Sebastian Popp kann sich ein Theater auf Stelzen vorstellen.  
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Sebastian Popp kann sich ein Theater auf Stelzen vorstellen.  

Oper und Schauspiel

Bühnen in Frankfurt: „Fragezeichen beim Standort Neue Mainzer“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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  • Florian Leclerc
    Florian Leclerc
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Der Grünen-Fraktionschef Sebastian Popp über die Zukunft der Städtischen Bühnen und architektonische Anforderungen.

Sebastian Popp (56) führt seit vergangenem Jahr gemeinsam mit Jessica Purkhardt die Fraktion der Grünen im Römer. Der geschäftsführende Gesellschafter einer Filmproduktionsfirma ist auch kulturpolitischer Sprecher der Fraktion und verfügt über langjährige politische Erfahrung. Schon von 1989 bis 1993 gehörte er zum ersten Mal dem Stadtparlament an. 

Herr Popp, die Grünen im Römer haben in ihrer Fraktionssitzung ihre Haltung zur Zukunft der Städtischen Bühnen bestimmt.
Es ist die einhellige Meinung der Grünen-Fraktion, dass der Willy-Brandt-Platz eine großartige Theatertradition hat, an die wir anknüpfen wollen. Auf dieser Grundlage werden wir jetzt die drei Varianten für einen Neubau der Städtischen Bühnen prüfen. Da ist zum einen die Option, die Bühnen auf dem Grundstück der heutigen Theaterdoppelanlage am Willy-Brandt-Platz zu errichten. Zum Zweiten gibt es die Variante, die Oper auf dem heutigen Bühnenareal neu zu bauen und das Schauspiel auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes, die sogenannte Spiegelvariante. Und schließlich gibt es die Version eines Neubaus der Oper an der Neuen Mainzer Straße und des Schauspiels am östlichen Rand des Willy-Brandt-Platzes. Hier erwarten wir jetzt Prüfungsergebnisse der Stabsstelle zur Zukunft der Bühnen und werden Fragen zu Kultur, Umwelt und Planung für eine vertiefende Untersuchung vorlegen.

Was ist mit dem Vorschlag der CDU, die Bühnen komplett im Osthafen, auf dem Raab-Karcher-Grundstück, zu bauen?
Diesen Vorschlag halten wir für erledigt. Er sollte nicht weiterverfolgt werden.

Die Spiegelvariante und der Neubau der Oper an der Neuen Mainzer Straße greifen in das geschützte Grün der Wallanlagen ein. Ist das mit den Grünen zu machen?
Für uns gilt: Es kann einen Eingriff in die Wallanlagen nur dann geben, wenn sich deren Fläche insgesamt vergrößert. Aber auch die Umsetzung der Klimaallianz und Antworten zu den energetischen und umweltspezifischen Fragestellungen sind für uns zentral.

Das wäre zum Beispiel beim Neubau der Oper an der Neuen Mainzer Straße, wie ihn die Kulturdezernentin vorschlägt, der Fall, weil das heutige Operngrundstück den Wallanlagen zugeschlagen werden könnte.
Das gilt ebenso für die Spiegelvariante. Der Standort an der Neuen Mainzer ist für uns mit vielen Fragezeichen und offenen Fragen verbunden. Die Neue Mainzer Straße dürfte keine vielbefahrene Autorennstrecke bleiben, sie müsste ihren Charakter verändern. Hier müssen dann auch Verkehrskonzepte auf den Tisch. Die Computersimulationen, die Ina Hartwig von der neuen Oper gezeigt hat, sind sehr schön und sehr glatt, geradezu poliert. Und wenn der Architekt Christoph Mäckler, der die städtebauliche Studie verfasst hat, im Interview mit der FR großkronige Bäume dort oder auf dem Willy-Brandt-Platz fordert, dann muss ich sagen: Herr Mäckler weiß eigentlich genau, dass das nicht geht. Dafür sind zu viele Leitungen im Untergrund.

