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Hartmut Scherzer, Anno Hecker und Karl-Heinz Körbel (von links) diskutieren über die Sportwelt.

Buchmesse

Buchmesse: Zwei Legenden auf dem Podium

  • Oliver Teutsch
    vonOliver Teutsch
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Der Sportreporter Hartmut Scherzer stellt beim Open Book-Fest in Frankfurt sein neues Buch vor - und plaudert mit Karl-Heinz Körbel über ein dunkles Kapitel der Frankfurter Eintracht.

Ausgerechnet Jupp Heynckes, wird sich Karl-Heinz-Körbel gedacht haben. Die Eintracht-Legende sitzt am Donnerstag auf dem Podium, um mit Hartmut Scherzer über dessen Lebenswerk zu plaudern. Scherzer, 82 Jahre alt, war 60 Jahre als Sportreporter unterwegs und hat das jetzt mal über die tagesaktuelle Berichterstattung hinaus zu Papier gebracht. Herausgekommen ist ein 736 Seiten starkes Werk. Moderator Anno Hecker hebt den Wälzer an. „Etwas leichter als ein modernes Rennrad“, scherzt er.

Scherzer war seit 1952 bei 15 Fußball-Weltmeisterschaften, 21 Olympischen Spielen und 33 Auflagen der Tour de France live dabei. Dazu hat er ganz große Sportlegenden wie Boxer Muhammad Ali persönlich getroffen.

Jetzt sitzt er im Rahmen des Open Book-Fests in der Evangelischen Akademie am Römerberg und soll aus einem der zahlreichen Kapitel seines bewegten Lebens vorlesen. Ausgewählt hat er ein Kapitel über – Jupp Heynckes bei Eintracht Frankfurt. Der erfolgreiche Fußballtrainer steht bei Fans von Eintracht Frankfurt nicht sonderlich hoch im Kurs und was Scherzer da vorliest, wird kaum dazu beitragen, dass die Eintracht-Fans ihre Meinung ändern. Es sei „eine Ungeheuerlichkeit“ was sich anno 1994 am Riederwald abgespielt habe.

Heynckes habe den beliebten Eintracht-Stürmer Anthony Yeboah von Anfang an nicht gemocht, oder wie es Scherzer in seinem Buch schreibt: „Es war Abneigung auf den ersten Blick.“ Yeboah ließ keine Gelegenheit aus, gegen den renommierten Trainer, der zuvor schon die Bayern und Athletic Bilbao trainiert hatte, zu stänkern. „Er mag mich nicht“ oder „er hat böse Augen“, soll er gesagt haben. Viele, viele Jahre später, im FIFA-Magazin 2007, hat Scherzer recherchiert, soll Yeboah offen vom Rassismus des Trainers gegen ihn gesprochen haben. Einem anderen Eintracht-Helden, Jay-Jay Okocha, soll Heynckes vorgeworfen haben, Afrikaner seien zu ballverliebt. Dann kam das berühmte Straftraining für die Spieler Yeboah, Okocha und Maurizio Gaudino und damit habe Heynckes zumindest zwei der Leistungsträger letztlich vergrault.

Ominöse Saison 94/95

Körbel war in jener ominösen Saison 94/95 Co-Trainer von Heynckes und soll jetzt etwas zu der Sache sagen. Körbel bläst die Backen auf und bittet: „Können wir nicht irgendwie ein anderes Kapitel machen?“ Dann aber fängt er doch an zu erzählen und will gleich mal den Rassismus-Vorwurf entkräften. Yeboah sei sein Freund gewesen, aber: „Yeboah war faul.“ An jenem Tag im Dezember 1994, vor dem Spiel gegen den Hamburger SV, hätten die drei besagten Herren kaum trainiert und beim Spielchen Fünf gegen Zwei nur rumgestanden. Dafür hätten sie zur Strafe laufen müssen. Heynckes hätte Körbel mit dem vermeintlichen Straftraining beauftragt, aber gleich gesagt, er solle so langsam laufen, dass sich die drei nicht über eine zu große Belastung vor dem Spiel beschweren könnten. Körbel lief dann auch sehr langsam. „das war kein Straftraining, das war Beschäftigungstherapie“, erinnert sich Körbel 26 Jahre später. Dennoch hätten sich die drei Spieler anschließend nach und nach für den darauffolgenden Tag und das Spiel unpässlich gemeldet. „Heynckes hat einen Schuh an die Wand geworfen und gefragt, was hier los sei“, so Körbel.

Natürlich griffe es viel zu kurz, das erfüllte Reporterleben von Scherzer auf traurige Kapitel wie dieses zu reduzieren. Aber die Problematik des Rassismus hat den Journalisten, der erst für die FR, dann für die „Abendpost/Nachtausgabe“ und dann viele Jahre als Freiberufler arbeitete, immer bewegt. Scherzer war nicht nur immer Eintracht-Fan, sondern auch dem Boxen sehr verbunden. „Da waren die Schwarzen immer die Perlen“, so Scherzer. Auch seine Idole, Nelson Mandela, Harry Belafonte und eben Muhammad Ali, seien alle schwarz gewesen.

Zu der Rassismus-Debatte hätte Eintrachts aktueller Spieler Danny Da Costa sicherlich viel beitragen können. Leider war dem Verein eine Teilnahme seines Spielers aufgrund des aktuellen Infektionsgeschehens kurzfristig zu riskant, so dass die Diskussion auf dem Podium etwas unbestimmt wird und Körbel nur bekennt, dass er sich als junger Spieler nie um solch politische Themen gekümmert hätte.

Für viele mag die Buchmesse in diesem Jahr trist sein, für Scherzer sind es rauschende Tage, und das Podium am Donnerstag vor etwa zwei Dutzend Zuschauern trotz der Live-Übertragung im Internet eher ein kleiner Rahmen. Am Mittwochabend hatte die Eintracht der Sportreporter-Legende eine Buchpräsentation im Stadion ermöglicht. Die Gästeliste zeigt den Stellenwert des Frankfurter Journalisten ganz gut. Gekommen waren so illustre Personen wie Franz Beckenbauer, Rudi Völler oder Henry Maske. Jupp Heynckes war seltsamerweise nicht dabei, auch wenn Scherzer mit dem ehemaligen Eintracht-Trainer mittlerweile seinen Frieden gemacht habe. „Es hat nur 20 Jahre gedauert“, so der Buchautor.

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