Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier ist einer der Redner der Eröffnungspressekonferenz in der ansonsten menschenleeren Festhalle.
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Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier ist einer der Redner der Eröffnungspressekonferenz in der ansonsten menschenleeren Festhalle.

Eröffnung

Grünes Licht als Signal der Hoffnung

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Die Eröffnungspressekonferenz der 72. Buchmesse müht sich um positive Stimmung im tristen Ambiente.

Die Designer der großen ARD-Bühne haben sich alle Mühe gegeben, die trostlose Situation mit warmem Licht etwas aufzuhellen. Doch die Tatsache, dass sich da sechs Menschen in gehörigem Abstand voneinander auf einem Podium in einer riesigen, fast völlig menschenleeren Festhalle verlieren, ist nicht zu übersehen. Am ehesten helfen da noch die Bilder, die nicht real sind, die aber vor einem geistigen Auge entstehen. Und so beschwört Juergen Boos, der Direktor der Frankfurter Buchmesse, in der Eröffnungspressekonferenz das „green light“ aus einem großen Roman der US-Literatur, dem „Great Gatsby“ von Francis Scott Fitzgerald.

Das „grüne Licht“ am gegenüberliegenden Bootssteg wird für Jay Gatsby zum Sinnbild seiner Sehnsucht nach seiner Jugendliebe Daisy Buchanan, die mit ihrer Familie am nahen Ufer wohnt. Und solche „Signals of hope“, Signale der Hoffnung, will denn auch die 72. Frankfurter Buchmesse aussenden, die von der Corona-Pandemie fast völlig ins Internet gezwungen worden ist. Diese kleine beleuchtete Insel im denkmalgeschützten Kuppelbau auf dem Frankfurter Messegelände ist alles, was physisch noch vom sonst üblichen Trubel mit 350 000 Menschen in fünf Tagen übrigblieb, von der drangvollen Enge zwischen den Ständen, vom lauten Grundrauschen der Menge.

„Special Edition“ hat das Buchmessenteam in seiner Not die digitale Ausgabe genannt. „Ich bin enttäuscht, ich bin sehr enttäuscht“, so beschreibt der 59-jährige Kulturmanager seine Reaktion auf die Absage aller physischen Aktivitäten. Und Boos macht noch einmal deutlich: „Das Digitale ist kein Ersatz, die digitale Messe ersetzt auf keinen Fall die leibliche Messe.“ All die „zufälligen Begegnungen“, das positive „Chaos“ des großen Rummels, all das fehle.

Am Ende beteiligen sich in dieser Woche knapp mehr als 4400 Aussteller aus rund 100 Ländern mit digitalen Auftritten am größten Branchentreffen der Welt, davon sind knapp 2000 wegen des Rechtehandels für Bücher, Filme, Hörbücher, Spiele und andere Medien dabei. Die Buchmesse macht die Erfahrung, dass sie digital ihre Reichweite erhöhen kann, dass sie Länder erreicht, die einen physischen Messeauftritt einfach nicht bezahlen könnten. „Flexibel, kreativ und kompromissfähig“ habe die internationale Buchgemeinschaft auf die Ausnahmesituation reagiert, lobt der Direktor. „Neue digitale Werkzeuge“ würden erprobt in diesem Jahr von Frankfurt aus, und das wird bleiben.

Es wurde bewusster gelesen

Noch ein Signal soll von dieser Eröffnung ausgehen: Dass die Buchbranche die Pandemie bisher wirtschaftlich gar nicht so schlecht überstanden hat. Im Strom des Digitalen öffneten sich „Fenster der Zeit“ für das Buch, so poetisch beschreibt es Boos. Und Karin Schmidt-Friderichs, die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, urteilt: „Die Menschen haben mehr gelesen und bewusster gelesen.“

Die Verlegerin kam vor einem Jahr ins Amt und konnte nicht ahnen, dass die folgenden zwölf Monate die schwierigsten der Buchbranche in der Nachkriegszeit werden würden. Sie beschreibt, was geschah: Als nach dem Lockdown, also der Schließung der Buchhandlungen, im Mai Bilanz gezogen wurde, war der Umsatz des Buchhandels um 15 Prozent eingebrochen. Heute aktuell liegt das Minus gegenüber dem Vorjahr nur noch bei 4,3 Prozent. „Das Buch ist krisenfest“, sagt die Vorsteherin in beschwörendem Ton.

Doch sie findet offene Worte auch zu den Fehlern der Politik. Die Buchbranche brauche eine sichere Perspektive. Seit vier Jahren warteten die Verlage darauf, wieder an den Ausschüttungen der Verwertungsgesellschaften beteiligt zu werden. Doch die Politik handele nicht. Und auch bei der so wichtigen Sicherung des Urheberrechts „lässt uns die Politik im Regen stehen“, klagt Schmidt-Friderichs. So werde die Position der Autorinnen und Autoren und der Verlage geschwächt. Die Vorsteherin macht auch deutlich, dass der Börsenverein „für die Freiheit des Wortes“ kämpfe, gleich ob in China, Belarus oder Ungarn.

Der hessische Ministerpräsident findet lobende Worte für das Buchmessenteam. „Sehr mutig“ sei es, die Buchmesse nicht einfach abgesagt zu haben. „Das wäre der leichteste Weg.“ Und dann findet Volker Bouffier wieder zum Motto der diesjährigen „Special Edition“ der Messe zurück, nämlich den Signalen der Hoffnung. „Ich hoffe, dass von dieser Buchmesse Zeichen der Zuversicht ausgehen für diese Welt“, die von Kriegen und Nöten geplagt sei. Da will auch HR-Intendant Manfred Krupp nicht zurückstehen. Er findet sogar, die ARD stehe „für die Kraft der Vielfalt“ und fügt hinzu, zum Ministerpräsidenten gewandt: „Im Guten wie gelegentlich auch im Schlechten.“ Angesichts der Pandemie könne das Motto nur lauten: „Wir wollen nicht kapitulieren.“

Die junge Verlegerin Lydia Hilebrand, Gründerin des &Töchter-Verlages, hatte sich sehr auf den Buchmessenauftritt ihres Unternehmens gefreut. Der Stand war schon entworfen, der Verlag von der Buchmesse mit einer Wild Card eingeladen. Jetzt sagt sie: „Literatur kann in solchen Zeiten eine große Trostspenderin sein.“ Ihr Haus versuche, die Bücher „so klimafreundlich wie möglich“ zu produzieren. Es brauche Nachhaltigkeit, Offenheit und Digitalisierung. Und: „Es ist höchste Zeit, verantwortlich zu handeln.“

Mit diesem Motto wird das digitale Publikum wieder in die Wirklichkeit entlassen. „Schlechte Verbindung“ erscheint auf dem Schirm.

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