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Auf der oberen Berger Straße ist am späten Nachmittag nicht mehr viel los. Renate Hoyer
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Auf der oberen Berger Straße ist am späten Nachmittag nicht mehr viel los. Renate Hoyer

Berger Straße

Kreativ durch die Krise auf der Berger Straße

  • Fabian Böker
    vonFabian Böker
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Mit Abholangeboten versuchen die Geschäftsleute in Bornheim und im Nordend, sich trotz Corona zu halten. Leerstände gibt es trotzdem. Und weitere könnten folgen.

Bei Denningers Mühlenbäckerei oberhalb des Bornheimer Uhrtürmchens geht es fast normal zu. Eine Renterin ruft, auf ihren Rollator gestützt, von der kleinen Treppe am Eingang hoch: „Ich hätte gerne zwei normale Brötchen, so wie immer. Ohne Schnickschnack.“ Die Verkäuferin packt die gewünschten Backwaren ein, reicht sie nach draußen, nimmt das Geld entgegen und wünscht einen schönen Tag.

So normal geht es auf der Berger Straße nicht überall zu. Während die Bäckerei auch während der Corona-Pandemie geöffnet haben darf, hat das Haushaltswarengeschäft Meder nebenan geschlossen. Inhaber Franz Steul hat eine Abholstation am Eingang aufgebaut. Kundinnen und Kunden erhalten dort ihre bestellte Ware, Geschirr, Töpfe oder Spielzeug. „Das ist ein schlechter Ersatz, aber besser als nichts“, sagt Steul. Die Umsätze seien trotzdem massiv eingebrochen. Kurzarbeit hat er nicht beantragt, „ich wollte niemanden bestrafen“.

So wie Meder geht es vielen Geschäftsleuten auf Frankfurts längster Einkaufsstraße. Entweder sind sie zu oder bieten einen Abhol-, manchmal auch einen Lieferservice an. In einzelnen Läden auf der Oberen Berger hängen Plakate des Gewerbevereins Bornheim Mitte, dessen Vorsitzender Franz Steul ist. Sie informieren über Telefonnummern oder E-Mail-Adressen, unter denen die Leute die Ware des jeweiligen Geschäfts bestellen können.

Eine Unterstützung, die auch die Parfümerie Lehr an der Ecke Saalburgstraße in Anspruch nimmt. Im Umkreis von zehn Kilometern werden die Flacons sogar ausgeliefert. „Durch Corona ist die Laufkundschaft weniger geworden“, bedauert eine Mitarbeiterin. Zwar könne man sogar Proben an der Ausgabetheke auf die Handgelenke sprühen, „aber das ersetzt nicht die ausführliche Beratung im Laden“.

Daher kann die Mitarbeiterin es nicht nachvollziehen, dass die Drogeriekette Müller auch im Lockdown ganz normal geöffnet haben darf. Die Filiale nahe der Höhenstraße verkauft neben Zahnpasta auch Parfüm, Schreibwaren, Spielzeug und Unterwäsche. „Die nehmen uns natürlich Kunden weg“, empört sich die Parfümerie-Mitarbeiterin. Grund der Öffnung ist eine in Hessen geltende Regelung, wonach sich Müller als Gemischtwarenladen auf das sogenannte Schwerpunktprinzip berufen und Sortimente aus eigentlich geschlossenen Abteilungen verkaufen darf, wenn die zugelassenen Produkte insgesamt überwiegen. Eine Anfrage dazu ließ Müller unbeantwortet.

Um gut zwei Drittel sei der Umsatz des Ladens „Buch & Wein“ auf der unteren Berger Straße eingebrochen. „Durch Corona fehlt die Laufkundschaft, die mal stöbern, sich vor Ort spontan einen Wein oder ein Buch aussuchen kann“, sagt Mitarbeiter Hubert Huhn. Auf ihre Stammkundschaft sei aber Verlass.

Die Berger Straße

Mit fast drei Kilometern ist die Berger die längste Einkaufsstraße in Frankfurts Stadtteilen. Se führt von der Friedberger Anlage bis hoch zur A661. Das Besondere: Die Straße verläuft durch zwei Stadtteile: Nordend und Bornheim. Die Höhenstraße teilt die Straße in die untere und obere Berger.

Mehr als 150 Läden gibt es links und rechts der Einkaufsstraße. Mittwochs und samstags ist am Bornheimer Uhrtürmchen Markt. Während auf der unteren Berger – sofern keine Pandemie herrscht – jährlich im Mai das Berger Straßenfest stattfindet, ist der obere Abschnitt im August Schauplatz der traditionellen Bernemer Kerb.
Der Name bezieht sich auf Bergen, das einst eigenständig war und heute mit Enkheim einen Stadtteil bildet. Verkehrstechnisch ist die Berger Straße gut erschlossen. Die U4 hält am Merianplatz sowie an den Stationen „Höhenstraße“ und „Bornheim Mitte“.

