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Wagner sammelte in seinem Werk alles rund um den Brand.

Altstadt/ Bornheim

Dombrand in Frankfurt: Wie das Drama begann

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Stadtteilhistoriker Rudolf K. Wagner beschäftigt sich in seinem Buch mit der Geschichte, die sich hinter dem Brand des Doms von 1867 verbirgt.

Der Kerbe-Mittwoch vor 152 Jahren war ein Tag, so richtig zum Amüsieren. Bei bestem Sommerwetter wurde in den Gassen und Kneipen Bornheims ausgelassen gefeiert. Ein heißer, trockener Wind wehte aus östlicher Richtung und lockte viele Frankfurter zum Besuch des Kirchweihfests ins Lustige Dorf. Auch die Witwe Rau hatte sich damals mit ihren beiden Töchtern Rosa und Johanna aus der Fahrgasse in der Altstadt in das nahe Dorf aufgemacht, das erst zehn Jahre später eingemeindet wurde. „Sie kamen um zu feiern, zu tanzen und Spaß zu haben“, wie Stadtteilhistoriker Rudolf K. Wagner notiert hat. Es war der letzte Tag der Bernemer Kerb, der 14. August 1867.

Gegen Mitternacht beschlossen die drei Frauen, den Heimweg anzutreten, über die Pappelallee durch die Bornheimer Heide, vorbei am Friedberger Tor. „Beschwingt und ausgelassen kamen sie zurück in ihre Mansardenwohnung über der Müllerschen Brauerei und Gastwirtschaft in der Fahrgasse 21 /Ecke Garküchenplatz“, schreibt Wagner. Und dort nahm das Unglück seinen Lauf. Denn beim Ausziehen ihres Tanzstaats geriet eine der Frauen an eine Kerze oder eine Öllampe, und die Kleider fingen Feuer. Schnell griffen die Flammen über auf die Möbel – und schließlich auf das ganze Haus. Von dort breitete sich der Brand immer weiter aus, und so wurden auch der Kaiserdom St. Bartholomäus und weitere Häuser in der Altstadt Opfer des verheerenden Feuers.

Wagner hat die Geschichte in seinem Buch „Von der Bernemer Lisbeth-Verbrennung zum Dombrand in Frankfurt 1867“ festgehalten, das jetzt erschienen ist. Es ist keine Zusammenfassung über den Dombrand, über den schon viel geschrieben worden ist. Es ist vielmehr die Geschichte, die sich hinter dem Drama verbirgt. Anhand von verstreut archivierten Berichten wollte er Zusammenhänge herstellen, ein ganzheitliches Bild der damaligen Zeit zeichnen „und die Geschichte neu erzählen, greifbar machen“. Denn viele unwichtig erscheinende Ereignisse und übergreifende Informationen seien oftmals unberücksichtigt geblieben, sagt der Hobbyhistoriker.

Schaulustige beobachten das Feuer vom Sachsenhäuser Ufer aus.

In diesem Sinne schreibt Wagner etwa über die Witwe Rau, deren Namen nach seiner Ansicht bislang noch nie erwähnt worden ist. Und die ebenso wie eine ihrer Töchter dabei starb, als sie dem Feuer zu entkommen versuchte. Auch über den Lehrling des Turmwächters des Doms, Karl Joseph Schneider, erzählt er, der den Flammen zum Opfer fiel, als er noch etwas aus der Wohnung retten wollte. Der Historiker hat dessen Todesanzeige gefunden, die im Buch zu sehen ist. Bemerkenswert ist auch eine historische Karte aus dem Domarchiv, die die Ausbreitung des Feuers von der Fahrgasse aus auf das Gotteshaus verdeutlicht.

Rudolf K. Wagner hat in seinem Buch alte Zeitungsartikel, Bilder und Anekdoten gesammelt, die sich rund um den Dombrand abgespielt haben. Etwa dass der unbeliebte, preußische König Wilhelm I. nur einen Tag nach dem Feuer Frankfurt seinen ersten Besuch abstattete, was als böses Omen für die Schuld am Untergang der freien Stadtrepublik angesehen wurde. Und dass der damalige Kronprinz Friedrich am selben Tag in der Badeanstalt im Main schwimmen war. Auch die Reaktion des Dichters Friedrich Stoltze hat er aufgenommen, der ein „Gedenkblatt an den Brand des Kaiserdoms und Pfarrturms zu Frankfurt“ veröffentlicht hatte.

Es ist nicht das erste historische Buch, das Rudolf K. Wagner geschrieben hat. Als Stadtteilhistoriker der Stiftung Polytechnische Gesellschaft hat er sich etwa damit beschäftigt, wie sich die ehemalige Brauerei Henrich entwickelt hat und schließlich mit Henninger fusionierte. In einem weiteren Werk befasst er sich mit der „Villa 109“ in der Darmstädter Landstraße. Dem Gebäude, das auf dem Firmengelände der Brauerei Henrich stand – und einst für die Familie seines Großvaters errichtet worden ist. Sämtliche Bücher sind im Selbstverlag erschienen. „Andere kaufen sich teure Autos“, sagt Wagner über seine Leidenschaft, „ich stecke mein Geld in die Bücher.“

Über die Nachforschungen für seine vorherigen Bücher gelangte Wagner an den Frankfurter Sammler Wolfgang Stritt. Dessen Urgroßmutter stammte aus der Müllerischen Brauerei-Familie, in deren Haus in der Fahrgasse 21 das Feuer 1867 ausgebrochen ist. Der Stadtteilhistoriker begann zu recherchieren, und bald hatte er die Idee für die schicksalhafte Verknüpfung des Dombrands mit der Lisbeth-Verbrennung auf der Bernemer Kerb – die in diesem Jahr am selben Datum wie vor 152 Jahren stattfindet.

Das reichlich bebilderte Buch „Von der Bernemer Lisbeth-Verbrennung zum Dombrand“ ist für 14,90 Euro über den Buchhandel oder direkt vom Autor zu beziehen: r.k.wagner@gmx.de.

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