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Die Bremer Enklave

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Von: Miriam Keilbach

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Gründer Eric Blumhoff (2.v.r.), Stammgäste: M. Pihavaara, K. Hunger, F. Liening und J. Reichel.
Gründer Eric Blumhoff (2.v.r.), Stammgäste: M. Pihavaara, K. Hunger, F. Liening und J. Reichel. © Peter Jülich

In Frankfurt schauen viele gebannt auf das entscheidende Spiel gegen Werder Bremen. Allerdings hält nicht jeder zu der Eintracht: Das Nord² ist Treffpunkt der Werderaner in Frankfurt.

Sein Kollege hat dieses Glücks-Shirt. Seit ein paar Wochen trägt er es zu den Eintracht-Spielen, seither hat die Eintracht nicht verloren. „Ich überlege, wie ich ihm das bis zum Spiel noch klauen kann“, sagt Jesko Reichel lachend, „da ist der Aberglaube doch stark genug.“

Als der 34-jährige Bremer vor zwei Jahren nach Frankfurt zog, fragte er auf Facebook nach anderen Werder-Fans – und fand das Nord2. In der Bar von Jan Marktweer und Maria Reinhardt am Sandweg treffen sich seit neun Jahren gestrandete Werder-Fans. Man erzählt hier Geschichten von ehemaligen Bremer Fußballkameraden, die sich am Tresen zufällig wiedertrafen und von Typen, die sich Feinde waren und bei einem Bier Kumpels wurden. „Ich arbeite seit neun Jahren hier und es gab noch nie Stress. Ich habe Fußball hier neu kennengelernt“, sagt Reinhardt.

2007 eröffneten Eric und Mirko Blumhoff die Kneipe, Grund war der Aufstieg der Eintracht 2005. Die Stammkneipe der Ostfriesen zeigte plötzlich nur noch die Eintracht, nicht mehr die Konferenz. „Wir haben Strohhalme gezogen, weil Mirko HSV-Fan ist und ich Werder-Fan bin“, sagt Eric Blumhoff, der auch zwei Jahre nachdem er die Kneipe an die neuen Inhaber übergab, häufig am Tresen anzutreffen ist. Frank Liening ist fast jeden Spieltag hier. Das Nord2 ist Fußball, Werder, Freundschaft, Heimat. „Wer in Bremen groß wird, wird mit dem SVW groß“, sagt er. „Das Nord2 hat den typischen Bremer Kneipen-Charme“, sagt Mikko Pihavaara. Er meint die zusammengestellten Möbel, die Enge, das Unmoderne, das Stickige durch den Zigarettenqualm. „Fast wie im Eisen“, sagt Jesko Reichel in Anspielung auf die Bremer Kultkneipe, auf deren Toiletten das Motto „Greenwhitewonderwall“ entstand.

"Jetzt geht es nur ums Gewinnen“

Mirco Wehn kabbelt sich gerne mit seinen Eintracht-Freunden. Früher war das einfacher, als Werder international spielte und die Eintracht in der zweiten Liga. „Das war die letzten Jahre etwas anders“, sagt der 36-Jährige. Sympathie mit dem aktuellen Wohnort? „Das ist eine klare Geschichte, mit der Eintracht hab ich nichts am Hut.“ Pihavaara schließt sich an: „Es geht nur um uns, mit der Eintracht habe ich null Sympathie“. Auf ein direktes Abstiegsduell hätte er gerne verzichtet, „aber jetzt geht es nur ums Gewinnen“. Die Nerven werden entscheidend sein, aber er sieht Werder vorn: „Die SGE hatte zuletzt viel Dusel.“

Mirco Wehn ist nervös. Es kämen zwar viele Eintracht-Fans nach Bremen, aber „das Stadion wird geschlossen hinter Werder stehen“. Von einer Relegation will im Nord2 keiner was wissen. „Wir wünschen der Eintracht gegen Nürnberg alles Gute“, sagt Eric Blumhoff. „Wir leben ja gerne in einer Erstliga-Stadt.“

Werder-Kneipen gibt es übers gesamte Land verteilt. Das Buch „Auswärts zu Hause“ von Nina Spranz listet sie auf. „Werder-Fans gelten als sympathisch“, sagt Katharina Hunger. „Als Werder-Fan ist man überall akzeptiert, es gibt Gleichgesinnte in jeder Stadt, das ist nur vergleichbar mit St.Pauli“, sagt Jesko Reichel. „Für mich zeigt das, dass Werder bundesweit eine große Anhängerschaft hat, die Leute identifizieren sich mit dem Verein, der große Sympathie genießt“, sagt Frank Liening.

Die gute Laune bleibt, auch in schweren Zeiten. Wo andernorts Fans den Platz stürmen, Busse mit Steinen bewerfen und Bengalos zünden, stehen die Werder-Fans zu Tausenden Spalier. Obwohl sie Skripnik für den falschen Trainer halten, Kritik gibt es keine: „Wir mögen ihn, er ist Werder. Leider passt er als Trainer nicht“, sagt Liening.

Heute Nachmittag wird es voll, auch SGE-Fans haben sich angekündigt, erzählt Inhaberin Maria Reinhardt. Jesko Reichel, Katharina Hunger und die anderen werden da sein. Mikko Pihavaara fehlt, er schaut in Finnland. Als Kind zog er mit seinen Eltern nach Norddeutschland. „Eine Kneipe in Lahti, der Heimatstadt von Petri Pasanen, zeigt das Spiel. Wenn das kein Zeichen ist…“, sagt er. Katharina Hunger erwartet ein „Drecksspiel“: „Die Bude brennt, auch im Nord2.“

Beim Nordderby stand Maria Reinhardt auf der Straße und hat Würstchen verkauft – während der Sandweg die Werder-Hymnen anstimmte. Sie steht, die grün-weiße Wunderwand.

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