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Nicht jeder Autor hat in Freiheit mit dem Schreiben angefangen. Foto: Renate Hoyer.
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Nicht jeder Autor hat in Freiheit mit dem Schreiben angefangen.

Buchmesse

Buchmesse Frankfurt: Knast als Inspiration

  • Oliver Teutsch
    VonOliver Teutsch
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Hubertus Becker schafft es von der Gefängnisbibliothek aufs Podium bei der Buchmesse. 24 Jahre Haft zum Lesen und Schreiben genutzt. Martin Walser als prominenter Fan des Autors.

Wer weiß, ob es den Schriftsteller Hubertus Becker ohne den Kriminellen gleichen Namens je gegeben hätte. Wer dem 70-Jährigen am Mittwoch auf der Buchmesse lauscht, kann sich das irgendwie nicht so richtig vorstellen. Denn die Gefängnisaufenthalte waren für Becker immer inspirierend. „Ich habe eine Zelle als Ort der Besinnung und Klarheit empfunden.“

Insgesamt 24 Jahre hat Becker wegen Drogengeschäften, Geldwäsche und Hehlerei im Gefängnis verbracht. Während seines ersten Gefängnisaufenthalts habe er sich „literarisch gebildet“. Fernseher gab es damals im Knast noch nicht, also lieh er sich aus der Gefängnisbücherei Klassiker von Honoré de Balzac, Vladimir Nabokov oder Fjodor Dostojewski. „Da habe ich meine Liebe zur Literatur entdeckt.“

Seine kriminelle Karriere wollte er deswegen aber noch nicht beenden. Mitte der 90er Jahre stiftet ihn ein ehemaliger Mithäftling an, das Lösegeld aus der Erpressung des Industriellensohns Richard Oetker zu waschen. Das Vorhaben misslingt, Becker muss für weitere zehn Jahre ins Gefängnis. „Da habe ich beschlossen, mich in der Zeit voll aufs Schreiben zu konzentrieren“, bekennt der Autor in einem Tonfall, als habe er sich auf den Gefängnisaufenthalt gefreut.

Zunächst schreibt er seine Jugendbiografie „Das Blaue vom Hunsrück“. Als Verleger gewinnt er seinerzeit Arne Houben vom Rhein-Mosel-Verlag. Der hatte auch die Idee zu der Podiumsdiskussion mit dem ironischen Titel „Knast als Schreibwerkstatt“. Ursprünglich sollten mit Becker drei Generationen Knast auf dem Podium sitzen. Doch der Senior Peter Zingler musste aus gesundheitlichen Gründen passen, der Junior Maximilian Pollux hat den Termin verpennt.

Doch Becker redet ohnehin ohne Punkt und Komma und lässt seinen Verleger und Stichwortgeber Houben kaum zu Wort kommen. Kein Wunder, gerade hat der Autor, der heute statt dem Gefängnis die Oberlausitz als Wohnort für kontemplative Ruhe bevorzugt, sein Opus magnum vollendet: die vierbändige Reihe „Globale Nomaden“, die von Beckers Zeit als Drogenkurier in allen bekannten Himmelsrichtungen erzählt und laut Verleger Houben nicht nur True-Crime-Story sei, sondern auch ein Sittengemälde der 70er Jahre. Beckers prominentester Fan sei Schriftsteller Martin Walser. Der habe ihm das unlängst auch noch mal in einem Brief bestätigt, verrät Becker.

Auch auf der Buchmesse weckt der Wandel vom Sträfling zum Schriftsteller Interesse. „Das hat so gar nichts mit unserer Lebenswirklichkeit zu tun“, sagt eine Germanistikstudentin, die Becker mit zwei ihrer Kommilitoninnen lauscht. Die Autorin Susanne Konrad möchte wissen, ob der Knast wirklich inspiriere. Schließlich sei sie selbst in der Einsamkeit der Pandemie weniger produktiv gewesen als sonst. „Man muss mit sich selbst im Reinen sein, dann hat man den Kopf frei“, bekennt der ehemalige Kriminelle und heutige Schriftsteller.

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