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Ein Blick auf die Videoarbeit von Bertrand Flanet.

Ausstellung

Bühne frei für die neue Generation

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Der Kunstverein präsentiert erstmals acht junge Akteure aus Frankfurt und Offenbach in einer Schau, die es künftig alle zwei Jahre gibt.

Dieser Raum lässt den Besucher nicht los. Die Wände scheinen wie geborsten, aufgerissen, aus den Fugen quillt Dämmwolle. Im Inneren ragt schräg ein weiteres Mauerstück dem Betrachter entgegen. Mittendrin steht Max Geisler mit prüfendem Blick. Der Absolvent der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach legt letzte Hand an den Raum im Raum, den er im Frankfurter Kunstverein am Römerberg inszeniert. „Es ist ein kontrollierter Akt der Zerstörung“, sagt er, spricht zugleich von „eingefrorener Bewegung“. Der 29-jährige ist einer von acht jungen Künstlerinnen und Künstlern, die vom 2. März an ihre Arbeiten zeigen.

„And this is us: Junge Kunst aus Frankfurt“ lautet der selbstbewusste Titel der Schau, die tatsächlich eine Premiere darstellt: Zum ersten Mal bietet der traditionsreiche Kunstverein jungen Akteuren aus Stadt und Region so umfassend eine Bühne. In acht Räumen öffnet sich das gesamte Gebäude für sie; das gab es noch nie. „Ein Signal, dass für uns der künstlerische Nachwuchs wichtig ist“, sagt Franziska Nori, die Direktorin des Hauses. „Wir stehen dafür, dass wir die nachwachsende Generation präsentieren.“

Max Geisler von der Hochschule für GEstaltung in Offenbach inmitten seines selbstgeschaffenen Raums im Raum.

Seit November 2014 leitet die heute 50-Jährige die Institution im Herzen Frankfurts. Und die in Rom geborene deutsch-italienische Kunsthistorikern hat sie buchstäblich entstaubt. Hat seither mit außergewöhnlichen Ausstellungen den Zuspruch des Publikums gesteigert.

Und nun also lädt sie acht junge Künstlerinnen und Künstler aus der Städelschule in Frankfurt und der Hochschule für Gestaltung in Offenbach ein, ihre Positionen zu zeigen: Viviana Abelson, Jonas Brinker, Bertrand Flanet, Max Geisler, Hanna-Maria Hammari, Christian Leicher, Wagehe Raufi und Catharina Szonn.

Dieser Schau ging ein sorgfältiger Auswahlprozess voraus. „Ich habe 40 Ateliers besucht“, sagt Nori. Aus diesem Kreis bestimmte die Kuratorin am Ende die Acht, mit denen sie jetzt arbeitet.

Max Geisler schuf seinen Raum im Raum „mit Brecheisen und Hammer“. Er versteht sich als Maler, doch seit einiger Zeit sind seine Arbeiten in die dritte Dimension gewachsen. Die Farben, mit denen er die Wände versieht, stehen für ihn für die vergangene Zeit inmitten der Dynamik, die er gestaltet.

Catharina Szonn inmitten ihrer kinetischen Plastik.

Durch die künstlich gerissenen Löcher fällt der Blick auf die neue Altstadt zwischen Dom und Römer, die seltsam surreal erscheint. Die Direktorin und der Künstler haben sich entschieden, den Raum nachts auszuleuchten, sodass sich dem Besucher der Altstadt hinter der Fensterfront noch einmal eine neue Welt eröffnet.

Ein anderer Raum. Eine große Projektionswand. Der Besucher wird in eine weite Landschaft hineingesogen, durch die er sich mit hoher Geschwindigkeit vorwärtsbewegt, kurz über dem Boden. Die rasende Fahrt führt zu einem auf der Erde liegenden Körper, der seltsam amorph scheint, bedrohlich wirkt, ein Monster sein könnte. Doch es gibt keine Attacke. Bertrand Flanet, Meisterschüler der Städelschule, nutzt für seine Arbeit ein Ego-Shooter-Videospiel, das er weiterentwickelte.

Eine melancholische Inszenierung, die der 32-Jährige mit Texten begleitet, die auf Stoffbahnen vom Kampf eines Jungen mit Fabelgestalten erzählen.

