1. Startseite
  2. Frankfurt

Brunnen in Frankfurt: Alles plätschert, gluckert, seufzt

Erstellt:

Von: George Grodensky

Kommentare

Inge Hagner (l.) und Ina Hartwig plaudern am Freßgass-Brunnen.
Inge Hagner (l.) und Ina Hartwig plaudern am Freßgass-Brunnen. © christoph boeckheler*

Am Dienstag hat am Freßgass-Brunnen in der Innenstadt die Frankfurter Brunnensaison begonnen. Bis Ende Oktober sprudelt das Wasser nun.

Dass die U-Bahn-Station Weißer Stein in Eschersheim eine B-Ebene hat, weiß nicht jede:r. Die meisten Fahrgäste verlassen den Bahnsteig an der Erdoberfläche und stauen sich an den Fußgängerampeln. Nur wer genau hinschaut, entdeckt den Schacht mit der Treppe, die vom Bahnsteig in den Untergrund führt. Und die Treppe zurück ans Tageslicht.

Warum das hier aufgeführt ist? Weil Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) am Dienstag, 3. Mai, den Auftakt der Frankfurter Brunnensaison ausgerufen hat. Tatsächlich mit dem Kommando „Wasser marsch“. Gleichzeitig schaut die Sonne hinter den Wolken hervor. Ein bemerkenswerter Zufall.

Der erste Brunnen, aus dem das Wasser sprudelt, ist der auf der Freßgass. Also in der Innenstadt, das sind immer die ersten, von dort geht es nach und nach zum Stadtrand hin, gen Eschersheim, in zwei Wochen sollten alle wieder laufen, so sie nicht defekt sind.

Und, was ebenfalls nicht viele wissen: Auch Brunnen haben eine B-Ebene, einen Brunnenschacht. Den sieht man halt nicht. Und er ist noch weniger barrierefrei zu erreichen als das Souterrain an der Station Weißer Stein. Am Freßgass-Brunnen führt ein recht unscheinbares rundes Loch in die Tiefe. Meist ist es mit schwerem Deckel geschlossen. Eine schmale Leiter führt hinab in einen überraschend großen Raum. So groß wie die Brunnenfläche, so weitläufig ist der Schacht für gewöhnlich.

21 mal 23 Meter misst das Brunnenbecken auf der Freßgass. In der B-Ebene versteckt sich die Technik: Tanks, Filter und Pumpen, die 33 Kubikmeter Wasser umwälzen. Es ist ein in sich geschlossenes System.

Das Wasser ist gechlort. Kinder sollen an der Oberfläche unbeschwert planschen dürfen, sagt Dezernentin Hartwig. „Brunnen sind ein Anziehungspunkt – wo Wasser ist, da ist auch Leben.“ Es seien archaische Urorte.

Das stammt noch aus der Zeit, in der es ansonsten in einer Stadt kein Wasser gab. Doch heute noch sind Brunnen gesuchte „Orte des Vergnügens“, nicht nur für Kinder. Lauschige Plätze. Die Hektik der Großstadt ebbt dort ab, die Menschen kommen zur Ruhe, können sich treffen, plaudern. Hartwig genießt das: „Hören Sie nur, wie es plätschert.“ Außerdem biete das Wasser im Sommer „echten Kühleffekt“.

Den hat der Brunnen auf der Freßgass allerdings lange verweigert, seit 2018 war er außer Betrieb. Im Frühjahr hat die Stadt die B-Ebene sanieren lassen. „Die Filteranlage hat mein Vater noch eingebaut“, sagt Richard Heep von der gleichnamigen Firma. Heep kümmert sich um die meisten Brunnen in der Stadt. Filteranlagen und Pumpen sind jetzt neu, einige Rohre ausgetauscht, der Zugang erweitert und mit einem neuen Schachtdeckel versehen. Kostenpunkt: 90 000 Euro.

1977 hatte die Stadt den von Inge Hagner gestalteten Brunnen in Betrieb genommen. „Es war der erste auf der langen Meile zwischen Opernplatz und Alfred-Brehm-Platz am Zoo“, referiert Hartwig. Die Freßgass sollte Frankfurts Renommierstück werden. Vier künstliche Quellen lassen ihr Wasser über runde Steine aus Granit rieseln. Sollen sie Mühlsteine symbolisieren oder Wolken? Wellen, sagt Hartwig. Sie sollen an den Wasserzulauf erinnern, der früher über die Kaiserhofstraße zum Main geflossen ist. Wobei viele Frankfurterinnen und Frankfurter ihre eigene Interpretation ersonnen hätten. Die Blöcke hätten die Form von großen Käserädern aus der Schweiz oder Holland, seien deshalb Symbole für die Freßgass.

Brunnen

In Frankfurt gibt es 150 städtische Brunnen. 110 davon betreut das Kulturamt. Das sind jene, die historisch wertvoll sind, also unter Denkmalschutz stehen oder besonders künstlerisch gestaltet sind. Die 40 Brunnen, die einfach nur in Grünanlagen Wasser spenden, betreut das Grünflächenamt.

321 000 Euro stehen dem Kulturamt jährlich für Betrieb, Erhalt und Pflege zur Verfügung. Zusätzlich gibt es 100 000 Euro für Sanierungen.

Die Brunnenzeit geht für gewöhnlich von Anfang April bis Ende Oktober. In dieser Saison beginnt sie etwas später, weil die Wetterfrösche für Anfang April Schnee prophequakt hatten. Die feierliche Eröffnung findet jedes Jahr an einem anderen Brunnen statt.

