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Louise Sagar beim Interview im Café Utopia in der Innenstadt. Die gebürtige Britin findet Frankfurt viel entspannter als London.

Portrait der Woche

Die 100 Gründe einer Britin in Frankfurt zu bleiben

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Louise Sagar will nicht zurück in ihr Heimatland England. Über ihre große Liebe zu Frankfurt twittert sie fleißig.

Bis heute kann Louise Sagar, die Sache mit dem Brexit, also dass das wirklich passiert, nicht glauben. Das betont sie gleich. Die Britin, die seit 2009 in Frankfurt lebt, weiß noch genau, wie und wo sie vom Brexit im Juni 2016 erfuhr. „Ich war gerade zu Besuch bei meinen Eltern in England. Ich erinnere mich, wie ich am Morgen nach dem Referendum aufgewacht bin und als Erstes all diese entsetzten Whatsapp-Nachrichten von meinen Freunden sah. Alle endeten mit diesem Emoji, wo sich das Äffchen die Augen zuhält.“ Im Pyjama rannte sie runter ins Wohnzimmer und schaltete die Nachrichten an. „Vier Stunden lang saß ich fassungslos vor dem Fernseher.“ Louise Sagar zweifelt nicht eine Sekunde: „Ich will Europäerin bleiben.“

Sie beantragt vor einem Jahr deshalb auch die deutsche Staatsangehörigkeit, darf die britische behalten. „Es ist ein komisches Gefühl, das zu sagen, aber ich vermisse England nicht wirklich. Frankfurt ist mittlerweile mein Zuhause. Ich bin hier sehr glücklich und möchte hierbleiben.“ Und sie wolle die Freiheit behalten, innerhalb der EU umziehen zu können, falls sie sich doch eines Tages dazu entscheidet.

Beim Interview im Café Utopia in der Frankfurter Innenstadt trägt die 40-Jährige einen grauen Pulli, der ihre strahlend blauen Augen noch mehr betont. Im Alltag arbeitet sie bei der Europäischen Zentralbank im 29. Stock. Nein, nicht etwa als Bankerin, sondern im Team, das für die digitalen Inhalte verantwortlich ist.

Als sie während der ersten Brexit-Panik liest, dass viele britische Journalisten schreiben: „Oh Gott, wir müssen jetzt nach Frankfurt ziehen. Die Stadt ist so langweilig“, wird sie richtig wütend: „Wie können sie eine Stadt beurteilen, wenn sie hier nur einmal kurz zu Besuch waren?“ Dann sieht sie wie der Journalist Tom Barfield von der Nachrichtenagentur AFP ein schönes Bild vom Berger Straßenfest bei strahlend blauem Himmel twittert. Er schrieb dazu: „Ein weiterer schrecklicher Tag in Frankfurt.“ Sagar betont: „Ich fand diesen Tweet so großartig. Er drückte genau mein Gefühl aus. Das war dann der Auslöser, dass ich auf meinem privaten Twitteraccount anfing 100 Dinge, die ich an Frankfurt liebe unter dem Hashtag #100ReasonsILoveFrankfurt zu posten.“

Aktuell ist sie bei Nummer 67. Eines ihrer Lieblingsdinge an Frankfurt seien die tollen Freibäder. Im Sommer schwimmt sie am liebsten im Brentanobad. „Eine Freundin sagte: ’Du wirst niemals genügend Gründe zusammenbekommen‘.“ Das sei aber nicht der Fall. „Aber ich möchte nicht nur meine Lieblingscafés posten, sondern vielfältig sein.“ Also unternimmt sie viel. Von Stadtführungen über Besuche in urigen Bornheimer Kneipen, wo sonst nur alte, rauchende Männer sitzen. „Eigentlich bin ich nicht so der Museumstyp, aber die besuche ich jetzt auch, damit ich später darüber twittern kann“, sagt sie und lacht.

