sind einbezogen?

Ja, und auch die Verwaltung. Wir kommen auf Baukosten von 6000 Euro pro Quadratmeter.

Ist ein Grund für die Kosten auch die Vielzahl von Vorschriften für das Bauen, die zuletzt sehr verschärft wurden, gerade beim Brandschutz?

Ja. Der Brandschutz ist ein großes Thema. Wenn ich eine Vorstellung habe, bei der 1600 Menschen im Saal sitzen, und die müssen auf einmal flüchten können, brauche ich entsprechende Vorkehrungen. Dazu kommen Anforderungen der Klimatechnik: Das braucht Platz, das braucht Fläche.

Öffentliche Bauten in Frankfurt verzögern sich gerade erheblich, das gilt für das Jüdische Museum, aber auch für das neue Romantikmuseum. Sind solche Faktoren einberechnet: Explodierende Preise auf einem überhitzten Baumarkt, es gibt keine Maschinen, es gibt keine Arbeiter?

Das ist ein grundsätzliches Problem. Es ist aber in unsere Berechnungen eingeflossen. Wenn es gutgeht, sind wir in diesem Jahrzehnt mit den neuen Bühnen fertig. Wir planen zuerst fertig und erst dann bauen wir. Anders als in Hamburg bei der Elbphilharmonie, die während des Bauens umgeplant wurde.

Und die sich im Preis dann verzehnfacht hat von 77 auf 770 Millionen Euro.

Diese letzte Zahl ist eine schöngerechnete Zahl. Die tatsächlichen Kosten liegen bei mehr als einer Milliarde Euro. Das wissen wir von Insidern. Genau das soll uns in Frankfurt nicht passieren. Wir brauchen deshalb einen politischen Konsens.

Es gibt ein verlockendes Projekt, das die CDU vorschlägt: Neubau der gesamten Bühnen im Osthafen auf dem städtischen Grundstück Mayfarthstraße 14, das heute an den Baustoffhandel Raab-Karcher verpachtet ist. Man würde dadurch alle Interimskosten sparen und aus dem Altbau am Willy-Brandt-Platz direkt in den Neubau im Hafen umziehen. Wäre das nicht toll?

Es ist nicht die Aufgabe der Stabsstelle, einen Ort für die Bühnen vorzuschlagen. Für uns ist aber wichtig, dass die Städtischen Bühnen in Zukunft zentral liegen.

FR-Stadtgespräch

Unter dem Titel „Städtische Bühnen – alles neu, alles gut?“ lädt die FR für Dienstag, 18. Februar, zu einer
Podiumsdiskussion über die Zukunft von Oper und Schauspiel.

Auf dem Podiumim Museum Angewandte Kunst (MAK) in Frankfurt, Schaumainkai 17, diskutieren:
Alexandra Stampler-Brown,
Geschäftsführende Direktorin der Deutschen Oper am Rhein, Düsseldorf-Duisburg, Ina Hartwig (SPD),
Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt, Jan Schneider (CDU), Baudezernent der Stadt Frankfurt, und Torsten Becker, Stadtplaner und Vorsitzender des Städtebaubeirates in Frankfurt.

Es moderierendie FR-Redakteure Claus-Jürgen Göpfert und Florian
Leclerc.

Beginn istum 19 Uhr, Einlass ist ab 18.30 Uhr.

Der Eintrittzu der Veranstaltung ist frei. 

Es gibt eine U-Bahn zum Ostbahnhof und eine Straßenbahn auf der Hanauer Landstraße.

Ich glaube nicht, dass das Publikum in Abendkleidung bei Wind und Wetter diese Straßenbahn nutzt, die doch in einiger Entfernung zum Theatergebäude liegen würde. Wenn es nur darum ginge, möglichst billig zu bauen, könnte ich am Kaiserlei-Kreisel bauen, das wäre noch günstiger. Die Bühnen gehören in die Innenstadt. Es verbietet sich außerdem meiner Ansicht nach, das städtische Grundstück am Willy-Brandt-Platz meistbietend zu verkaufen.

Sie plädieren dafür, dass die Bühnen in der Innenstadt bleiben. Es gibt ja Vorschläge, gegenüber der Alten Oper am Opernplatz eine neue Oper zu errichten. Ein anderer Vorschlag hieß, auf der anderen Seite des Willy-Brandt-Platzes gegenüber der heutigen Theater-Doppelanlage zu bauen.

Ich halte diese Vorschläge für überlegenswert. Es ist wichtig, dass sie konkret untersucht werden. Solange das nicht geschieht und wir ständig diskutieren, verlieren wir noch mehr Zeit. Diese Zeit haben die Städtischen Bühnen nicht mehr. Dieses Gebäude ist am Ende.

Könnte es jederzeit geschehen, dass eine Premiere abgebrochen werden muss, weil ein Wasserrohr bricht, der Strom ausfällt?

Diese Gefahr ist riesengroß. Wir haben serienweise Ausfälle von Technik. Die Bühnen halten den Betrieb gerade noch so am Leben.

Ist es richtig, dass es für viele technische Anlagen des heutigen Gebäudes von 1963 keine Ersatzteile mehr gibt?

Ja. Das trifft zu. Viele der Anlagen dürften absehbar nicht mehr betrieben werden.

Welche zum Beispiel?

Die gesamte Elektrik. Die Elektrozentralen entsprechen dem Standard der 1950er Jahre. Der Brandschutz ist auf Dauer nicht gewährleistet.

Es soll durch das Dach hereinregnen.

Das Dach ist marode. Bei Starkregen kann sich das Dach durch die Wasserlast verformen. Auch die Fassade ist kaputt, wir haben zum Beispiel riesige Glasscheiben, die jetzt gesprungen sind, weil die Konstruktion einfach müde ist.

Sie sagen, wir brauchen jetzt eine Entscheidung darüber, dass in der Innenstadt gebaut wird. Der nächste Schritt wäre dann ein internationaler Wettbewerb?

Wir schaffen jetzt die Voraussetzungen für einen solchen Wettbewerb und aktualisieren das Raumprogramm.

Wollen Sie einen offenen internationalen Wettbewerb oder wollen Sie einige Star-Architekten einladen?

Junge Architekten müssen eine Chance bekommen. Ich plädiere für eine Mischung von jungen und arrivierten Architekten. Es macht keinen Sinn, einen völlig offenen Wettbewerb auszuschreiben. Da bekommen sie 3000 Vorschläge von Leuten, von denen viele keine Ahnung von den Gegebenheiten in Frankfurt haben.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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