Alle acht Ausgewählten bekamen einen kleinen Etat, um ihre Räume zu gestalten. Ermöglicht hat die Ausstellung die Dr.-Marschner-Stiftung. Mit ihr hat Franziska Nori vereinbart, dass die Schau mit junger Kunst aus Stadt und Region künftig alle zwei Jahre organisiert wird. „Das ist ein guter Rhythmus, und der Bedarf in der Stadt ist absolut da.“

Viviana Abelson, Meisterschülerin der Städelschule.

Szenenwechsel. Im Erdgeschoss hat Catharina Szonn direkt im Eingangsbereich eine große kinetische Maschinenplastik aufgebaut, die einfach fasziniert. Aus einem alten, ausgemusterten Heugebläse vom Bauernhof schuf sie mit zusätzlichen Rohrfragmenten, aber auch aus Abfall wie weggeworfenen Einwegverpackungen und Kartons eine Konstruktion, die zu leben und zu atmen scheint. Alle 30 Minuten springt das künstliche Wesen mit wütendem Geratter an.

Die Künstlerin füttert es mit Papier, das durch das Gebläse eingesaugt wird. „Es entsteht ein geschlossener Kreislauf, in dem sich alles zerkleinert“, sagt sie. Der 31-jährigen Studentin der Hochschule für Gestaltung kommt es darauf an, dass dieser Prozess „immer schmerzhafter“ wird: „Man betrachtet es dann respektvoller.“ Und stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit des scheinbar ungebrochenen technischen Fortschritts. Szonn, die auch schon Gaststudentin in Wien und Reykjavik war, versteht ihren Auftritt auch als „großen Sprung“ für ihre weitere Entwicklung. Sie plant als nächstes eine Arbeit „mit Betonmischern“.

Unten, im Tiefgeschoss des Gebäudes, wartet der Wolf. Wie kein anderes Tier dient er derzeit in Deutschland als Projektionsfläche auch für Ängste. Je mehr Wölfe von Osteuropa her einwandern, werden sie von Politikern in den östlichen Bundesländern oder in Bayern zur Profilierung missbraucht. Jonas Brinker, Meisterschüler der Städelschule, stellt in seiner Videoarbeit eine Entwicklung dar: Wie das wilde Tier langsam zum Objekt der Betrachtung durch den Menschen wird.

Direktorin Franziska Nori fiebert mit beim Aufbau.

Gefilmt hat der 29-Jährige in einem Wolfsgehege bei Hannover mit einem Tier, das genau diesen Prozess gerade durchmacht. Zu sehen sind die Bewegungen des Wolfs vor einem Greenscreen.

Szenenwechsel. Unterm Dach arbeitet Viviana Abelson an ihren Skulpturen. Die Meisterschülerin der Städelschule bringt Formen aus Gummi buchstäblich in ein Spannungsverhältnis mit Stahl. In Gesprächen mit dem Publikum werden die Künstlerinnen und Künstler ihre Positionen erläutern. „Mir ist es wichtig, dass sie zu Wort kommen“, sagt Franziska Nori.

Die Ausstellung

„And this is us“ – junge Kunst aus Frankfurt“, ist der Titel der Ausstellung, die vom 2. März bis zum 12. Mai im Frankfurter Kunstverein, Steinernes Haus am Römerberg, Markt 44, zu sehen ist.

Die Öffnungszeiten sind dienstags bis sonntags von 11 bis 19 Uhr und donnerstags von 11 bis 21 Uhr. Montags bleibt das Haus geschlossen.

Der Eintritt kostet acht Euro.

Künstlergespräche gibt es jeweils um 19 Uhr mit Jonas Brinker (7. März), Max Geisler (14. März), Catharina Szonn (21. März), Wagehe Raufi (28. März), Hanna-Maria Hammari (4. April), Viviana Abelson&Christian Leicher (11. April) und Bertrand Flanet (25. April).

Öffentliche Führungen sind am 3., 17. und 31. März sowie am 14. und 28. April und am 12. Mai je um 14 Uhr. Am 31. März führt Kuratorin Franziska Nori.

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