Einen Gewerbeverein gibt es jeweils für beide Straßenteile. Der Gewerbeverein Bornheim Mitte für die obere Berger zuständig. Vorsitzender Franz Steul ist erreichbar unter Telefon 45 98 32, Mail: info@meder-frankfurt.de; www.bornheim-frankfurt.de. Kaweh Nemati von der IG Berger Straße ist für den unteren Abschnitt zuständig. Telefon 01 76 / 22 20 04 92. bö

Dazu gehört das Pärchen, das gerade vorbeikommt: „Das ist die bestsortierte Buchhandlung, die wir kennen.“ Daher kämen die beiden, die nicht namentlich genannt werden möchten, auch immer wieder her. „Es ist gut, dass dieser Laden bleibt“, gerade angesichts des Wandels, den die Berger ihrer Meinung nach derzeit erlebt, hin „zu immer mehr Restaurants“. Hubert Huhn zeigt auf die andere Straßenseite. In den Räumen einer ehemaligen Apotheke hat ein Köfte-Laden eröffnet. Immerhin steht der Laden nicht leer. Aber auch das gibt es auf der Berger. Vor allem im unteren Bereich, etwa am Merianplatz.

Der Blumenladen „H.J. Knapp“ steht seit Ende November leer, weil dem Betreiberpaar gekündigt wurde. An der Ecke Kantstraße lässt seit Jahresende nur noch ein verblichenes Schild erahnen, dass sich dort einmal die Modeboutique „Bailly Diehl“ befand. Ob die Schließung eine Folge von Corona ist, weiß Kaweh Nemati nicht. Er ist Vorsitzender der IG Untere Berger Straße.

Etwa fünf Prozent der Läden auf diesem Straßenabschnitt würde leer stehen, schätzt der Geschäftsmann, der den Second-Hand-Laden „Escatira“ am Merianplatz und das Modegeschäft „Romy“ in der Berger 32 führt. Der Leerstand sei „untypisch für diesen Bereich der Straße“, das habe es zuletzt vor rund 15 Jahren gegeben. Aufgrund vieler Gespräche mit Geschäftsleuten weiß er: „Man hört eine sehr große Verzweiflung heraus.“ Bis zu 20 Prozent würden wohl durch Corona aufgeben müssen, schätzt er.

Er selbst weiß auch nicht, ob er seine beiden Filialen halten kann. Von der Idee, einen dritten Laden aufzumachen, hat er vorerst Abstand genommen. Derzeit versucht er sich mit Online-Shop und Abholservice zu halten. „Damit machen wir fünf Prozent des Umsatzes, bei gleich bleibendem Arbeitsaufwand“, sagt er. Dennoch gilt für ihn: „Wir müssen gerade jetzt ein Zeichen setzen.“

Für den „Bailly Diehl“ gibt es indes bald einen Nachfolger, der benachbarte Kiosk vergrößert sich. Kioske, so Nemati, seien durchaus Profiteure der Pandemie, „wegen des größer werdenden Geschäftes mit Paketen“.

Das kann Steven Wagner, der im „385 Späti“ arbeitet, nicht bestätigen. Weil weniger auf der Berger los ist, sei auch weniger bei ihm im Laden los, der sich zwischen Nematis Modeladen und dem leer stehenden Blumengeschäft befindet. Dennoch gibt es keinen Grund für Klagen; sein Kiosk darf geöffnet bleiben.

Kordula Müller-Hess kennt sich auf der Berger gut aus. Die Anwohnerin findet, „dass sich die Straße gewaltig geändert hat“. Viele kleine Läden seien verschwunden, stattdessen gebe es mehr Restaurants, Cafés und Bäckereien. Das sei nicht unbedingt ein Nachteil. Vielmehr sei die Berger „vom Lebensgefühl und Charme her immer noch einzigartig“. Alle paar Meter gebe es etwas anderes zu essen, das habe „fast schon etwas vom Mittelmeerraum“, schwärmt sie. Ihr Lieblingsladen sei der Weltladen Bornheim auf der oberen Berger.

Ursula Artmann, Geschäftsführerin des Weltladens, freut sich über dieses Lob, weiß aber auch, dass sie allein davon nicht leben kann. Ihr Abholservice sei „ein Tropfen auf den heißen Stein“. Den Kunden und Kundinnen fehle das normale Einkaufserlebnis, ihr die Kundschaft.

Meder in Bornheim hat eine Abholstation für seine Haushaltswaren. Renate Hoyer
Gabriele Rittig von „Buch & Wein“ gibt Bestellungen an der Tür raus. Renate Hoyer
„Späti 385“-Mitarbeiter Steven Wagner hinter dem Tresen nimmt auch Pakete an. Renate Hoyer
Ursula Artmann und Stefan Diefenbach hinter der Theke, die im Eingang des Weltladens für Abholungen aufgebaut wurde. Renate Hoyer
Die Boutique „Bailly Diehl“ am Merianplatz ist seit Jahresende zu. Gegenüber gibt es eine weitere Filiale. Renate Hoyer
Dieser Laden nutzt die Zeit zum Umbau. Renate Hoyer
Auch das Haushaltswarengeschäft Jacobi baut um. Renate Hoyer
So empfängt die Berger Straße Besucher und Besucherinnen. Renate Hoyer

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