Louise Sagar auf Twitter

Unter dem Hashtag #100ReasonsILoveFrankfurt veröffentlicht Louise Sagar auf ihrem Twitteraccount @DeluxeRadar ihre 100 Gründe, warum sie Frankfurt liebt.

Die meisten ihrer Freunde seien Kollegen von der EZB, ein internationaler Mix. „Die Deutschen sind meist nicht in der Mehrheit. Wir sprechen also meistens Englisch. Deshalb ist mein gesprochenes Deutsch leider nicht so gut.“ Aber sie versucht jetzt mehr zu üben. „Seit kurzem treffe ich mich abends öfter mit meinen Nachbarn zum Essen. Und da wird nur Deutsch geredet.“ Sie versteht viel, schon in der Schule lernte sie Deutsch.

Sagar wird 50 Kilometer von London in Royal Tunbridge Wells als jüngste von vier Töchtern geboren. Als sie elf Jahre ist, zieht die Familie ins südenglische Städtchen Battle. An der Universität von Leicester studiert sie Italienisch und Französisch. Nach dem Studium arbeitet sie zunächst in London als Sekretärin für italienische Banker. „Aber ich war als Sekretärin total überfordert. Ich bin einfach sehr schlecht, wenn es um Organisation geht. Ich kann mich immer nur auf eine Sache konzentrieren.“ Also entscheidet sie sich mit 28 für ein Studium als Italienischübersetzerin in London. Anschließend bekommt sie eine Ausbildungsstelle im europäischen Parlament in Luxemburg.

„Luxemburg fand ich toll, weil man überall hinlaufen kann. Das mag ich auch an Frankfurt. Es ist einfach alles sehr entspannt.“ London hingegen sei ihr immer schon zu groß, zu stressig gewesen. „Wenn ich mich dort mal mit Freunden, die am anderen Ende der Stadt lebten, bloß mal auf einen Kaffee verabredete, musste ich eine Stunde Fahrzeit einplanen. Auch der Weg zur Arbeit war weit. Gefühlt habe ich die meiste Zeit in London in der überfüllten U-Bahn gesessen.“

Am Ende ihrer Ausbildung in Luxemburg erfährt sie, dass eine Stelle als Übersetzerin in der EZB frei ist. Erst ist sie nicht so begeistert: „Uh, Bank.“ Als sie aber dann fürs Bewerbungsgespräch bei der EZB zum ersten Mal in ihrem Leben nach Frankfurt reist, ist sie zunächst entspannt. „Ich hatte keine Vorstellung, wie Frankfurt ist.“ Dann aber verliebt sie sich auf den ersten Blick in die Stadt. „Ich stand auf dem Eisernen Steg und rief: ‚Ich muss den Job bekommen. Der Job und die Stadt sind einfach perfekt für mich.‘“

Und seitdem sammelt sie Fotos mit den EZB-Präsidenten: Sie hat eines mit Jean-Claude Trichet und eines mit Mario Draghi. „Jetzt fehlt mir nur noch eins mit der neuen EZB-Präsidentin Christine Lagarde, um mein Portfolio komplett zu machen“, sagt sie und lacht.

Dann erzählt sie, dass sie vor ein paar Jahren plötzlich doch kurz Heimweh bekommen habe. Bis heute vermisst sie den britischen Humor genauso wie laut im Kino oder Restaurant lachen zu dürfen, ohne dabei schräge Blicke zu bekommen. Oder auch auf der Straße sich einfach mal mit völlig Fremden zu unterhalten. „Und manchmal vermisse ich auch diese verrückte Art der Briten“, sagt sie. Dann aber, als sie mit Freunden aus war und in Bornheim-Mitte auf die U-Bahn wartete, passierte Folgendes: „Wir fingen an, lustige Choreographien zu tanzen. Erst starrten uns alle an, aber dann sagte ein Mann um die 50: ‚Entschuldigung, darf ich auch mittanzen?‘ In dem Moment war ich so glücklich.“

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