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„Kirche muss etwas tun, um zeitgemäß zu bleiben“

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Von: Sebastian Theuner

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Pfarrer Lars Heinemann und Musikproduzent Matthias Westerweller verwandeln die Johanniskirche an der Turmstraße in einen Ort mit DJ, Bar und Talkrunde.
Pfarrer Lars Heinemann und DJ Matthias Westerweller verwandeln die Johanniskirche an der Turmstraße in einen Ort mit DJ, Bar und Talkrunde. © christoph boeckheler

Pfarrer Lars Heinemann und DJ Matthias Westerweller wollen in „VinylGottesdiensten“ die großen Themen des Lebens aufgreifen. Zu diesem Zweck verwandeln sie die Johanniskirche in Bornheim in einen Ort mit DJ, Bar und Talkrunde. Inhaltlicher Aufhänger sind die Seligpreisungen der Bergpredigt.

Herr Pfarrer Heinemann, wie kamen Sie auf die Idee, in der Johanniskirche Schallplatten auflegen zu lassen?

Lars Heinemann: Die Grundüberzeugung ist, dass Religion und Musik die großen Themen des Lebens teilen. Und bei beiden ist das Moment der Vergemeinschaftung zentral. Zudem habe ich lange in Berlin gelebt und dort viel mit Musiker:innen und Künstler:innen zu tun gehabt. Die Idee zu den „VinylGottesdiensten“ ist über Jahre gereift.

Herr Westerweller, Sie legen normalerweise in Clubs auf. Was war Ihr erster Gedanke, als Pfarrer Heinemann mit seinem Konzept auf Sie zukam?

Matthias Westerweller: Ich fand es spannend und reizvoll. Ich bin ein großer Fan von Umnutzung bestimmter Orte. Wir haben uns dann schnell darauf geeinigt, dass ich die Abende moderiere und den jeweiligen Gast, der seine Musik auflegt, interviewe.

Sind die „VinylGottesdienste“ vor allem ein großes Experiment?

Westerweller: Ich bin nicht religiös, teilweise stehe ich der Kirche auch kritisch gegenüber. Aber sie wird von Leuten getragen, die gestalten und Ideen haben. Ich sehe das als eine Öffnung der Kirche. Man kann bei den „VinylGottesdiensten“ Alkohol in der Kirche trinken. Das Gesamtkonzept hat mich extrem neugierig gemacht.

Heinemann: Im Vorfeld gab es die Sorge, dass Künstler:innen durch die Bezeichnung „VinylGottesdienst“ abgeschreckt sein könnten. Das war aber nicht so. Es geht darum, als Kirche neue Wege auszuprobieren. Bei der ersten Ausgabe im April waren bis zu 120 Leute da. Wir hatten den Kirchraum mit Sitzgruppen bestückt, auf dem Altar standen die Plattenspieler, seitlich davon ein Sofa. Der Raum hatte eine tolle Ausstrahlung.

Alteingesessene könnten dennoch fragen: Was hat all das mit Kirche und Glaube zu tun?

Heinemann: Die Überlegung war: Finden wir neue Ausdrucksformen für die alten religiösen Themen? Als inhaltlicher Aufhänger dienen die Seligpreisungen in der Bergpredigt, denen die Themen für vier Abende entnommen sind: selig, geist, arm und himmelreich. Das sind große Themen christlicher Tradition, aber auch des Lebens.

Zur Person

Lars Heinemann (47) ist seit Januar 2021 Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Bornheim. Gemeinsam mit Denise Mawila und Isabel Philipp aus dem Vorstand der Gemeinde hat er die Reihe „VinylGottesdienste“ konzipiert. Premiere war im April mit DJ Dan Bay zum Thema „selig.“

Matthias „Weller“ Westerweller (54) ist seit mehr als 30 Jahren als DJ aktiv. Er führt ein eigenes Label, ist Mitveranstalter diverser Musikevents und zudem als Kurator, Autor sowie Moderator einer eigenen Sendung auf ByteFM tätig.

Der nächste „VinylGottesdienst“ findet am 7. Juli von 19.30 bis 21 Uhr in der Johanniskirche, Turmstraße 10, statt. Auflegen wird DJ Pedo Knopp zum Thema „geist“. Matthias Weller übernimmt an dem Abend die Moderation. sth

Westerweller: Deswegen laden wir auch Gäste ein. Diese sollen im Gespräch mit mir und durch ihre Musik ihren persönlichen Bezug zum Thema ausdrücken können.

Heinemann: Und den ersten „VinylGottesdienst“ besuchten auch ältere Menschen. Eine Dame sagte mir: ‚Wegen der Musik brauchen Sie sich keine Gedanken machen. Ich höre auch elektronische Musik. Aber härtere‘ (lacht).

Ob Musik nun im Club oder in der Kirche aufgelegt wird, macht letztlich also keinen Unterschied?

Westerweller: Ich habe aus über 30 Jahren als DJ bestimmte Partymomente in Erinnerung, die eine ungeheure Kraft hatten – und damit auch etwas Spirituelles. Es gibt Stücke, bei denen es mir eiskalt den Rücken herunterläuft, wenn ich sie höre, im positiven Sinne. Solche Momente würde ich gerne auch hier kreieren.

Die Mitgliedszahlen der Kirchen sinken rapide. Sind Veranstaltungen wie diese die letzte Chance, um attraktiv zu bleiben?

Heinemann: Wenn man die „VinylGottesdienste“ machen würde, um neue Mitglieder zu gewinnen, würde das nicht funktionieren. Der Zweck der Abende ruht in ihnen selbst. Wenn die Menschen nach Hause gehen und sich sagen: das war ein erfüllter Abend, dann bewegt das von alleine was. Kirche hat sich zudem immer mit Gegenwartskultur verbunden. So kommt nun ein Stück weit zusammen, was zusammengehört.

Westerweller: Ich blicke von außen auf die Kirche. Sie muss etwas tun, um zeitgemäß zu bleiben. Durch den „VinylGottesdienst“ kommen Leute in die Kirche, die lange nicht dort waren. Das ist toll.

Für dieses Jahr sind noch drei „VinylGottesdienste“ geplant. Wie geht es dann weiter?

Heinemann: Wenn es gut laufen sollte – und danach sieht es momentan aus – gibt es womöglich eine zweite Saison. Zumindest gibt es in der Bergpredigt ja eine ganze Reihe an Seligpreisungen (lacht).

Interview: Sebastian Theuner

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