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Buchmesse in Frankfurt: Fitzek, Faeser und das geschriebene Wort

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Von: Stefan Behr

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Auch Bundesinnenministerin Nancy Faeser (Mitte) besuchte am Freitag die Buchmesse.
Auch Bundesinnenministerin Nancy Faeser (Mitte) besuchte am Freitag die Buchmesse. Renate Hoyer (2) © Renate Hoyer

Das „Lesepublikum“ darf erstmals schon am Freitag die Buchmesse besuchen, macht seinem Namen aber keine Ehre.

Das geschriebene Wort hat ja enorm an Strahlkraft verloren. Das ist auf der Buchmesse nicht anders. Dabei haben die Veranstalter sich solche Mühe gegeben und an jede Messetür einen Zettel geklebt, auf dem „Tragen Sie eine Schutzmaske!“ steht. Wenn dort „Nennen Sie sich Ismael!“ stünde, wäre der Effekt wohl derselbe. Der Prozentsatz der Maskenträger auf der Buchmesse jedenfalls dürfte in etwa dem der Ismaels entsprechen. Wenn die Messemacher das 2023 besser machen wollen, können sie es ja mal mit einem Podcast versuchen. Das sogenannte Lesepublikum, das erstmals schon am Freitag die Buchmesse besuchen darf, macht seinem Namen jedenfalls keine Ehre. Aber Lesen ist ja auch nicht immer ein Vergnügen.

Der Erste, der einem auf der Buchmesse ins Auge springt, ist Sebastian Fitzek. Fitzek ist der inoffizielle Lord Voldemort der diesjährigen Messe, er ist die dunkle Bedrohung, vor der es kein Entkommen gibt. Auch wenn er physisch gar nicht präsent ist. Vor seinem Verlagsstand stehen diverse Papp-Fitzeks, die unterschiedliche Grimassen schneiden. „Was sieht Du im Gesicht von Sebastian Fitzek?“, fragt der Verlag und gebeut: „Stelle dich hier neben Fitzek! Kopiere seine Mimik! Teile dein Selfie!“ Das wäre einfacher, wenn Fitzek und Fitzek-Kopierer Masken trügen. Aber auch ohne ist es nicht sonderlich schwer.

Drei Schritte weiter präsentiert ein anderer Verlag zwar nicht das geschriebene Wort, aber immerhin dazu passende Spiele. Etwa „Killer Cruise - findet den Mörder und rettet die Passagiere“ von Sebastian Fitzek, oder, eine Nummer kleiner, „Safe House - das Würfelspiel für unterwegs“ von Siewissenschonwem.

Fitzek überall! Auch da, wo er gar nicht hingehört. An einem anderen Stand etwa fragt ein Verlag, der Wissenschaftsbücher für Kinder herausgibt: „Was würdest Du in einem Schwarzen Loch verschwinden lassen?“. Auch hier lautet die richtige Antwort: Fitzek. Der Stand gegenüber hat sich auf Frauenliteratur spezialisiert – „so facettenreich, wie Frauen nun mal sind“. Da kommen dann am Ende Buchtitel bei raus wie „Die Liebe tanzt barfuß am Strand“. Wer aber ist wohl der Tanzpartner der barfüßigen Liebe im sofort einsetzenden Kopfkino? Sie kennen die Antwort.

Da kann niemand helfen, auch nicht das „Awareness Team“, das sein Erste-Hilfe-Zelt am Eingang von Halle 3 aufgebaut hat. Das ist nämlich „Unterstützungsstelle bei Diskriminierungsfällen“ und für literarisches Stalking nicht zuständig. Das „Awareness Team“ stellt durch Präsenz und Rundgänge sicher, dass auf der Messe nicht rumdiskrimiert wird.

Das ist neu, aber da ist noch Luft nach oben. Der Karl-May-Verlag etwa besitzt die Chuzpe, dem „Awareness Team“ zum Trotz seinen Katalog „Rauchzeichen“ mit einem Bild aus dem unwoken Skandalfilm „Der junge Häuptling Winnetou“ zu betiteln. Muss natürlich ein Film sein. Das geschriebene Wort schwächelt auch in der Karl-May-Welt, was aber auch daran liegen mag, dass der Autor mausetot ist.

Aber zum Glück lebt ja das gesprochene Wort, auch auf der Buchmesse. In Halle 3 etwa diskutiert der Soziologe, Sozialpsychologe und Publizist Harald Welzer mit dem Direktor des Museums für Angewandte Kunst, Matthias Wagner K. Die beiden sind das perfekte Team: Welzer hat gerade ein Buch herausgegeben („Zu spät für Pessimismus“, S. Fischer) und vieles, was Wagner K. sagt, kommt einem Spanisch vor. Diskutiert wird unter anderem über „die Rolle der Litfaßsäule in unserer Gesellschaft“, was auch ein Grund für die überschaubare Zuhörerschaft sein könnte. Aber interessant: Die Litfaßsäule schreibt sich heute noch so, weil sie nach ihrem Erfinder Ernst Litfaß benannt ist und darum ihr „ß“ behalten durfte. Matthias Wagner K. schreibt sich heute noch so, weil sein Großvater sich mit dem K. hinter dem Nachnamen von Richard Wagner distanzieren wollte, den er nicht leiden konnte - damals, als das geschrieben Wort noch etwas galt.

Bei anderen Zwiegesprächen ist mehr los. In Halle 4 kommt es um 14 Uhr auf zwei Nachbarbühnen zum Celebrity Deathmatch Kim de’l Horizon (Leseinsel der unabhängigen Lektoren) vs. Judith Holofernes (taz talk). Holofernes hat das lautere Organ und die abenteuerlichere Anreise („Ich bin gerade aus dem Zug gefallen!“). Aber de’l Horizon bezaubert mit wunderbaren Antworten auf klassische Feuilletonistenfragen. „Die Erzählfigur Ihres Romans ist von so radikaler Ehrlichkeit - das muss doch schweißtreibend beim Schreiben sein“, vermutet der Befrager. „Es ging eigentlich“, antwortet de’l Horizon.

Aber geschriebenes Wort hin, gesprochenes her: So eine Messe ist ja auch immer ein bisschen Promiglotzen. Da ist einiges geboten: Bundesinnenministerin Nancy Faeser schaut vorbei und repräsentiert die Bundesregierung, Ex-Kicker Philipp Lahm schaut vorbei und gibt Gesundheitstipps. Andersrum wär’s auch blöd. Der Einzige, der wohl beides könnte, ist eh Sebastian Fitzek. Aber den will man gar nicht mehr sehen.

Autor Harald Welzer findet, es sei zu spät für Pessimismus.
Autor Harald Welzer findet, es sei zu spät für Pessimismus. © Renate Hoyer

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