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Amtsgericht Frankfut

Bruchlandung in Havanna

  • Stefan Behr
    VonStefan Behr
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Vor dem Amtsgericht: Ein Pilot, der eine Tuschezeichnung aus einem kubanischen Hotel geklaut hat, muss sich wegen schweren Diebstahls verantworten

Am 3. Februar 2020 enden Pascal K.s Karrieren als Pilot und Meisterdieb – erste zumindest vorläufig, zweite sicherlich endgültig. Und um die ist es auch nicht so schade, denn zum Meisterdieb fehlt dem 31-Jährigen zweifelsfrei das Talent.

Am Abend des verhängnisvollen Februartages ist K., der als Erster Offizier für eine namhafte Fluggesellschaft arbeitet, in einem Hotel in Havanna kurz vor dem Auschecken. Es geht zurück in die Heimat, zumindest beinahe – der Frankfurter Airport ist Zielflughafen des gebürtigen Offenbachers. K. will sich noch frisch machen.

Auf dem Hotelflur sticht K. ein Bild ins Auge, das in einem roten Rahmen mit Perlenkette an einer Lampe zwischen Damen- und Herrentoilette hängt. Die Tuschezeichnung zeigt ein Vogelpärchen. Vielleicht erinnern die Vögel Pascal K. ans Fliegen, vielleicht auch an etwas ganz anderes, jedenfalls findet er das Bildnis bezaubernd schön, nimmt es mit auf die Herrentoilette, entfernt die Leinwand aus dem Rahmen und verstaut sie im Hosenbein.

Noch auf dem Weg zum Flughafen dämmert es ihm, dass er sich „eine Aktion geistiger Umnachtung“ geleistet haben könnte, wie er das am Dienstag vor dem Amtsgericht formuliert, wo er sich wegen schweren Diebstahls verantworten muss. Aber das Flugzeug läuft bereits warm. Zudem betrachtet K. seine Beute eher als Souvenir der Güteklasse Bademantel denn als Raubkunst.

Ein perfektes Verbrechen sieht anders aus: Auch in kubanischen Luxushotels gibt es Überwachungskameras, und nach einem Blick auf die Bilder ist den dortigen Behörden rasch klar, dass das Vogelpärchen nicht aus eigenem Antrieb entfleucht ist. Kurz nach seiner Landung in Frankfurt wird K. von seinem Flugbetriebsleiter angerufen und mit dem Diebstahlsvorwurf konfrontiert.

Der Pilot fällt aus allen Wolken, als er erfährt, dass es sich nicht um einen billigen Kunstdruck, sondern um ein Original des kubanischen Künstlers Roberto Fabelo handelt, das etwa 18 000 US-Dollar wert sein soll und als Leihgabe des kubanischen Staates in dem Hotel hing. Pascal K. bleibt keine Wahl, als den Aufhebungsvertrag zu unterschreiben, den ihm sein Personalchef als geringstes Übel anbietet. Vor dem Amtsgericht versichert der Angeklagte glaubhaft, dass er von Malerei etwa so viel verstünde wie Rembrandt vom Fliegen: „Wie das mit Kunst so ist – entweder sie gefällt einem, oder sie gefällt einem nicht.“ Das Fabelo-Bild gefällt ihm, aber er gibt es anstandslos zurück.

Außer der Staatsanwältin sind eigentlich alle im Gerichtssaal der Meinung, dass man das Verfahren auch einstellen könne, weil der arme Kerl ohnehin gestraft genug ist. Bei dem Kredit, den er für seine Ausbildung aufgenommen hatte, sind noch 20 000 Euro offen. Er muss derzeit wieder aus Geldnot bei seinen Eltern wohnen, und wenn ihm dort mal die Decke auf den Kopf fällt, kann er auch nicht mehr nach Kuba, wo man ihn für eine Art Hermann Göring hält, der als hässlicher Deutscher kunstraubend um den Globus jettet. K.s Missetat, sagt sein Verteidiger, sei zudem „innerhalb des recht kleinen Pilotenkreises bekannt“, was einen baldigen Berufswiedereinstieg eher unwahrscheinlich mache.

Der Amtsrichter verwarnt K. schließlich lediglich wegen einfachen Diebstahls – dass es sich bei seiner Beute um ein Meisterwerk zeitgenössischer Kunst handele, habe er angesichts der Klo-Hängung nicht ahnen können. Eine Geldstrafe von 160 Tagessätzen à 50 Euro wird unter Vorbehalt gestellt, K. muss zudem 3000 Euro an die Stiftung Denkmalschutz zahlen.

Eine Fortsetzung der Pilotenkarriere ist damit zumindest theoretisch möglich. Der Richter sagt, K. hätte „eine zweite Chance verdient“ – die bekämen schließlich auch ganz andere Kaliber.

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