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Als Botschafter die Vielfalt voranbringen soll auch der Feldhamster.

Artenschutz

Botschafter der Vielfalt

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Die "1. Frankfurter Biodiversitätskonferenz" appelliert an die Bevölkerung, beim Artenschutz mitzuhelfen.

Eine Biodiversitätskonferenz – was mag das sein? Etwas, das Natur und Umwelt helfen soll, in Frankfurt, Hessen, überall, denn Natur kennt keine Grenzen. Etwas, das mehr als 400 Leute an einem verregneten Montagabend auf den Uni-Campus Westend lockt. Und eine Gelegenheit, Geschöpfe kennenzulernen, von denen man bis dahin nicht wusste, dass es sie gibt – geschweige denn, ob sie Füße, Flossen oder Wurzeln haben.

Botschafter für den Erhalt der natürlichen Vielfalt zählt Umweltdezernentin Rosemarie Heilig auf, als sie die Teilnehmer der „1. Frankfurter Biodiversitätskonferenz“ begrüßt. Feldhamster. Wanderfalke. „Aber wer kennt den Diptam?“, setzt sie nach. Auflösung: Ist eine Pflanze. Und ebenso wichtig fürs Ökosystem. „Dass die Lebensgrundlagen des einen die Lebensbedingungen des anderen beeinflussen, dieser Zusammenhang ist nur den wenigsten klar.“

Dazu dient diese Konferenz. Festzuhalten: „Unser Planet erfährt einen dramatischen Verlust der Biodiversität“, wie Heilig sagt. Klimawandel, Flächenverbrauch, intensive Landwirtschaft, Schadstoffbelastung – alles Faktoren, die den Artenschwund beschleunigen. Das habe Folgen, warnt die Stadträtin: „Mit jeder ausgestorbenen Art wird unsere Welt auch ärmer an Genen, Farben, Formen und Geräuschen.“ Daher die Konferenz, daher der Aufruf an alle, die Biodiversität zu verteidigen.

Wie wichtig das ist, erläutert Matthias Kuprian vom hessischen Umweltministerium anhand von Namen: Braunkehlchen, Bekassine, Feldlerche, Goldammer, Kiebitz, Neuntöter, Rebhuhn, Rotmilan, Steinkauz. Mit ihnen und ihrem Lebensraum geht es seit 1994 steil bergab. Das zeigt der Nachhaltigkeitsindex der Artenvielfalt in Hessen, Teilindikator Agrarlandschaft. 50 Prozent Schwund – und die Kurve weist weiter nach unten.

Kuprian ruft dazu auf, die hessische Biodiversitätsstrategie umzusetzen, die unter anderem mit Schutzprogrammen und Schritten zur Wiederansiedlung (Biber, Luchs) arbeitet. „Es gibt Erfolge“, sagt er. Der Bitterling (ein Fisch) breitet sich aus; die Sumpfschildkröte vermehrt sich; Fischotter siedeln sich an. Das motiviert, besonders die Ehrenamtler und Naturschutzbegeisterten, die bei der Konferenz miteinander ins Gespräch kommen. Ein „Markt der Möglichkeiten“ macht’s möglich.

Viele sind da, die Stimmung ist gut. Nabu, BUND, Vogelschützer, Bürgerinitiativen, Zoologische Gesellschaft, alle haben sie Stände aufgebaut. Betätigungsfelder gibt es genug. Eine Liste der „Hessen-Arten“, für die das Bundesland besondere Verantwortung trägt, reicht von der Nymphenfledermaus über die Italienische Schönschrecke bis zum Zweifelhaften Grannenhafer – da sind sie wieder, die zauberhaften Namen, sofort will man sie schützend in den Arm nehmen. In Frankfurt gehören zu diesen Hessen-Arten Möwe und Mauersegler. Und zu den Mitmach-Arten: das Große Mausohr (Fledermaus) und der spinatartige Gute Heinrich. Unter biologischevielfalt.hessen.de sind all die besonderen Arten aufgezählt; und was es sonst zur Biodiversitätsstrategie zu wissen gibt.

Georg Zizka, der das Projekt Biotopkartierung bei Senckenberg leitet, eine Bestandsaufnahme der Natur im Auftrag der Stadt, nennt Frankfurt ein „Zentrum der Biodiversität“ und feiert den Grüngürtel als „Geniestreich der 90er Jahre“. Er misst der kleinen Metropole einen erstaunlich großen Anteil am Artenreichtum des Landes Hessen bei und warnt: Die Stadtnatur stehe im harten Konkurrenzkampf mit Baugebieten. Anlass für eine Bürgerin, aufzustehen und zum Handeln aufzurufen: „Wir können uns politisch nicht aus dem Naturschutz raushalten – wir haben keine zweite Erde, die wir ausbeuten können!“

Umweltamtsleiter Peter Dommermuth erinnert: „Frankfurt ist nicht nur eine wachsende Stadt, sondern auch eine grüne Stadt!“ Von herausragender Bedeutung: der Stadtwald, das Niddatal und der Berger Rücken – für saubere Luft, Streuobstwiesen, Apfelwein, nicht zuletzt Heimat und Identität. Der Erhalt der Stadtnatur sei daher ein gesellschaftliches Anliegen, sagt der Amtschef, und „für viele Herzensangelegenheit“.

Womit wir zurück bei der Bürgerbeteiligung sind. „Biodiversität ist kein Ziel, das allein Behörden oder Verwaltung erreichen können“, betont Volker Rothenburger, Leiter der Unteren Naturschutzbehörde. Er schildert, wie die Stadt den Fluss als Lebensraum zu reaktivieren versucht, etwa am Fechenheimer Mainbogen. „Zufall oder nicht“, berichtet Rothenburger: „Kaum begannen die Arbeiten, schaute 2016 erstmals ein Biber vorbei.“ Wie schon zuvor im Frankfurter Norden. Auch der Biber ist Botschafter der Biodiversität. Dass ihm der Mensch hilft, Vielfalt zu bewahren, dazu soll die Konferenz vom Montagabend ein Stück beitragen.

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