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Ein anderer Beat

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Von: Sebastian Theuner

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Lars Heinemann ist seit einem Jahr Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Bornheim. Mit neuen Konzepten will er vor allem jüngere Menschen für Kirche begeistern.
Lars Heinemann ist seit einem Jahr Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Bornheim. Mit neuen Konzepten will er vor allem jüngere Menschen für Kirche begeistern. © ROLF OESER

DJ am Altar, ein Sportfunktionär in der Kanzel: Pfarrer Lars Heinemann probiert in der Johanniskirche in Bornheim neue Gottesdienstformate aus. Mit Erfolg. Die Kirche ist voll, das Durchschnittsalter beträgt 35 Jahre.

Der Mann, über den gesagt wird, er sehe aus wie ein „Typ in Berlin-Mitte“, steht im Altarraum der Johanniskirche in Bornheim und wartet auf das Brautpaar. Sprießender Vollbart, die Brille dick umrandet, fester Blick. Das Brautpaar nährt sich, und durch den Bart bahnt sich ein Lächeln. Lars Heinemann begrüßt die Traugesellschaft, bittet daran zu denken, die „Telefone nach dem Gottesdienst wieder einzuschalten.“ Jetzt wolle man feiern und singen – „laut und kräftig.“

Lars Heinemann, 47, ist seit Januar 2021 Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Bornheim. Ein groß gewachsener Mann; die Haare fallen ihm seitlich über die Stirn. Heinemann traut Paare und begleitet Beerdigungen. Er gibt Schulunterricht; schreibt für den Gemeindebrief. Und: Er lässt elektronische Musik in der Kirche auflegen. Lädt Zugezogene zum „Welcome-Dinner“ ein. Sein Äußeres erinnert eher an einen urbanen Lebenskünstler als an einen Pfarrer. Wie passt all das zusammen?

Als an jenem Nachmittag der Traugottesdienst zu Ende ist, wirkt Heinemann etwas geschlaucht, aber glücklich. Umziehen. Durchschnaufen. „Ich habe versucht, das fromme Anliegen des Paares wahrzunehmen und gleichzeitig in unsere Welt hineinzusprechen“, erklärt er später. „Pfarrer sein heißt, sich auf Grenzen bewegen zu können.“

Dass er Pfarrer werden möchte, merkt Heinemann als Oberstufenschüler. Er liest theologische Texte und ist „gepackt vom Nachdenken über die tiefen Themen des Lebens.“ Nach dem Studium promoviert er in Evangelischer Theologie; übernimmt später Pfarrstellen in Sachsenhausen und der Frankfurter Innenstadt. Als die Evangelische Kirchengemeinde Bornheim einen Pfarrer sucht, der neue Gottesdienstformen ausprobiert, sagt sich Heinemann: „Das ist es.“

„Der Kirchenvorstand zeigt Mut zu Neuem, das ist hier eine echte Stärke“, resümiert er heute. Im April veranstaltet Heinemann mit Kolleg:innen in der Johanniskirche den ersten „VinylGottesdienst“. Der Musiker Dan Bay legt elektronische Musik auf, der Frankfurter DJ Matthias Westerweller alias Weller moderiert.

Etwa 4100 Mitglieder hat die Evangelische Kirchengemeinde Bornheim; pro Jahr werden es 150 bis 200 weniger. Dennoch glaubt Heinemann: „Das vorrangige Ziel sollte nicht sein, dass wir uns darin verbeißen, neue Mitglieder zu gewinnen.“ Wichtig seien zunächst „lebendige und sichtbare Angebote.“

Am Reformationstag lässt Heinemann Thomas Völker, den Geschäftsführer der TG Bornheim predigen. Zum „Welcome Dinner“ im vergangenen Jahr kommen Leute, die kürzlich nach Bornheim gezogen sind. Ein lauer Spätsommerabend, der Altersschnitt liegt bei Mitte 30. „So soll Kirche sein“, denkt sich Heinemann auf dem Heimweg.

„Er ist ein weltlicher Pfarrer“, sagt Isabel Philipp, Mitglied im Kirchenvorstand der Gemeinde, über Heinemann. Ihr gefalle die „bedachte Sprache“ seiner Predigten. Seit er da ist, würden in Bornheim Menschen Gottesdienste besuchen, die das vorher nicht taten.

„Ich interessiere mich viel für Alltags- und Gegenwartskultur, dadurch kommt vielleicht ein anderer Beat in die Kirche mit rein“, sagt Heinemann. Von der Kirche wünscht er sich Mut zu Veränderung; kein ängstliches Starren auf die Zahlen – „das bringt nichts“.

Zu seinen Projekten inspiriert wurde Heinemann auch durch Chima, einem bekannten Frankfurter Sänger. Chima ist Mitglied in Heinemanns ehemaliger Gemeinde in Sachsenhausen und heute gut mit ihm befreundet. „Er ist authentisch“, sagt Chima über Heinemann, „er spricht Musikbegeisterte, Kreative, sogar Drogenabhängige an.“

Von Chima stammt auch der Satz mit dem „Typ in Berlin-Mitte“. Vor Jahren habe der Musiker in einem Frankfurter Restaurant gesessen, als draußen ein „Superstyler“ vorbeilief, wie er sagt. Ausgefallene Sneaker, enge Hosen, Baseball-Jacke. Die Statur des Mannes erinnerte Chima an Heinemann. Trotzdem dachte er: „Das kann nicht der Pfarrer sein.“ War er dann aber doch.

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