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Auf der Bühne der Kunst

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Mehr als 5000 Arbeiten hatte er in seinem Haus angesammelt.
Mehr als 5000 Arbeiten hatte er in seinem Haus angesammelt. © Renate Hoyer

Der Frankfurter Maler und Autor Ferry Ahrlé war ein notorischer Optimist. Jetzt ist er im Alter von 93 Jahren gestorben - ein Nachruf.

In seinem kleinen Haus sucht das Auge Halt. Und der Körper ringt ums Gleichgewicht. Bis unters Dach hat der Künstler Decken und Wände mit Ornamenten und Arabesken bedeckt. Überall Gemälde und Grafiken verschiedenster Formate. Mittendrin wuselt er selbst umher, ein kleiner, weißhaariger Mann, stets im charakteristischen Rollkragenpullover. Zeigt jüngste Porträts, gerade hingeworfene Zeichnungen. Und öffnet die Skizzenbücher aus 70 Jahren Arbeit, in denen sich mehr als 8000 Porträts finden.

Er lacht. Er ist ein notorischer Optimist. Nie spricht er über den Tod, auch im hohen Alter nicht. Er arbeitet weiter. Überhaupt scheint alles immer weiterzugehen. „Jahre wie Tage“ heißt die 2015 erschienene Biografie. Und jetzt ist doch ein Ende erreicht. Im Alter von 93 Jahren ist Ferry Ahrlé gestorben. 

Mitte der 50er war der Sohn des berühmten deutschen Grafikers René Ahrlé nach Frankfurt gekommen, aus Berlin. Der Vater hatte ihm brutal seinen sehnlichsten Wunschtraum zerstört, Schauspieler zu werden. Als er kurz vor der ersten Premiere stand, rief sein Vater beim Theater-Direktor an und sagte ab. Die Worte hat er auch als alter Mann nicht vergessen: „Mein Sohn ist Maler.“ 

Schon in Berlin hatte er sich als Zeichner einen Namen gemacht, mit Porträts des ersten Magistrats in der sowjetisch besetzten Zone: „Männer des Wiederaufbaus“. In West-Berlin illustriert er die Programme des Kabaretts „Die Stachelschweine“. 

Seine künstlerische Berufung aber findet er in der Porträt-Skizze, in der Fähigkeit, mit wenigen Strichen Menschen zu charakterisieren. Wer in seinen Skizzenbüchern blättert, stößt auf viele treffende An- und Einsichten: Von Marianne Hoppe bis Erika Pluhar, von Karlheinz Böhm bis Yehudi Menuhin. In den 70er bis 90er Jahren tritt er in Fernsehserien auf, etwa unter dem Motto: „Sehr ähnlich, wer solls denn sein?“ So wird er populär in ganzen Generationen.

Die Stadt Frankfurt aber gerät zu seiner entscheidenden Bühne, auf der er immer wieder hinreißende Auftritte inszeniert. „Der Ferry“ lädt zu „Künstlerabenden“ in sein Haus im Dichterviertel, sammelt einen Kreis von Freunden um sich, aus der Politik, aus der Kulturszene. 

Da kommt der Oberbürgermeister Rudi Arndt (SPD) ebenso wie sein Nachfolger Walter Wallmann (CDU), da ist Kulturdezernent Hilmar Hoffmann (SPD) präsent, aber auch der Liedermacher Dieter Dehm („Lerryn“). Einmal bewegt es den Künstler Ahrlé selbst zum politischen Auftritt.

Anfang der 90er Jahre gründet er, aus Verärgerung über das mangelnde Niveau und den vermeintlichen Stillstand in der Kommunalpolitik, die „Bewegung Deutsche Mitte“ und tritt 1993 als OB-Kandidat in Frankfurt am Main an. Aber da ziehen die Leute nicht mit: Nur 8000 Stimmen. 

Egal. Ahrlé ist ein Leben lang stolz darauf, es allen gezeigt zu haben. Man muss sein Ding machen, selbstständig und unabhängig sein, das ist und bleibt sein Motto. Er kann mit der subventionierten Kunstszene nichts anfangen, mit Einrichtungen wie der Städelschule: „Wenn van Gogh subventioniert worden wäre, hätte er sich noch das zweite Ohr abgeschnitten!“

Dabei hat er selbst von seiner Ausbildung an der Berliner Hochschule für Bildende Kunst ein Leben lang profitiert. Aber es ist Ahrlés Talent, das ihn mühelos unterschiedliche Herausforderungen meistern lässt. Das gilt für Aktzeichnungen ebenso wie schon in den 50er Jahren in Frankfurt für Plakate expressionistischer Filme. Damals zeichnet er auch Werbung für die Frankfurter Rundschau (siehe Foto rechts).

In den 60er Jahren lebt er für einige Zeit in Paris. Aus dieser Zeit stammen seine künstlerisch ehrgeizigsten Arbeiten, Gemälde und Zeichnungen, die nichts Leichtes und Gefälliges haben. 1965 gewinnt er in Frankreich den Grand Prix International des Dessins. Doch er bleibt nicht in der französischen Hauptstadt, sondern kehrt auf seinen angestammten Schauplatz zurück, nach Frankfurt. 

Er leidet darunter, dass seine Stadt in den 70er Jahren bundesweit so einen schlechten Ruf hat, als kaltherzige Stadt des Kapitals („Bankfurt“) geschmäht wird. Die Architektur der Nachkriegs-Moderne findet seinen Gefallen nicht. Schon 1971 zeichnet der liberale Konservative den Römerberg, wie er ihn sich wünscht: Da wird der Platz nach Osten hin von einer Zeile von Fachwerkhäusern geschlossen. Die Ansicht ähnelt verblüffend dem heutigen Panorama. Er zeigt den Entwurf dem späteren OB Arndt, der ihn gutheißt. Doch die SPD-Mehrheit im Frankfurter Rathaus wird 1977 abgewählt. Und es ist der CDU-OB Wallmann, der die Römerberg-Ostzeile 1983 einweiht. 

Erst nach dem Untergang der DDR und der Wiedervereinigung nähert sich der Künstler Ahrlé wieder Berlin an. Er bezieht in der Hauptstadt eine zweite Wohnung, beginnt dort auch künstlerisch zu arbeiten. Das Kult-Restaurant Lutter&Wegner am Gendarmenmarkt etwa schmückt er mit 100 Bildmotiven zu Leben und Werk des Komponisten E.T.A. Hoffmann. Aber Frankfurt bleibt sein Zuhause. Der begnadete Selbstdarsteller mischt sich immer wieder ein, er kann es nicht lassen. Er protestiert dagegen, dass die Stadt Frankfurt in seinen Augen das altehrwürdige Volkstheater nicht gebührend unterstützt.

Mit der Rekonstruktion von Häusern der untergegangenen Altstadt zwischen Dom und Römer kann er wenig anfangen - der Künstler hält es für falsch, zu städtebaulichen Maßstäben des Mittelalters zurückzukehren, mit engen Gassen, kleinen Plätzen. 

Längst hat der Porträtist an repräsentativen Orten der Stadt seine Spuren hinterlassen. In der Galerie der Oberbürgermeister im Römer hängt sein Bild von Walter Möller, im Schauspiel das Gemälde des Generalintendanten Harry Buckwitz. 

Ja, die Jahre von Ferry Ahrlé sind wie Tage vergangen. Und er hat doch auf der Bühne gestanden, auf der Bühne seiner Kunst. 

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