Regisseur David Bösch (m.) leitet die Proben am langen Tisch.
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Regisseur David Bösch (m.) leitet die Proben am langen Tisch.

Kultur

Auf Bühne in Frankfurt wird nur noch verbal geküsst

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Ein Besuch bei den Proben des Schauspiels Frankfurt für das Corona-Theater.

Draußen donnern Schwerlastwagen über die staubigen Straßen des Fechenheimer Industrieviertels. Doch hier drinnen im Halbdunkel der Halle herrscht konzentrierte Stille. Zutritt ist nur mit Mund-Nasen-Bedeckung erlaubt. Zwei junge Frauen umkreisen sich wie im Tanz, ein intensiver Dialog, manchmal ein Hänger im Text, bei dem die Regieassistentin nachhelfen muss. Eines fällt sofort ins Auge: Auch die Schauspielerinnen tragen einen transparenten Mundschutz vor dem Gesicht. Theater in Zeiten der Corona-Pandemie: Was das bedeutet, erkundet gerade das Ensemble von Schauspiel Frankfurt. Die Proben haben begonnen für „Wie es Euch gefällt“ von William Shakespeare. Die Generalprobe ist im Juli geplant, die Premiere „im Herbst“, so Regisseur David Bösch vage.

Die Pandemie erzwingt eine Ungewissheit, die ungewöhnlich ist für den durchstrukturierten Betrieb der Städtischen Bühnen. Und eine Beschränktheit der Mittel, an die sich hier niemand, der am langgestreckten Tisch mit den Textbüchern sitzt, gewöhnen möchte. „Bloß nicht dauerhaft runterfahren“, sagt Bösch in beschwörendem Ton. „Das darf nicht sein.“ Auch Sarah Grunert, seit 2017 im Ensemble, hofft darauf, bald wieder „aus dem Vollen schöpfen“ zu können.

Aber erst einmal sind alle froh, überhaupt wieder zu spielen nach Monaten der Zwangspause. Seit voriger Woche ist das Team zusammen, erst einmal nur „am Tisch“, eng am Text, Proben in Kostümen sind laut Pandemie-Regeln zurzeit ohnehin nicht möglich.

Einmal haben sich alle „online getroffen“, dann kamen sie auf der Fechenheimer Probebühne zusammen. Und sie nehmen die Herausforderung der Pandemie an. Der Regisseur hat seine Inszenierung verändert. „Das Theater muss reagieren.“ Es gibt jetzt Doppelrollen, um die Zahl der Akteure auf der Bühne zu begrenzen. Wobei Schauspiel Frankfurt privilegiert ist: Es besitzt eine der größten Stadttheater-Bühnen Europas, mit einer mit einer Breite von 24 Metern und einer Tiefe von 20 Metern.

Die Schauspielerinnen Sarah Grunert und Agnes Kammerer (r.) mit Schutzmasken bei Probenarbeiten.

Auf dieser großen Fläche arbeitet Bösch jetzt „sehr stark mit Zweierkonstellationen“. Wie in der eben geprobten Szene, in der sich die Schauspielerinnen Sarah Grunert und Agnes Kammerer gegenüberstanden. Shakespeares Komödie „Wie es Euch gefällt“ ist ein Spiel mit Identitäten und Verwechselungen. Da hätte es sich sogar angeboten, Masken in die Aufführung zu integrieren. Aber so sehr wollte sich der Regisseur doch nicht der Aktualität beugen. „Keine Masken: Der Mensch ist nicht nur die Pandemie,“ sagt er bündig.

Bühnenbildner Patrick Bannwald stößt vom Rand der Probebühne zur Gruppe hinzu. Auch er hat die Ausstattung der Szene „noch einfacher, noch schlichter gemacht“. Wodurch sie auch „genauer“ wird, wie er sagt. Doch auch er betont: „Das kann kein dauerhafter Weg sein.“ Auf der Probebühne steht lediglich ein altes Sofa.

Das Theater also stellt sich Corona: Was wird nun aus Kussszenen, aus Kämpfen auf der Bühne, die doch Nähe brauchen? „Es gibt auch die Möglichkeit, vom Kuss nur zu erzählen“, so Bösch. Die Frage, wie man als Schauspielerin mit Nähe umgehe, stelle sich ohnehin immer wieder, sagt Grunert.

Alle sehnen sich danach, wieder vor Publikum zu spielen. „Wir waren wie geparkt“, so empfand Grunert die erzwungene Auszeit selbst ohne Proben. Agnes Kammerer freut sich so über das Spielen, dass sie manchmal „vergisst, in welcher Situation wir uns gerade befinden“. Sie habe gar nicht gewusst wohin mit ihrer Energie, sagt die 30-Jährige.

Das Team ist sich seiner Privilegien in dieser Ausnahmesituation durchaus bewusst. Als festes Ensemblemitglied nennt sich Grunert „vom Wohlstand gepampert“. Anderen, freien Kolleginnen und Kollegen gehe es wegen Corona viel schlechter. Die landeten zwangsläufig in Hartz IV.

Dann sitzen sie wieder mit den Textbüchern vor sich am langgestreckten Tisch, in einen Lichtstreif getaucht. Wie wird es für die Akteure auf der Bühne sein, wenn der Zuschauerraum wegen der Pandemie nur zu einem Bruchteil besetzt ist? Agnes Kammerer freut sich „wieder auf den Moment, wenn die Leute da sitzen“. Das werde ihr selbst viel Energie verleihen. Regisseur David Bösch hofft noch immer, dass bis zum September, dem Beginn der neuen Spielzeit, die Abstandsregeln nicht mehr gelten. Sie werden weiter proben. „Solche Phasen sind Forschungswiesen“, sagt er noch.

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