Im Metzlerpark und in Harheim sind die Brunnen defekt und bleiben in diesem Jahr trocken. Der Florentinerbrunnen am Nebbien’schen Gartenhaus und der Dr.-Bockenheimer-Brunnen sind undicht und bleiben vorerst abgeschaltet. Wegen der Sanierungsarbeiten an der Katharinenkirche lagert das Amt den Venezianerbrunnen für die Zeit der Bauarbeiten ein. sky

„Unsinn“, kommentiert die Künstlerin das. Inge Hagner ist beim Auftakt der Brunnensaison zugegen. „Es sind Wellen“, stellt die 85-Jährige klar. Wie bei einem Stein, der ins Wasser falle und Kreise ziehe. Bei der Eröffnung 1977 ging das ganz flott, erinnert sich Hagner. Schon beim Probelauf sei ein Jagdhund herbeigerannt und habe das Wasser freudig bellend umkurvt. Wenig später habe sich der erste Junge mit Badetuch blicken lassen. „Der Brunnen wurde zum Blick- und Mittelpunkt der Straße“, sagt Hartwig.

Nach dem Freßgass-Brunnen ist der vor der Alten Oper an der Reihe. „Noch heute“ hofft Richard Heep, soll dort Wasser plätschern. Der vom Alte-Oper-Architekten Richard Lucae ersonnene Brunnen ist relativ schmucklos. Viel Zier braucht er auch nicht, seine schiere Größe beeindruckt. Eine monumentale Säule beherrscht das 17-Meter-Becken, darauf ruht eine Art Schale, fünf Meter im Durchmesser, drei Meter hoch. 120 Tonnen Granit sind vermeißelt. Was dann noch an Deko fehlt, übernimmt das Wasser. Es schießt oben als Fontäne heraus und läuft steil über die Ränder der Schale ins Becken.

Während man sich am Freßgass-Brunnen ein bisschen erfrischen kann, bietet der Lucaebrunnen fast schon Badespaß für die ganze Familie. Die Kinder tapsen jauchzend hinein, und die Eltern haben ihre helle Freude an den nassen Klamotten. „Wir haben doch keine Wechselsachen dabei“ ist sommers ganz sicher der am häufigsten gerufene Satz auf dem Opernplatz. Bald wieder. Heeps Männer sind jedenfalls schon hinabgestiegen in den Schacht. „A Heep in the Deep ...“, wie ein Amerikaner sagt.

Einem seiner Landsleute ist wenige Meter weiter in der Taunusanlage der Marshallbrunnen gewidmet: General George C. Marshall, ehemaliger Außenminister der USA und Friedensnobelpreisträger. Der Brunnen würdigt seinen Marshallplan von 1948, mit dem die USA den Wiederaufbau Westeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg unterstützten. Heuer ist das Rund noch mit schweren Eisenketten versperrt. Wahrscheinlich, damit die Radlerinnen und Radler nicht hineinstürzen, denn der gerne befahrene Weg zwischen Alter Oper und Taunusanlage führt schnurstracks auf den Brunnen zu. Erst im letzten Moment teilt sich die Route und führt an beiden Seiten vorbei.

Die drei Bronzefiguren im Becken sind allerdings keine geradeaus gefahrenen Radlerinnen. Sie stellen griechische Grazien dar, Manifestationen von Anmut im Geben, Empfangen und Danken. Angelehnt sind sie an Goethes Verse, die auch auf einem nahen Stein verewigt sind. Weil hier nicht so viel Platz ist, sei nur ein einer zitiert:

„Aglaia: Anmut bringen wir ins Leben / Leget Anmut in das Geben.“

Der anmutigste Brunnen der Stadt liegt allerdings auf der anderen Mainseite, Dribbdebach, wie der Hesse sagt. Dort, in der Klappergass, steht die Figur einer typischen Sachsenhäuser Marktfrau. Rechts hält sie einen Krug, am linken Arm einen Korb. Natürlich Frau Rauscher. Wer den Brunnen besichtigen möchte, sollte vorsichtig sein. Frau Rauscher ist mit frechem Mundwerk ausgestattet, in regelmäßigen Abständen spuckt sie Wasser auf vorbeilaufende Schaulustige.

Auch am Weißen Stein, am Stadtrand in Eschersheim, steht ein schöner Brunnen mit anmutiger Figur. Er ist den gefallenen Eschersheimern im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 gewidmet. Aus der B-Ebene der U-Bahn führt der Weg in eine lauschige Pergola, hier ranken Efeu und Blauregen. Dann fällt der Blick unweigerlich auf einen nackten Kerl, einen Adonis, ach was, einen Herkules. Also, wenn nicht zufällig ein Bus im Blickfeld parkt; die Pergola gehört zum Busbahnhof.

Der nackte Kerl auf dem Brunnen ist tatsächlich Herkules nachempfunden, und ganz nackt ist er auch gar nicht, ein Blättchen verdeckt sein Geschlecht. Das Wasser zu seinen Füßen plätschert noch nicht. Im vorigen Jahr haben Reparaturarbeiten begonnen, informiert die Stadt. Der Dank der Eschersheimer sei ihr gewiss.

„Euphrosyne: Und in stiller Tage Schranken / Höchst anmutig sei das Danken.“

Am Lucae-Brunnen vor der Alten Oper sind noch einige Handgriffe zu tätigen, bevor das Wasser sprudelt. Die Technik ruht verborgen im Schacht.
Am Lucae-Brunnen vor der Alten Oper sind noch einige Handgriffe zu tätigen, bevor das Wasser sprudelt. Die Technik ruht verborgen im Schacht. © christoph boeckheler*
Brunnen bringen sommers Abkühlung in die Stadt.
Brunnen bringen sommers Abkühlung in die Stadt. © christoph boeckheler*

Auch interessant

Kommentare