Mäckler schlägt an der Ecke des Willy-Brandt-Platzes hin zur Neuen Mainzer Straße ein 50 Meter hohes Hochhaus vor.
Für uns Grüne gilt: Wir wollen auf dem Platz Kultur pur, keine sonstigen Gebäude, keinen Raum für wirtschaftliche Spekulation. Es gibt andere Fragen, die für uns aber sehr wichtig sind: Wie werden die Bürgerinnen und Bürger in die konzeptionellen Entscheidungen eingebunden? Wir wollen auch, dass das Ballett wieder eine Sparte der Städtischen Bühnen wird, wie es das bis 2004 war. Es war ein großer kulturpolitischer Fehler, die eigenständige Sparte Ballett einzusparen.

Teilen Sie die Einschätzung, dass das Ballett an Stellenwert verloren hat in den zurückliegenden Jahren?
Der Tanz hat verloren, seit er nicht mehr eine Sparte der Städtischen Bühnen ist. Und er hat noch einmal verloren, als der frühere Intendant William Forsythe den Staffelstab weitergegeben hat.

Es gibt eine Initiative von mehr als 5000 Personen aus der Kulturszene, die fordern, dass wichtige Teile der alten Theaterdoppelanlage wie etwa das Wolkenfoyer erhalten bleiben.
Der kulturhistorische Rang des alten Gebäudes steht für uns Grüne außer Frage. Die Bühnen waren der Schauplatz des Mitbestimmungsmodells, mit dem der damalige Kulturdezernent Hilmar Hoffmann in den 70er Jahren Furore gemacht hat. Sie waren der Schauplatz der Auseinandersetzung um das Fassbinder-Stück „Die Stadt, der Müll und der Tod“ in den 80er Jahren. Ich bin an der Seite von Ina Hartwig, dass das Wolkenfoyer in einen Neubau integriert werden muss, in welcher Form auch immer. Der Neubau muss aber auch den ökologischen Anforderungen des Klimawandels Rechnung tragen. Und er muss architektonisch innovativ sein. Die Computersimulationen, die jetzt zu sehen waren, zeigten eine eher konventionelle und konservative Architekturauffassung. Hier müssen junge Architekturbüros her. Ich könnte mir auch ein Theater auf Stelzen über einer Grünfläche vorstellen.

Die Fachleute sagen, der technisch marode Altbau der Städtischen Bühnen hält maximal noch zwei Jahre durch. Dann ist der Betrieb kaum noch aufrechtzuerhalten. Muss die Politik jetzt nicht Tempo aufmachen?
Wir Grüne können schnell entscheiden, wenn unsere Fragen beantwortet sind; auch vor der Kommunalwahl 2021. Die Zukunft der Bühnen ist kein Wahlkampfthema! Die Debatte überlagert alle anderen wichtigen kulturpolitischen Themen, gerade in der für viele Künstler*innen extrem bedrohlichen Corona-Zeit.

Gehört aus Sicht der Grünen auch das English Theatre im Gallileo-Hochhaus zur künftigen Kulturszene in der Innenstadt?
Ja. Hier muss die Dezernentin Gespräche führen, wie das English Theatre zu sichern ist. Wir Grüne fordern seit langem, dass für die Privattheater endlich ein Entwicklungsplan aufgestellt wird. Das English Theatre besitzt große Bedeutung als größte englischsprachige Bühne Kontinentaleuropas.

Wenn die Commerzbank die Bühne nicht mehr subventioniert, kann dann die Stadt einspringen?
Wir stehen vor erheblichen finanziellen Herausforderungen im Herbst infolge von Corona. Wir müssen das prüfen.

Der Oberbürgermeister sagt, die Zukunft der Städtischen Bühnen sei jetzt kein Thema.
Während zugleich die Kulturdezernentin und der Planungsdezernent Konzepte vorlegen. Die Position des OB ist schon wunderlich.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert und Florian Leclerc

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