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Bleibt optimistisch: Buchmesse-Chef Juergen Boos.

Juergen Boos

„Wir werden einen Millionenverlust haben“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Buchmesse-Direktor Juergen Boos zu den Folgen von Corona und der Zukunft des Branchentreffens.

Herr Boos, wie haben die Monate der Corona-Pandemie Sie persönlich verändert?

Für mich persönlich war das eine ziemliche Umstellung. Ich bin ja normalerweise viel unterwegs. Plötzlich saß ich von einem Tag auf den anderen zu Hause im Homeoffice. Für uns alle im Team war es aber zugleich ein Jahr voller Energie. Wir wollten, dass die Frankfurter Buchmesse ungeachtet aller Hindernisse stattfindet. Wir hatten die Rückendeckung unseres Aufsichtsrates dafür, die Unterstützung des Landes Hessen, der Stadt Frankfurt am Main, des Gesundheitsamtes. Gleichzeitig wussten wir nicht, wie die Pandemie sich entwickelt. Wir mussten also etwas aufbauen, was es so noch nicht gegeben hat.

Wirkt die Corona-Pandemie bei der Buchmesse wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen auch als Beschleuniger eines radikalen Wandels?

Sie wirkt als Verstärker für die Digitalisierung. Wir hatten schon vor fünf Jahren begonnen, eine Internet-Plattform für den Handel mit Intellectual Property, also geistigem Eigentum, aufzubauen. Dieses Angebot wurde nun erweitert. Vor zwei Jahren haben wir mit dem „Bookfest“ begonnen, um mit Veranstaltungen stärker in der Stadt Frankfurt präsent zu sein. Das wächst jetzt rasch. Wir mussten das Geschehen entzerren. Die Messehalle 3 stieß am Messesamstag mit mehr als 85 000 Menschen auf dem Messegelände einfach an ihre Grenzen. Neue Konzepte werden immer wieder von uns angestoßen.

Wird die Buchmesse noch einmal so sein wie früher?

Nein, die Buchmesse wird nicht mehr so sein, wie sie war. Unsere gesamte Gesellschaft wird nach der Pandemie eine andere sein. Die Buchmesse ist immer auch ein Spiegel der Gesellschaft.

Was wird in Zukunft anders sein bei der Buchmesse?

Die Menschen werden sich vorsichtiger begegnen. Es werden sich nicht mehr so viele Leute an einem Ort versammeln wie früher. Die Buchmesse wird viele Programmteile auch digital anbieten. Und: Sie wird noch mehr zu einem Fest für das Geschichtenerzählen werden.

Genau das ist die Befürchtung bei einigen in der Branche: Die Buchmesse wird nur noch Trubel sein und immer inhaltsleerer.

Diese Befürchtung ist ganz unbegründet, ich sehe sie als Zeichen dafür, wie sehr die Leute ihre Buchmesse lieben. Das Herz der Messe bleibt der Handel mit Stoffen, mit Rechten und Lizenzen. Das wird nicht infrage gestellt, und diesen Teil bauen wir im digitalen Bereich gerade aus. Wir müssen aber auch für das Buch trommeln, Begegnungen schaffen zwischen Autorinnen und Lesern. Das bedeutet auch, dass der Spagat zwischen dem wirtschaftlichen Teil der Buchmesse mit dem Rechtehandel und dem Publikumsfest noch größer werden wird.

Bisher haben sich jedes Jahr 800 Rechtehändlerinnen und -händler getroffen in Frankfurt, dieses Jahr wird alles über die Plattform Frankfurt Rights abgewickelt. Wird der Rechtehandel wieder physisch werden?

Ja, weil es dabei auf die persönliche Begegnung von Menschen ankommt, gerade, wenn man sich zum ersten Mal trifft. Auf der Frankfurter Buchmesse treffen Rechtehändlerinnen ihre Geschäftspartner aus der ganzen Welt – in einer Woche und an einem Ort. Für eine Branche, in der das persönliche Netzwerk entscheidend ist für den wirtschaftlichen Erfolg, ist dies ein zentraler Vorteil.

Was bedeutet die Absage der physischen Buchmesse 2020 wirtschaftlich?

Wir werden einen hohen zweistelligen Millionenverlust haben. Wir haben ja auch investiert in die Digitalisierung, in die Zukunft.

Die vier Millionen Euro, die Sie von der Staatsministerin für Kultur, Monika Grütters, bekommen, gleichen den Verlust nicht aus?

Nein, nicht annähernd. Aber die Buchmesse wird wieder erfolgreich sein. Wir hatten eine ähnliche Situation schon 2001 nach den Anschlägen des 11. September in den USA. Auch davon haben wir uns wieder erholt.

Sie sind nicht amtsmüde?

Nein, kein bisschen. Es ist sehr motivierend zu sehen, wie engagiert und kreativ das Buchmesse-Team in diesem Jahr mit der Krise umgegangen ist, und was es in wenigen Monaten geleistet hat.

Wie wird die Buchmesse der Zukunft physisch aussehen? Wird es mehr Gemeinschaftsstände geben?

Gemeinschaftsstände können ein Modell sein. Wir werden mehr Workspaces anbieten, flexible Arbeitsmöglichkeiten für Aussteller. Wir testen in diesem Jahr viele neue Formate und sind in einer unglaublichen Lernkurve.

Was wird aus der Buchmesse als politischer Plattform für Menschenrechte und Freiheit des Wortes? Bleibt das bei der Digitalisierung auf der Strecke?

Überhaupt nicht. Der Weltempfang als politische Plattform wird im Internet viele Diskussionen mit hochkarätigen Gästen anbieten, darunter Leïla Slimani, Nora Bossong, Kirsten Boie, Nina George, Francesca Melandri, Thomas Meinecke, Yvonne Adhiambo Owuor und Matthias Lilienthal. Die Eröffnung des Weltempfangs ist physisch in der Festhalle geplant.

Wird es überhaupt eine Eröffnungsveranstaltung am 14. Oktober geben?

Ja, sogar eine richtig große auf der Bühne in der Festhalle. Sie dürfen gespannt sein.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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